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natürliche

Schöpfungsgeſchichte.

Gemeinverſtändliche wiſſenſchaftliche Vorträge über die Entwickelungslehre im Allgemeinen und diejenige von

Darwin, Goethe und Lamarck

im Beſonderen.

Von

Dr. Eruſt Haeckel

Profeſſor an der Univerſität Jena.

Vierte verbeſſerte Auflage.

Mit 16 Tafeln, 19 Holzſchnitten, 18 Stammbäumen und 19 ſyſtematiſchen Tabellen.

Berlin, 8

Verlag von Georg Reimer.

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Allgemeines Inhaltsverzeichniß

Erſter Abſchnitt: Hiſtoriſcher Theil. (J. VI. Vortrag.) Geſchichte der Entwickelungslehre. I. Vortrag. Inhalt und Bedeutung der Abſtammungslehre oder Defcen-

Seite

denztheorie . . 1 II. Vortrag. Wiſſenſchaftliche Berechtigung t der Deſtendenztheorke Schb⸗

N 8 pfungsgeſchichte nach Linne . III. Vortrag. Schöpfungsgeſchichte nach Cuvier und Agaſſtz e IV. Vortrag. Entwickelungstheorie von Goethe und OB ken 65 V. Vortrag. Entwickelungstheorie von Kant und Lamarck... 89

VI. Vortrag. Entwickelungstheorie von Lyell und Darwin. . 111 Zbweiter Abſchnitt: Darwiniſtiſcher Theil. (VII. XI. Vortrag.)

Der Darwinismus oder die Seleetionstheorie. VII. Vortrag. Die Züchtungslehre oder Selectionstheorie. (Der Darwi⸗

Miss.) 5% ͤ RE VIII. Vortrag. Vererbung und hehe A R IX. Vortrag. Vererbungsgeſetze. Anpaſſung und Ernährung. n X. Vortrag. Anpaſſungsgeſetze . 203 Kl. Vortrag. Die natürliche Züchtung durch ber Kampf ums Dasein. 1 Arbeitstheilung und Fortſchritttt 2 2 2 225 = 2 *

IV Allgemeines Inhaltsverzeichniß. Dritter Abſchnitt: Kosmogenetiſcher Theil. (XII XV. Vortrag.) Grundzüge und Grundgeſetze der Entwickelungslehre.

eite XII. Vortrag. Entwickelungsgeſetze der organiſchen Stämme und Indi⸗ 5 viduen. Phylogenie und Ontogenie . 3 XIII. Vortrag. Entwickelungstheorie des Weltalls und der Site, Fe gung. Kohlenſtofftheorie. Plaſtidentheorie . . . 281 XIV. Vortrag. Wanderung und Verbreitung der Organismen. Die Cho⸗ rologie und die Eiszeit der Erde . 311 XV. Vortrag. Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden . 333 Vierter Abſchnitt: Phylogenetiſcher Theil. (XVI— XXI. Vortrag.) Die Phylogenie oder Stammesgeſchichte der Organismen. XVI. Vortrag. Stammbaum und Geſchichte des Protiſtenreich. .. 364 XVII Vortrag. Stammbaum und Geſchichte des Pflanzenreichs .. 400 XVIII. Vortrag. Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. I. Urthiere, Pflanzenthiere, Wurmthiere . 435

XIX. Vortrag. Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. II. Weichthiere, Sternthiere, Gliederthiere .. 468 XX. Vortrag. Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs.

III. Wirbelthiere -» R XXI. Vortrag. Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. IV. Sängethiere uns 1 > «DR

Fünfter Abſchnitt: 1 el (XXI XXIV. Vortrag.)

Die Anwendung der Entwickelungslehre auf den

Menſchen. XXII. Vortrag. Urſprung und Stammbaum des Menſchen .. . 564 XXIII. Vortrag. Wanderung und Verbreitung des Menſchengeſchlechts. Meuſchenarten und Menſchenraſſen - 53328

XXIV. Vortrag. Einwände gegen und Beweiſe für die Wahrheit der Desen. denzther re 25 77 BSEHEREeEn De 7 EEE

Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

Vorwort zur erſten Auflage Vorwort zur dritten Auflaghnite ge

Vorwort zur vierten Auflage Die Natur (Goethe, 178hhõ » » 2 2 2 nee.

Erſter Vortrag.

Inhalt und Bedeutung der Abſtammungslehre oder De⸗ ſcendenztheorie x Allgemeine Bedeutung und weſentlcher Juhalt der von 1 imer ER mirten Abſtammungslehre oder Deſcendenztheorie. Beſondere Bedeutung der- ſelben für die Biologie (Zoologie und Botanik). Beſondere Bedeutung der- ſelben für die natürliche Entwickelungsgeſchichte des Menſchengeſchlechts. Die Abſtammungslehre als natürliche Schöpfungsgeſchichte. Begriff der Schö- pfung. Wiſſen und Glauben. Schöpfungsgeſchichte und Entwickelungsge⸗ ſchichte. Zuſammenhang der individuellen und paläontologiſchen Entwicke⸗ lungsgeſchichte. Unzweckmäßigkeitslehre oder Wiſſenſchaft von den rudimen⸗ tären Organen. Unnütze und überflüſſige Einrichtungen im Organismus. Gegenſatz der beiden grundverſchiedenen Weltanſchauungen, der moniſtiſchen (mechaniſchen, cauſalen) und der dualiſtiſchen (teleologiſchen, vitalen). Be⸗ gründung der erſteren durch die Abſtammungslehre. Einheit der organi⸗ ſchen und anorganiſchen Natur, und Gleichheit der wirkenden Urſachen in Beiden. Bedeutung der Abſtammungslehre für die einheitliche (moniſtiſche) Auffaſſung der ganzen Natur.

Zweiter Vortrag.

Wiſſenſchaftliche Berechtigung der Deſeendenztheorie. Schöpfungsgeſchichte nach Linné Die Abſtammungslehre oder Deſcendenztheorie als bie einheitliche Er.

22

VI Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

klärung der organiſchen Naturerſcheinungen durch natürlich wirkende Urſachen. Vergleichung derſelben mit Newton's Gravitationstheorie. Grenzen der wiſ— ſenſchaftlichen Erklärung und der menſchlichen Erkenntniß überhaupt. Alle Erkenntniß urſprünglich durch ſinnliche Erfahrung bedingt, apoſteriori. Uebergang der apoſterioriſchen Erkenntniſſe durch Vererbung in aprioriſche Erkenntniſſe. Gegenſatz der übernatürlichen Schöpfungshypotheſen von Linne, Cuvier, Agaſſiz, und der natürlichen Entwickelungstheorien von Lamarck, Goethe, Darwin. Zuſammenhang der erſteren mit der moniſtiſchen (mecha— niſchen), der letzteren mit der dualiſtiſchen (teleologiſchen) Weltanſchauung. Monismus und Materialismus. Wiſſenſchaftlicher und ſittlicher Materialis⸗ mus. Schöpfungsgeſchichte des Moſes. Linns als Begründer der ſyſtema⸗ tiſchen Naturbeſchreibung und Artunterſcheidung. Linns's Claſſifikation und binäre Nomenclatur. Bedeutung des Speciesbegriffs bei Linné. Seine Schöpfungsgeſchichte. Linné's Anſicht von der Entſtehung der Arten.

Dritter Vortrag.

Schöpfungsgeſchichte nach Cuvier und Agaſſiz

Allgemeine theoretiſche Bedeutung des Speciesbegriffs. Unterſchied in der theoretiſchen und praktiſchen Beſtimmung des Artbegriffs. Cuvier's De- finition der Species. Cuvier's Verdienſte als Begründer der vergleichenden Anatomie. Unterſcheidung der vier Hauptformen (Typen oder Zweige) des Thierreichs durch Cuvier und Bär. Cuvier's Verdienſte um die Paläonto⸗ logie. Seine Hypotheſe von den Revolutionen des Erdballs und den durch dieſelben getrennten Schöpfungsperioden. Unbekannte, übernatürliche Urſa⸗ chen dieſer Revolutionen und der darauf folgenden Neuſchöpfungen. Teleo⸗ logiſches Naturſyſtem von Agaſſiz. Seine Vorſtellungen vom Schöpfungs⸗ plane und deſſen ſechs Kategorien (Gruppenſtufen des Syſtems). Agaſſiz' Anſichten von der Erſchaffung der Species. Grobe Vermenſchlichung (An- thropomorphismus) des Schöpfers in der Schöpfungshypotheſe von Agaſſiz. Innere Uuhaltbarkeit derſelben und Widerſprüche mit den von Agaſſiz ent- deckten wichtigen paläontologiſchen Geſetzen.

Vierter Vortrag.

Entwickelungstheorie von Goethe und Oken Wiſſenſchaftliche Unzulänglichkeit aller Vorſtellungen von einer Schöpfung der einzelnen Arten. Nothwendigkeit der entgegengeſetzten Entwidelungstheo-

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65

Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

rien. Geſchichtlicher Ueberblick über die wichtigſten Entwickelungstheorien. Ariſtoteles. Seine Lehre von der Urzeugung. Die Bedeutung der Natur⸗ philoſophie. Goethe. Seine Verdienſte als Naturforſcher. Seine Meta— morphoſe der Pflanzen. Seine Wirbeltheorie des Schädels. Seine Ent- deckung des Zwiſchenkiefers beim Menſchen. Goethe's Theilnahme an dem Streite zwiſchen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire. Goethe's Entdeckung der beiden organiſchen Bildungstriebe, des konſervativen Specifikationstriebes (der Vererbung) und des progreſſiven Umbildungstriebes (der Anpaſſung). Goethe's Anſicht von der gemeinſamen Abſtammung aller Wirbelthiere mit Inbegriff des Menſchen. Entwickelungstheorie von Gottfried Reinhold Treviranus. Seine moniſtiſche Naturauffaſſung. Oken. Seine Naturphiloſophie. Oken's Vorſtellung vom Urſchleim (Protoplasmatheorie). Oken's Vorſtellung von den Infuſorien (Zellentheorie). Oken's Entwickelungstheorie.

Fünfter Vortrag.

Entwickelungstheorie von Kant und Lamarck un.

Kant's dualiſtiſche Biologie. Seine Anſicht von der Entſtehung der An⸗ organe durch mechaniſche, der Organismen durch zweckthätige Urſachen. Wider⸗ ſpruch dieſer Anſicht mit ſeiner Hinneigung zur Abſtammungslehre. Kant's genealogiſche Entwickelungstheorie. Beſchränkung derſelben durch feine Te- leologie. Vergleichung der genealogiſchen Biologie mit der vergleichenden Sprachforſchung. Anſichten zu Gunſten der Deſcendenztheorie von Leopold Buch, Bär, Schleiden, Unger, Schaafhauſen, Victor Carus, Büchner. Die franzöſiſche Naturphiloſophie. Lamarck's Philoſophie zoologique. Lamarck's moniſtiſches (mechaniſches) Naturſyſtem. Seine Anſichten von der Wechſel— wirkung der beiden organiſchen Bildungskräfte, der Vererbung und Anpaſ— ſung. Lamarck's Anſicht von der Entwickelung des Menſchengeſchlechts aus affenartigen Säugethieren. Vertheidigung der Deſcendenztheorie durch Geof- froy S. Hilaire, Naudin und Lecog. Die engliſche Naturphiloſophie. An⸗ ſichten zu Gunſten der Deſcendenztheorie von Erasmus Darwin, Grant, Herbert Spencer, Hooker, Huxley. Doppeltes Verdienſt von Charles Darwin.

Sechſter Ader. e von Lyell und Darwin bg Charles Lyell's Grundſätze der Geologie. Seine natürliche Entwicke— lungsgeſchichte der Erde. Entſtehung der größten Wirkungen durch Sum⸗

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VIII Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

mirung der kleinſten Urſachen. Unbegrenzte Länge der geologiſchen Zeit⸗ räume. Lyell's Widerlegung der Cuvier'ſchen Schöpfungsgeſchichte. Begrün⸗ dung des ununterbrochenen Zuſammenhangs der geſchichtlichen Entwickelung durch Lyell und Darwin. Biographiſche Notizen über Charles Darwin. Seine wiſſenſchaftlichen Werke. Seine Korallenrifftheorie. Entwickelung der Selectionstheorie. Ein Brief von Darwin. Gleichzeitige Veröffentli- chung der Selectionstheorie von Charles Darwin und Alfred Wallace. Dar⸗ win's Studium der Hausthiere und Culturpflanzen. Andreas Wagner's Anſicht von der beſonderen Schöpfung der Culturorganismen für den Men⸗ ſchen. Der Baum des Erkenntniſſes im Paradies. Vergleichung der wil- den und der Culturorganismen. Darwin's Studium der Haustauben. Bedeutung der Taubenzucht. Gemeinſame Abſtammung aller Tauben⸗ raſſen.

Siebenter Vortrag.

Die Züchtungslehre oder Selectionstheorie. (Der Dar⸗ ma ꝶ,⸗;=;ꝛ¶ c ð : Darwinismus (Selectionstheorie) und Lamarckismus Weſtenden hebt. Der Vorgang der künſtlichen Züchtung: Ausleſe (Selection) der verſchiede⸗ nen Einzelweſen zur Nachzucht. Die wirkenden Urſachen der Umbildung: Abänderung, mit der Ernährung zuſammenhängend, und Vererbung, mit der Fortpflanzung zuſammenhängend. Mechaniſche Natur dieſer beiden phyſiologiſchen Functionen. Der Vorgang der natürlichen Züchtung: Aus⸗ leſe (Selection) durch den Kampf um's Daſein. Malthus' Bevölkerungs⸗ theorie. Mißverhältniß zwiſchen der Zahl der möglichen (potentiellen) und der wirklichen (actuellen) Individuen jeder Organismenart. Allgemeiner Wettkampf um die Exiſtenz, oder Mitbewerbung um die Erlangung der nothwendigen Lebensbedürfniſſe. Umbildende und züchtende Kraft dieſes Kampfes um's Daſein. Vergleichung der natürlichen und der künſtlichen Züchtung. Zuchtwahl im Menſchenleben. Militäriſche und medieiniſche Züchtung.

Achter Vortrag.

Vererbung und Fortpflanzung 5

Allgemeinheit der Erblichkeit und der Vererbung. Auffalende beſondere Aeußerungen derſelben. Menſchen mit vier, ſechs oder ſieben Fingern und Zehen. Stachelſchweinmenſchen. Vererbung von Krankheiten, namentlich von

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Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

Geiſteskrankheiten. Erbſünde. Erbliche Monarchie. Erbadel. Erbliche Ta⸗ lente und Seeleneigenſchaften. Materielle Urſachen der Vererbung. Zuſam⸗ menhang der Vererbung mit der Fortpflanzung. Urzeugung und Fortpflan⸗ zung. Ungeſchlechtliche oder monogene Fortpflanzung. Fortpflanzung durch Selbſttheilung. Moneren und Amoeben. Fortpflanzung durch Knospenbil⸗ dung, durch Keimknospenbildung und durch Keimzellenbildung. Geſchlechtliche oder amphigone Fortpflanzung. Zwitterbildung oder Hermaphroditismus. Geſchlechtstrennung oder Gonochorismus. Jungfräuliche Zeugung oder Par- thenogeneſis. Materielle Uebertragung der Eigenſchaften beider Eltern auf das Kind bei der geſchlechtlichen Fortpflanzung. Unterſchied der Vererbung bei der geſchlechtlichen und bei der ungeſchlechtlichen Fortpflanzung.

Neunter Vortrag.

Vererbungsgeſetze. Anpaſſung und Ernährung

Unterſcheidung der erhaltenden und fortſchreitenden Vererbung. Geſetze der erhaltenden oder conſervativen Erblichkeit: Vererbung ererbter Charaf- tere. Ununterbrochene oder continuirliche Vererbung. Unterbrochene oder latente Vererbung. Generationswechſel. Rückſchlag. Verwilderung. Ge⸗ ſchlechtliche oder ſexuelle Vererbung. Secundäre Sexualcharaktere. Ge⸗ miſchte oder amphigone Vererbung. Baſtardzeugung. Abgekürzte oder ver- einfachte Vererbung. Geſetze der fortſchreitenden oder progreſſiven Erblich⸗ keit: Vererbung erworbener Charaktere. Angepaßte oder erworbene Verer⸗ bung. Befeſtigte oder conſtituirte Vererbung. Gleichzeitliche oder homo⸗ chrone Vererbung. Gleichörtliche oder homotope Vererbung. Anpaſſung und Veränderlichkeit. Zuſammenhang der Anpaſſung und der Ernährung. Unterſcheidung der indirecten und directen Anpaſſung.

Zehnter Vortrag.

Anpaſſungsgeſetze 5

Geſetze der indirecten oder potentiellen Anpaſſung. Individuelle Anpaf. ſung. Monſtröſe oder ſprungweiſe Anpaſſung. Geſchlechtliche oder ſexuelle Anpaſſung. Geſetze der directen oder actuellen Anpaſſung. Allgemeine oder univerſelle Anpaſſung. Gehäufte oder cumulative Anpaſſung. Gehäufte Ein⸗ wirkung der äußeren Exiſtenzbedingungen und gehäufte Gegenwirkung des Organismus. Der freie Wille. Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe. Uebung und Gewohnheit. Wechſelbezügliche oder correlative Anpaſſung. Wech⸗

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Ei Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

ſelbeziehungen der Entwickelung. Correlation der Organe. Erklärung der indirecten oder potentiellen Anpaſſung durch die Correlation der Geſchlechts— organe und der übrigen Körpertheile. Abweichende oder divergente Anpaj- ſung. Unbeſchränkte oder unendliche Anpaſſung.

Elfter Vortrag.

Die natürliche Züchtung durch den Kampf um's Daſein. Arbeitstheilung und Fortſchritt

Wechſelwirkung der beiden organiſchen Bildungstriebe, der ene wi Anpaſſung. Natürliche und künſtliche Züchtung. Kampf um's Daſein oder Wettkampf um die Lebensbedürfniſſe. Mißverhältniß zwiſchen der Zahl der möglichen (potentiellen) und der Zahl der wirkichen (actuellen) Individuen. Verwickelte Wechſelbeziehungen aller benachbarten Organismen. Wirkungs- weiſe der natürlichen Züchtung. Gleichfarbige Zuchtwahl als Urſache der ſym— pathiſchen Färbungen. Geſchlechtliche Zuchtwahl als Urſache der ſecundären Sexualcharaktere. Geſetz der Sondernng oder Arbeitstheilung (Polymorphis⸗ mus, Differenzirung, Divergenz des Charakters). Uebergang der Varietäten in Species. Begriff der Species. Baſtardzeugung. Geſetz des Fortſchritts oder der Vervollkommnung (Progreſſus, Teleoſis).

Zwölfter Vortrag.

Entwickelungsgeſetze der organiſchen Stämme und Indi⸗ viduen. Phylogenie und Ontogenie e eee

Entwickelungsgeſetze der Menſchheit: Differenzirung und Vervollkomm— nung. Mechaniſche Urſache dieſer beiden Grundgeſetze. Fortſchritt ohne Dif— ferenzirung und Differenzirung ohne Fortſchritt. Entſtehung der rudimen— tären Organe durch Nichtgebrauch und Abgewöhnung. Ontogeneſis oder in— dividuelle Entwickelung der Organismen. Allgemeine Bedeutung derſelben. Ontogenie oder individuelle Entwickelungsgeſchichte der Wirbelthiere, mit In⸗ begriff des Menſchen. Eifurchung. Bildung der dreissteimblätter. Ent⸗ wickelungsgeſchichte des Centralnervenſyſtems, der Extremitäten, der Kiemen⸗ bogen und des Schwanzes bei den Wirbelthieren. Urſächlicher Zuſammen⸗ hang und Parallelismus der Ontogeneſis und Phylogeneſis, der individuellen und der Stammesentwickelung. Urſächlicher Zuſammenhang und Parallelis⸗ mus der Phylogeneſis und der ſyſtematiſchen Entwickelung. Parallelismus der drei organiſchen Entwickelungsreihen.

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Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

Dreizehnter Vortrag.

Entwickelungstheorie des Weltalls und der Erde. Ur⸗ zeugung. Kohlenſtofftheorie. Plaſtidentheorie

Entwickelungsgeſchichte der Erde. Kant's Entwickelungstheorie des Welt— alls oder die kosmologiſche Gastheorie. Entwickelung der Sonnen, Planeten und Monde. Erſte Entſtehung des Waſſers. Vergleichung der Organismen und Anorgane. Organiſche und anorganiſche Stoffe. Dichtigkeitsgrade oder Aggregatzuſtände. Eiweißartige Kohlenſtoffverbindungen. Organiſche und an⸗ organiſche Formen. Kryſtalle und ſtructurloſe Organismen ohne Organe. Stereometriſche Grundformen der Kryſtalle und der Organismen. Organiſche und anorganiſche Kräfte. Lebenskraft. Wachsthum und Anpaſſung bei Kry- ſtallen und bei Organismen. Bildungstriebe der Kryſtalle. Einheit der or⸗ ganiſchen und anorganiſchen Natur. Urzeugung oder Archigonie. Autogonie und Plasmogonie. Entſtehung der Moneren durch Urzeugung. Entſtehung der Zellen aus Moneren. Zellentheorie. Plaſtidentheorie. Plaſtiden oder Bildnerinnen. Cytoden und Zellen. Vier verſchiedene Arten von Plaſtiden.

Vierzehnter Vortrag.

Wanderung und Verbreitung der Organismen. Die Cho⸗ rologie und die Eiszeit der Erde Chorologiſche Thatſachen und Urſachen. Einmalige Entſtehung der mei- ſten Arten an einem einzigen Orte: „Schöpfungsmittelpunkte“. Ausbreitung durch Wanderung. Active und paſſive Wanderungen der Thiere und Pflan⸗ zen. Transportmittel. Transport der Keime durch Waſſer und Wind. Beſtändige Veränderung der Verbreitungsbezirke durch Hebungen und Sen— kungen des Bodens. Chorologiſche Bedeutung der geologiſchen Vorgänge. Einfluß des Klima-Wechſels. Eiszeit oder Glacial-Periode. Ihre Bedeu— tung für die Chorologie. Bedeutung der Wanderungen für die Entſtehung neuer Arten. Iſolirung der Koloniſten. Wagner's „Migrationsgeſetz“. Verhältniß der Migrationstheorie zur Selectionstheorie. Uebereinſtimmung ihrer Folgerungen mit der Deſcendenztheorie.

Fünfzehnter Vortrag.

Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden k Reform der Syſtematik durch die Deſcendenztheorie. Das natürliche Sy— ſtem als Stammbaum. Paläontologiſche Urkunden des Stammbaumes. Die

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XI Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

Verſteinerungen als Denkmünzen der Schöpfung. Ablagerung der neptuni⸗ ſchen Schichten und Einfluß der organiſchen Reſte. Eintheilung der orga⸗ niſchen Erdgeſchichte in fünf Hauptperioden: Zeitalter der Tangwälder, Farn⸗ wälder, Nadelwälder, Laubwälder und Culturwälder. Syſtem der neptuni⸗ ſchen Schichten. Unermeßliche Dauer der während ihrer Bildung verfloſſenen Zeiträume. Ablagerung der Schichten nur während der Senkung, nicht wäh⸗ rend der Hebung des Bodens. Andere Lücken der Schöpfungsurkunde. Me⸗ tamorphiſcher Zuſtand der älteſten neptuniſchen Schichten. Geringere Ausdeh- nung der paläontologiſchen Erfahrungen. Geringer Bruchtheil der verſteine⸗ rungsfähigen Organismen und organiſchen Körpertheile. Seltenheit vieler verſteinerten Arten. Mangel foſſiler Zwiſchenformen. Die Schöpfungsur⸗ kunden der Ontogenie und der vergleichenden Anatomie.

Sechszehnter Vortrag.

Stammbaum und Geſchichte des Protiſtenreichs

Specielle Durchführung der Deſcendenztheorie in dem natürlichen Syſtem der Organismen. Conſtruktion der Stammbäume. Abſtammung aller mehr- zelligen Organismen von einzelligen. Abſtammung der Zellen von Mone— ren. Begriff der organiſchen Stämme und Phylen. Zahl der Stämme des Thierreichs und des Pflanzenreichs. Einheitliche oder monophyletiſche und vielheitliche oder polyphyletiſche Deſcendenzhypotheſe. Das Reich der Pro- tiſten oder Urweſen. Acht Klaſſen des Protiſtenreichs. Moneren. Amoe⸗ boiden oder Protoplaſten. Geißelſchwärmer oder Flagellaten. Flimmerku⸗ geln oder Katallakten. Labyrinthläufer oder Labyrinthuleen. Kieſelzellen oder Diatomeen. Schleimpilze oder Myxomyceten. Wurzelfüßer oder Rhizo⸗ poden. Bemerkungen zur allgemeinen Naturgeſchichte der Protiſten: Ihre Lebenserſcheinungen, chemiſche Zuſammenſetzung und Formbildung (Indivi⸗ dualität und Grundform). Phylogenie des Protiſtenreichs.

Siebenzehnter Vortrag.

Stammbaum und Geſchichte des Pflanzenreichs

Das natürliche Syſtem des Pflanzenreichs. Eintheilung des Pflanzen⸗ reichs in ſechs Hauptklaſſen und neunzehn Klaſſen. Unterreich der Blumen⸗ loſen (Cryptogamen). Stammgruppe der Thalluspflanzen. Zange oder Al⸗ gen (Urtange, Grüntange, Brauntange, Rothtange, Mostange). Fadenpflan⸗ zen oder Inophyten (Flechten und Pilze). Stammgruppe der Prothallus⸗

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Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

pflanzen. Moſe oder Muscinen (Lebermoſe, Laubmoſe). Farne oder Filicinen (Laubfarne, Schaftfarne, Waſſerfarne, Zungenfarne, Schuppenfarne). Unter⸗ reich der Blumenpflanzen (Phanerogamen). Nacktſamige oder Gymnoſper⸗ men. Palmfarne (Cycadeen). Nadelhölzer (Coniferen). Meningos (Gneta⸗ ceen). Deckſamige oder Angioſpermen. Monocotylen. Dicotylen. Kelch⸗ blüthige (Apetalen). Sternblüthige (Diapetalen). Glockenblüthige (Gamope⸗ talen).

Achtzehnter Vortrag.

Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. I. Urthiere, Pflanzenthiere, Wurmthiere 5 5 Das natürliche Syſtem des Thierreichs. e von Linne das La. marck. Die vier Typen von Bär und Cuvier. Vermehrung derſelben auf ſieben Typen. Genealogiſche Bedeutung der ſieben Typen als ſelbſtſtändiger Stämme des Thierreichs. Monophyletiſche und polyphyletiſche Defcendenz- hypotheſe des Thierreichs. Abſtammung der Pflanzenthiere und Würmer von den Urthieren. Gemeinſamer Urſprung der vier höheren Thierſtämme aus dem Würmerſtamm. Eintheilung der ſieben Thierſtämme in 16 Haupt⸗ klaſſen und 38 Klaſſen. Stamm der Urthiere. Urahnthiere (Moneren, Amoeben, Synamoeben). Gregarinen. Infuſionsthiere. Planäaden und Gaſträaden (Planula und Gaſtrula). Stamm der Pflanzenthiere. Schwämme oder Spongien (Schleimſchwämme, Faſerſchwämme, Kalkſchwämme). Neſſel⸗ thiere oder Akalephen (Korallen, Schirmquallen, Kammquallen). Stamm der Wurmthiere. Plattwürmer. Rundwürmer. Mosthiere. Mantelthiere. Rüſſelwürmer. Sternwürmer. Räderwürmer. Ringelwürmer.

Ueunzehnter Vortrag.

Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. II. Weich⸗ thiere, Sternthiere, Gliederthiere ; : Stamm der Weichthiere oder Mollusken. Vier Klaſſen 55 Weichthere: Taſcheln (Spirobranchien). Muſcheln (Lamellibranchien). Schnecken (Cochli⸗ den). Kracken (Cephalopoden). Stamm der Sternthiere oder Echinodermen. Abſtammung derſelben von den gegliederten Würmern (Panzerwürmern oder Phraktelminthen). Generationswechſel der Echinodermen. Vier Klaſſen der Sternthiere: Seeſterne (Aſteriden). Seelilien (Krinoiden). Seeigel (Echiniden). Seegurken (Holothurien). Stamm der Gliederthiere oder Arthropoden. Vier Klaſſen der Gliederthiere. Kiemenathmende Gliederthiere oder Cruſtaceen.

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XIV Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

(Gliederkrebſe, Panzerkrebſe). Luftröhrenathmende Gliederthiere oder Trachea⸗ ten. Spinnen (Streckſpinnen, Rundſpinnen). Tauſendfüßer. Inſecten. Kauende und ſaugende Inſecten. Stammbaum und Geſchichte der acht In⸗ ſecten-Ordnungen.

Zwanzigſter Vortrag.

Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. III. Wirbel⸗ i ͤ V F ̃˙ ˙G;“X᷑ Die Schöpfungsurkunden der Wirbelthiere. (Vergleichende Anatomie, Embryologie und Paläontologie.) Das natürliche Syſtem der Wirbelthiere. Die vier Klaſſen der Wirbelthiere von Linns und Lamarck. Vermehrung der- ſelben auf neun Klaſſen. Hauptklaſſe der Rohrherzen oder Schädelloſen (Lan— zetthiere). Blutsverwandtſchaft der Schädelloſen mit den Mantelthieren. Ueber- einſtimmung der embryonalen Entwickelung von Amphioxus und von den Ascidien. Urſprung des Wirbelthierſtammes aus der Würmergruppe. Haupt⸗ klaſſe der Unpaarnaſen oder Rundmäuler (Inger und Lampreten). Haupt⸗ klaſſe der Anamnien oder Amnionloſen. Fiſche (Urfiſche, Schmelzfiſche, Kno⸗ chenfiſche). Lurchfiſche oder Dipneuſten. Seedrachen oder Haliſaurier. Lurche oder Amphibien (Panzerlurche, Nacktlurche). Hauptklaſſe der Amnionthiere oder Amnioten. Reptilien (Stammreptilien, Eidechſen, Schlangen, Crocodile, Schildkröten, Flugreptilien, Drachen, Schnabelreptilien). Vögel (Fieder- ſchwänzige, Fächerſchwänzige, Büſchelſchwänzige).

Einundzwanzigſter Vortrag.

Stammbaum und Geſchichte des Thierreichs. IV. Säuge⸗ iche e 1 era e ehr. en eu

Syſtem der Säugethiere nach Linns und nach Blainville. Drei Unter⸗ klaſſen der Säugethiere (Ornithodelphien, Didelphien, Monodelphien). Orni⸗ thodelphien oder Monotremen. Schnabelthiere (Ornithoſtomen). Didelphien oder Marſupialien. Pflanzenfreſſende und fleiſchfreſſende Beutelthiere. Mo⸗ nodelphien oder Placentalien (Placentalthiere). Bedeutung der Placenta. Zottenplacentner. Gürtelplacentner. Scheibenplacentner. Deciditalofe oder Indeciduen. Hufthiere. Unpaarhufer und Paarhufer. Walthiere. Zahn⸗ arme. Deeiduathiere oder Deciduaten. Halbaffen. Nagethiere. Schein⸗ hufer. Inſectenfreſſer. Raubthiere. Flederthiere. Affen.

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Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

Zweiundzwanzigſter Vortrag.

Urſprung und Stammbaum des Menſchen x

Die Anwendung der Deſcendenztheorie auf den Menſchen. Unermeßliche Bedeutung und logiſche Nothwendigkeit derſelben. Stellung des Menſchen im natürlichen Syſtem der Thiere, insbeſondere unter den discoplacentalen Säugethieren. Unberechtigte Trennung der Vierhänder und Zweihänder. Be— rechtigte Trennung der Halbaffen von den Affen. Stellung des Menſchen in der Ordnung der Affen. Schmalnaſen (Affen der alten Welt) und Platt- naſen (amerikaniſche Affen). Unterſchiede beider Gruppen. Entſtehung des Menſchen aus Schmalnaſen. Menſchenaffen oder Anthropoiden. Afrikaniſche Menſchenaffen (Gorilla und Schimpanſe). Aſiatiſche Menſchenaffen (Orang und Gibbon). Vergleichung der verſchiedenen Menſchenaffen und der ver— ſchiedenen Menſchenraſſen. Ueberſicht der Ahnenreihe des Menſchen. Wirbel- loſe Ahnen (Prochordaten) und Wirbelthier-Ahnen.

Dreiundzwanzigſter Vortrag.

Wanderung und Verbreitung des Menſchengeſchlechts. Menſchenarten und Menſchenraſſen ir Alter des Menſchengeſchlechts. Urſachen der Entſtehung deſſelben. Der Urſprung der menſchlichen Sprache. Einſtämmiger (monophyletiſcher) und vielſtämmiger (polyphyletiſcher) Urſprung des Menſchengeſchlechts. Abſtam⸗ mung der Menſchen von vielen Paaren. Claſſification der Menſchenraſſen. Syſtem der zwölf Menſchenarten. Wollhaarige Menſchen oder Ulotrichen. Büſchelhaarige (Papua's, Hottentotten). Vließhaarige (Kaffern, Neger). Schlichthaarige Menſchen oder Liſſotrichen. Straffhaarige (Auſtralier, Ma⸗ layen, Mongolen, Arktiker, Amerikaner). Lockenhaarige (Dravidas, Nubier, Mittelländer). Bevölkerungszahlen. Urheimath des Menſchen (Südaſien oder Lemurien). Beſchaffenheit des Urmenſchen. Zahl der Urſprachen (Monoglot⸗ tonen und Polyglottonen). Divergenz und Wanderung des Menſchengeſchlechts. Geographiſche Verbreitung der Menſchenarten.

Vierundzwanzigſter Vortrag.

Einwände gegen und eie es die EDEN der De- ſeendenztheorie i 5 Einwände gegen die Abſtammmmgelehre. Einwände des Glaubens 0

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XVI Beſonderes Inhaltsverzeichniß.

der Vernunft. Unermeßliche Länge der geologiſchen Zeiträume. Uebergangs⸗ formen zwiſchen den verwandten Species. Abhängigkeit der Formbeſtändigkeit von der Vererbung, und des Formwechſels von der Anpaſſung. Entſtehung ſehr zuſammengeſetzter Organiſations-Einrichtungen. Stufenweiſe Entwide- lung der Inſtinkte und Seelenthätigkeiten. Entſtehung der aprioriſchen Er— kenntniſſe aus apoſterioriſchen. Erforderniſſe für das richtige Verſtändniß der Abſtammungslehre. Nothwendige Wechſelwirkung der Empirie und Philoſo— phie. Beweiſe für die Deſcendenztheorie. Innerer urſächlicher Zuſammenhang aller biologiſchen Erſcheinungsreihen. Der directe Beweis der Selections— theorie. Verhältniß der Deſcendenztheorie zur Anthropologie. Beweiſe für den thieriſchen Urſprung des Menſchen. Die Pithekoidentheorie als untrenn— barer Beſtandtheil der Deſcendenztheorie. Induction und Deduction. Stufen⸗ weiſe Entwickelung des menſchlichen Geiſtes. Körper und Geiſt. Menſchen⸗ ſeele und Thierſeele. Blick in die Zukunft.

Verzeichniß der im Texte mit Ziffern angeführten Schrif⸗ D Erklärung der Tafeln ns Titelbild: Entwickelungsgeſchichte eines Koltſchwammes Olonthus) u Taf. I. Lebensgeſchichte eines einfachſten Organismus, eines Moneres (Protomyza aurantiaca) rn. Taf. II und III. Keime oder Embryen von vier Wirbelthieren Sci kröte, Huhn, Hund, Menſch) Fr Taf. IV. Hand von neun verſchiedenen Säugethieren Taf. V. Stammbaum des Pflanzenreichs, paläontologiſch begründet Taf. VI. Geſchichtliches Wachsthum der ſechs Thierſtämme Taf. VII. Gruppe von Pflanzenthieren im Mittelmeere Taf. VIII und IX. Generationswechſel der Sternthie . Taf. X und XI. Entwickelungsgeſchichte der Krebsthiere oder Cruſtaceen Taf. XII und XIII. Entwickelungsgeſchichte der Ascidie und des Amphioxus Taf. XIV. Stammbaum des Wirbelthierſtammes, paläontologiſch be⸗ gründet Taf. XV. Hypothetiſche Stize des EEE 3 HN der Verbreitung der zwölf Menſchen⸗Species von Lemurien aus über die „ ͤ ͤwᷣñ᷑ 3 „„ , Eh er) 2 EEE

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Vorwort

zur erſten Auflage.

Die vorliegenden freien Vorträge über „natürliche Schöpfungs— geſchichte“ find im Winterſemeſter 186 vor einem aus Laien und Studirenden aller Facultäten zuſammengeſetzten Publikum hier von mir gehalten, und von zweien meiner Zuhörer, den Studirenden Hoͤrn— lein und Römheld, ſtenographirt worden. Abgeſehen von den redactio— nellen Veränderungen des ſtenographiſchen Manuſeripts, habe ich an mehreren Stellen Erörterungen weggelaſſen, welche für meinen enge— ren Zuhörerkreis von beſonderem Intereſſe waren, und dagegen an anderen Stellen Erläuterungen eingefügt, welche mir für den wei— teren Leſerkreis erforderlich ſchienen. Die Abkürzungen betreffen be— ſonders die erſte Hälfte, die Zuſätze dagegen die zweite Hälfte der Vorträge. Der XV., XVI., XVII. und XVIII. Vortrag, welche ur- ſprünglich zuſammen nur zwei Vorträge bildeten, ſind gänzlich um— gearbeitet und bedeutend erweitert worden.

Die „natürliche Schöpfungsgeſchichte“ oder richtiger ausgedrückt: Die „natürliche Entwickelungslehre“, deren ſelbſtſtändige Förderung und weitere Verbreitung den Zweck dieſer Vorträge bildet, iſt ſeit nun bald zehn Jahren durch die große Geiſtesthat von Charles Darwin in ein neues Stadium ihrer Entwickelung getreten. Was frühere Anhänger derſelben nur unbeſtimmt andeuteten oder ohne Er— folg ausſprachen, was ſchon Wolfgang Goethe mit dem propheti— ſchen Genius des Dichters, weit ſeiner Zeit vorauseilend, ahnte, was

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XVIII Vorwort zur erſten Auflage.

Jean Lamarck bereits, unverſtanden von ſeinen befangenen Zeit— genoſſen, zu einer klaren wiſſenſchaftlichen Theorie formte, das iſt durch das epochemachende Werk von Charles Darwin unver— äußerliches Erbgut der menſchlichen Erkenntniß und die erſte Grund— lage geworden, auf der alle wahre Wiſſenſchaft in Zukunft weiter bauen wird. „Entwickelung“ heißt von jetzt an das Zauberwort, durch das wir alle uns umgebenden Räthſel löſen, oder wenigſtens auf den Weg ihrer Löſung gelangen können. Aber wie Wenige haben dieſes Loſungswort wirklich verſtanden, und wie Wenigen iſt ſeine weltumgeſtaltende Bedeutung klar geworden! Befangen in der mythi— ſchen Tradition von Jahrtauſenden, und geblendet durch den falſchen Glanz mächtiger Autoritäten, haben ſelbſt hervorragende Männer der Wiſſenſchaft in dem Siege der Entwickelungstheorie nicht den größten Fortſchritt, ſondern einen gefährlichen Rückſchritt der Naturwiſſenſchaft erblickt, und namentlich den biologiſchen Theil derſelben, die Abſtam— mungslehre oder Deſcendenztheorie, unrichtiger beurtheilt, als der ge— ſunde Menſchenverſtand des gebildeten Laien. ö

Dieſe Wahrnehmung vorzüglich war es, welche mich zur Ver— öffentlichung dieſer gemeinverſtändlichen wiſſenſchaftlichen Vorträge be— ſtimmte. Ich hoffe dadurch der Entwickelungslehre, welche ich für die größte Eroberung des menſchlichen Geiſtes halte, manchen An— hänger auch in jenen Kreiſen der Geſellſchaft zuzuführen, welche zu— nächſt nicht mit dem empiriſchen Material der Naturwiſſenſchaft, und der Biologie insbeſondere, näher vertraut, aber durch ihr Intereſſe an dem Naturganzen berechtigt, und durch ihren natürlichen Men— ſchenverſtand befähigt ſind, die Entwickelungstheorie zu begreifen, und als Schlüſſel zum Verſtändniß der Erſcheinungswelt zu benutzen. Die Form der freien Vorträge, in welcher hier die Grundzüge der allge— meinen Entwickelungsgeſchichte behandelt find, hat mancherlei Nach— theile. Aber ihre Vorzüge, namentlich der freie und unmittelbare Verkehr zwiſchen dem Vortragenden und dem Zuhörer, überwiegen in meinen Augen die Nachtheile bedeutend.

Der lebhafte Kampf, welcher in den letzten Jahren um die Ent—

Vorwort zur erſten Auflage. XIX

wickelungslehre entbrannt iſt, muß früher oder ſpäter nothwendig mit ihrer allgemeinen Anerkennung endigen. Dieſer glänzendſte Sieg des erkennenden Verſtandas über das blinde Vorurtheil, der höchſte Triumph, den der menſchliche Geiſt erringen konnte, wird ſicherlich mehr als alles Andere nicht allein zur geiſtigen Befreiung, ſondern auch zur ſittlichen Vervollkommnung der Menſchheit beitragen. Zwar haben nicht nur diejenigen engherzigen Leute, die als Angehörige einer bevorzugten Kaſte jede Verbreitung allgemeiner Bildung über— haupt ſcheuen, ſondern auch wohlmeinende und edelgeſinnte Männer die Befürchtung ausgeſprochen, daß die allgemeine Verbreitung der Entwickelungstheorie die gefährlichſten moraliſchen und ſocialen Fol— gen haben werde. Nur die feſte Ueberzeugung, daß dieſe Beſorgniß gänzlich unbegründet iſt, und daß im Gegentheil jeder große Fort— ſchritt in der wahren Naturerkenntniß unmittelbar oder mittelbar auch eine entſprechende Vervollkommnung des ſittlichen Menſchenweſens herbeiführen muß, konnte mich dazu ermuthigen, die wichtigſten Grundzüge der Entwickelungstheorie in der hier vorliegenden Form einem weiteren Kreiſe zugänglich zu machen.

Den wißbegierigen Leſer, welcher ſich genauer über die in dieſen Vorträgen behandelten Gegenſtände zu unterrichten wünſcht, verweiſe ich auf die im Texte mit Ziffern angeführten Schriften, welche am Schluſſe deſſelben im Zuſammenhang verzeichnet find. Bezüglich der— jenigen Beiträge zum Ausbau der Entwickelungslehre, welche mein Eigenthum ſind, verweiſe ich insbeſondere auf meine 1866 veröffent— lichte „Generelle Morphologie der Organismen“ (Erſter Band: All— gemeine Anatomie oder Wiſſenſchaft von den entwickelten Formen; Zweiter Band: Allgemeine Entwickelungsgeſchichte oder Wiſſenſchaft von den entſtehenden Formen). Dies gilt namentlich von meiner, im erſten Bande ausführlich begründeten Individualitätslehre und Grundformenlehre, auf welche ich in dieſen Vorträgen nicht eingehen konnte, und von meiner, im zweiten Bande enthaltenen mechaniſchen Begründung des urſächlichen Zuſammenhangs zwiſchen der indivi— duellen und der paläontologiſchen Entwickelungsgeſchichte. Der Leſer,

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XX Vorwort zur erſten Auflage.

welcher ſich ſpecieller für das natürliche Syſtem der Thiere, Pflanzen und Protiſten, ſowie für die darauf begründeten Stammbäume inter— eſſirt, findet darüber das Nähere in der ſyſtematiſchen Einleitung zum zweiten Bande der generellen Morphologie. Die entſprechenden Stel— len der letzteren, welche einzelne Gegenſtände dieſer freien Vorträge ausführlicher behandeln, ſind im Texte mit (Gen. Morph.) angeführt.

So unvollkommen und mangelhaft dieſe Vorträge auch ſind, ſo hoffe ich doch, daß ſie dazu dienen werden, das ſegensreiche Licht der Entwickelungslehre in weiteren Kreiſen zu verbreiten. Möchte dadurch in vielen denkenden Köpfen die unbeſtimmte Ahnung zur klaren Ge— wißheit werden, daß unſer Jahrhundert durch die endgültige Begrün— dung der Entwickelungstheorie, und namentlich durch die Entdeckung des menſchlichen Urſprungs, den bedeutendſten und ruhmvollſten Wen— depunkt in der ganzen Entwickelungsgeſchichte der Menſchheit bildet. Möchten dadurch viele Menſchenfreunde zu der Ueberzeugung geführt werden, wie fruchtbringend und ſegensreich dieſer größte Fortſchritt in der Erkenntniß auf die weitere fortſchreitende Entwickelung des Men— ſchengeſchlechts einwirken wird, und an ihrem Theile werkthätig zu ſeiner Ausbreitung beitragen. Möchten aber vor Allem dadurch recht viele Leſer angeregt werden, tiefer in das innere Heiligthum der Na— tur einzudringen, und aus der nie verſiegenden Quelle der natürlichen Offenbarung mehr und mehr jene höchſte Befriedigung des Verſtan— des durch wahre Naturerkenntniß, jenen reinſten Genuß des Ge— müthes durch tiefes Naturverſtändniß, und jene ſittliche Veredelung der Vernunft durch einfache Naturreligion ſchöpfen, welche auf keinem anderen Wege erlangt werden kann.

Jena, am 18ten Auguſt 1868.

Eruſt Heinrich Haeckel.

Vorwort ür dien Aurtage

Zwiſchen die Veröffentlichung der zweiten und dritten Auflage der „Natürlichen Schöpfungsgeſchichte“ fällt das Erſcheinen mehrerer Schriften, welche mir wegen ihrer hohen Bedeutung für die Ent— wickelungslehre ein Vorwort auch zu dieſer Auflage abnöthigen.

Vor allen anderen iſt hier das zweibändige Werk von Char— les Darwin über „die Abſtammung des Menſchen und die geſchlechtliche Zuchtwahl“ (1871) hervorzuheben, in welchem der berühmteſte Naturforſcher der Gegenwart die Krönung des Wiſ— ſenſchafts-Gebäudes vollzieht, zu welchem er vor zwölf Jahren durch feine Reform der Deſcendenz-Theorie das Fundament gelegt hatte. Gleich allen anderen Werken des großen britiſchen Naturphiloſophen zeichnet ſich auch dieſes Buch, der bedeutungsvollſte Schlußſtein ſei— ner Lehre, ebenſo durch die Fülle von lehrreichen Thatſachen, wie durch den Reichthum an ſchöpferiſchen Ideen, ebenſo durch ſcharfe Beobachtung, wie durch klare Reflexion aus. Der zweite Theil, die „geſchlechtliche Zuchtwahl“, eröffnet ein neues, höchſt intereſſantes Gebiet für die vergleichende Zoologie, und ſpeciell für die Pſycho— logie. Der erſte Theil, die „Abſtammung des Menſchen“, behandelt den wichtigſten Folgeſchluß der ganzen Abſtammungslehre mit aller der logiſchen Konſequenz und dem moraliſchen Muthe, welcher da— für dem herrſchenden Aberglauben unſerer Zeit gegenüber erforderlich iſt. Bezüglich der ſpeciellen Genealogie des Menſchen, ſeiner Ab—

XXII Vorwort zur dritten Auflage.

ſtammung von niederen Wirbelthieren, ſeiner Blutsverwandtſchaft mit den Aseidien u. ſ. w. beſtätigt Darwin im Weſentlichen die An— ſchauungen, welche ſchon in meinen früheren Arbeiten entwickelt ſind.

Ohne allen Zweifel iſt die Abſtammung des Menſchen von nie— deren Thieren, wie ich fie in dem 22ſten Vortrage des vorliegenden Buches ſpeciell erörtert habe, ein nothwendiger und unvermeidlicher Folgeſchluß der Abſtammungslehre; und gerade in dieſer unabwend— baren Folgerung liegt die unermeßliche allgemeine Bedeutung derſel— ben. Dieſes Verhältniß iſt ſo klar, daß es von vornherein jedem Denkenden hätte einleuchten follen. Auch würde ja Darwin's er— ſtes, 1859 erſchienenes Hauptwerk „über den Urſprung der Arten“, in welchem von der Abſtammung des Menſchen kein Wort ſteht, nimmermehr ſo unerhörtes Aufſehen in der wiſſenſchaftlichen Welt gemacht haben, wenn nicht jeder einigermaßen denkende Leſer ſofort jenen abſichtlich verſchwiegenen Folgeſchluß ſich ſelbſt gezogen und „die Abſtammung des Menſchen vom Affen“, als der nächſt— verwandten Säugethier-Form, als unabweisliche Conſequenz der Deſcendenztheorie anerkannt hätte. Nichtsdeſtoweniger bleibt es eine lehrreiche Thatſache, daß dieſe Anerkennung keineswegs allgemein war, daß vielmehr zahlreiche Kritiker des erſten Darwin'ſchen Buches (und darunter ſehr berühmte Namen) ſich vollkommen mit dem Dar— winismus einverſtanden erklärten, aber jede Anwendung deſſelben auf den Menſchen gänzlich von der Hand wieſen. Grade hieraus entſprang der mir oft gemachte Vorwurf, daß ich „Darwiniſtiſcher als Darwin ſelbſt ſei“, und daß ich in meiner confequenten Anwen— dung der Abſtammungslehre auf den Menſchen und in meiner Auf— ſtellung des menſchlichen Stammbaums Schlüſſe ziehe, an die Dar— win ſelbſt niemals gedacht habe.

Dieſe vielfach wiederholten Angriffe fallen jetzt in ſich ſelbſt wirkungslos zuſammen, nachdem Darwin in der Einleitung zu ſeiner „Abſtammung des Menſchen“ ſeine völlige Uebereinſtimmung mit meinen Forſchungs-Reſultaten erklärt und am Schluſſe des ſech— ſten Capitels meinen Stammbaum des Menſchengeſchlechts in den

Vorwort zur dritten Auflage. XXIII

weſentlichſten Grundzügen gebilligt hat. In Folge dieſer Erklärun— gen haben ſich denn auch ſofort eine Menge von Angriffen, die früher nur meiner generellen Morphologie und meiner natürlichen Schöpfungsgeſchichte galten, gegen Darwin ſelbſt gerichtet.

Unter den Naturforſchern von Fach hatte ſich beſonders Pro— feſſor Rütimeyer in Baſel viele Mühe gegeben, meine Arbeiten herabzuſetzen und namentlich der natürlichen Schöpfungsgeſchichte jeden wiſſenſchaftlichen Werth abzuſprechen. Viele ſchlafloſe Nächte ſcheinen ihm meine genealogiſchen Hypotheſen gemacht zu haben, und er läßt keine Gelegenheit vorübergehen, über dieſe die volle Schale ſeines Zornes auszugießen und zu verſichern, daß „Darwinismus und Haeckel'ſche Stammbäume“ gar nichts mit einander zu ſchaffen haben. Inzwiſchen hat nun Darwin allerdings durch die angeführte Zuſtimmung zu meinen genealogiſchen Hypotheſen dieſen Angriffen allen Boden entzogen; und nachdem ſich Profeſſor Rüti— meyer bisher vergeblich bemüht hat zu zeigen, daß ich von dem „wahren und eigentlichen Darwinismus“ Nichts wiſſe, fällt ihm jetzt die ſchwierigere Aufgabe zu, auch zu beweiſen, daß Charles Darwin ſelbſt Nichts von dem „wahren und eigentlichen“ Dar— winismus verſtehe. Indeſſen wird ihm die Löſung dieſer Aufgabe bei der großen Gewandtheit, mit welcher Herr Rütimeyer die Wahrheit in ihr Gegentheil verkehrt, nicht allzuſchwer werden; um ſo mehr, als ihm „die Darwin'ſchen Lehren nur als eine Art Religion des Naturforſchers erſcheinen, für oder wider welche man ſein kann! Allein über Glaubensſachen iſt es bekanntlich böſe zu ſtreiten“, und Rütimeyer „glaubt daher auch nicht, daß Viel dabei herauskommt“! Dieſe harmloſe Auffaſſung der wichtigſten biologiſchen Theorie iſt allerdings naiv, genau ſo naiv, wie wenn ein Phyſiker oder ein Aſtronom ſagen würde: „Mir erſcheint die Gravitations-Theorie als eine Art Reli— gion des Naturforſchers, für oder wider welche man ſein kann; allein über Glaubensſachen iſt es bekanntlich böſe zu ſtreiten und ich erwarte nicht, daß Viel dabei herauskommt.“

XIV Vorwort zur dritten Auflage.

Schlimmer iſt es, daß ſich Herr Rütimeyer in feinem Zor— neseifer gegen die „Natürliche Schöpfungsgeſchichte“ ſo weit verſteigt, die wichtigſten und ihm ſelbſt wohlbekannten wiſſenſchaftlichen That— ſachen zu leugnen, bloß weil ich darauf das größte Gewicht lege. So leugnet er z. B. die formale Identität der Eier und der jun— gen Embryonen des Menſchen und der nächſtverwandten Säuge— thiere. Daß kein Menſch im Stande iſt, das menſchliche Ei von demjenigen der nächſtverwandten Säugethiere auch mit Hülfe der beſten Mikroſkope zu unterſcheiden, iſt eine längſt bekannte, wenn auch nicht gehörig gewürdigte Thatſache, die faſt in jedem Hand— buche der Hiſtologie ſteht. Ebenſo weiß längſt ſchon jeder Ana— tom, daß die Embryonen des Menſchen ſelbſt noch in, den von mir auf Taf. II und III dargeſtellten Stadien nicht weſentlich von den— jenigen anderer placentaler Säugethiere verſchieden ſind. Die ganze innere und äußere Bildung des geſchwänzten Körpers, der beiden Gliedmaßenpaare, des Halſes mit den Kiemenbogen und Kiemen— ſpalten, die Anlage der Sinnesorgane, u. ſ. w. iſt beim Menſchen im erſten Monate der Entwickelung durchaus dieſelbe wie bei allen anderen Säugethieren; und auch von derjenigen der Vögel und Rep⸗ tilien, kurz aller höheren Wirbelthiere, nicht weſentlich verſchieden. Der Entwickelungsgang des Keims iſt ja überhaupt bei allen Wir— belthieren im Weſentlichen ganz derſelbe und von demjenigen aller anderen Thiere abweichend.

Dieſe embryologiſchen Thatſachen ſind gewiß von der allergrößten Bedeutung und ich für meine Perſon lege darauf mehr Gewicht, als auf alle andern biologiſchen Erſcheinungen und auf alle andern Beweiſe für die Wahrheit der Abſtammungslehre. Mit vollem Rechte ſagt darüber Profeſſor Huxley, einer der ver— dienteſten, an Kenntniſſen und an Verſtändniß reichſten Vorkämpfer des Darwinismus: „Obgleich dieſe Thatſachen von vielen anerkann— ten Lehrern des Volkes ignorirt werden, ſo ſind ſie doch leicht nach— zuweiſen und mit Uebereinſtimmung von allen Männern der Wif- ſenſchaft angenommen, (— hier hätte Profeſſor Huxley Herrn

Vorwort zur dritten Auflage. XXV

Rütimeyer ausnehmen ſollen —), während anderſeits ihre Be— deutung ſo groß iſt, daß diejenigen, welche ſie gehörig erwogen ha— ben, meiner Meinung nach wenig andere biologiſche Offenbarungen finden werden, die ſie überraſchen können.“ Als Beweis dafür, daß dieſe embryologiſchen, von Rütimeyer geleugneten Thatſachen ſchon längſt bekannt ſind, führe ich für Laien noch an, daß Bär, der größte Ontogeniſt unſeres Jahrhunderts, ſchon 1828, alſo vor 44 Jahren, folgende Sätze ausſpricht: „Die Embryonen der Säugethiere (— mit Inbegriff des Menſchen — Vögel, Eidechſen und Schlan— gen, wahrſcheinlich auch der Schildkröten ſind in früheren Zuſtänden einander ungemein ähnlich, im Ganzen ſowie in der Entwickelung der einzelnen Theile; ſo ähnlich, daß man oft die Embryonen nur nach der Größe unterſcheiden kann. Ich beſitze zwei kleine Embryo— nen in Weingeiſt, für die ich verſäumt habe, die Namen zu notiren, und ich bin jetzt durchaus nicht im Stande, die Klaſſe zu beſtim— men, der ſie angehören. Es können Eidechſen, kleine Vögel, oder ganz junge Säugethiere ſein. So übereinſtimmend iſt Kopf- und Rumpfbildung in dieſen Thieren. Die Extremitäten fehlen aber je— nen Embryonen noch. Wären ſie auch da, auf der erſten Stufe der Ausbildung begriffen, ſo würden ſie doch nichts lehren, da die Füße der Eidechſen und Säugethiere, die Flügel und Füße der Vö— gel, ſowie die Hände und Füße der Menſchen, ſich aus derſelben Grundform entwickeln.“

Wie wenig übrigens dieſe höchſt wichtigen Thatſachen der On— togenie noch gewürdigt werden, und wie ſelbſt unter den Fachmän— nern ihre wahre Bedeutung noch verkannt wird, geht am deutlich— ſten aus der verſchiedenartigen Beurtheilung hervor, welche das Grundgeſetz der organiſchen Entwickelung gefunden hat, das Geſetz von dem Cauſal-Nexus zwiſchen Ontogenie und Phylogenie. Ich habe dieſes „biogenetiſche Grundgeſetz“ in mei— ner generellen Morphologie an die Spitze der allgemeinen Entwicke— lungsgeſchichte geſtellt, weil nach meiner Ueberzeugung das ganze innere Verſtändniß der Entwickelungsgeſchichte davon abhängt. Als

XXVI Vorwort zur dritten Auflage.

Beiſpiel der erſtaunlichſten Verkennung dieſes Grundgeſetzes führe ich nur einen Anatomen an, welcher ſelbſt ontogenetiſche Unterſu— chungen mit großem Fleiße (wenn auch leider ohne morphologiſches Urtheil) angeſtellt hat, Profeſſor His in Baſel. Derſelbe veröffent— lichte vor kaum zwei Jahren eine Rede „über die Bedeutung der Entwickelungsgeſchichte für die Auffaſſung der organiſchen Natur“, aus welcher nur hervorgeht, daß derſelbe von dieſer Bedeutung keine Ahnung hat. Statt den tiefen urſächlichen Zuſammenhang zwiſchen Ontogenie und Phylogenie, zwiſchen Keimesgeſchichte und Stammesgeſchichte anzuerkennen, und ſtatt darin „eine phyſiologiſche Erklärung der von der Entwickelungsgeſchichte beob— achteten Thatſachen“ zu erblicken, hält Profeſſor His jenes wirklich mechanische „biogenetiſche Grundgeſetz“ für eine unbegründete Hypo— theſe, und ſtellt ſtatt deſſen eine angeblich „mechaniſche“ Theorie der Ontogenie auf, welcher jeder klar urtheilende, mit den Thatſa— chen der vergleichenden Anatomie und Ontogenie bekannte Zoologe nur mit einem Lächeln betrachten kann. So z. B. ſoll die Anlage der vier Gliedmaßen bei den Wirbelthier-Embryonen (Taf. II und III) „den vier Ecken eines Briefes ähnlich, beſtimmt werden durch die Kreuzung von vier den Körper umgrenzenden Falten“! Es iſt aber charakteriſtiſch für die Urtheilsloſigkeit unſerer Zeit, daß man ſolche wunderliche Einfälle als große Fortſchritte bewundert und dabei den allein zum Ziele führenden und von Darwin ſo klar vorgezeichneten Weg verſchmäht. f

Es erſcheint überflüſſig, hier auf die Maſſe von größeren und kleineren Schriften einzugehen, welche in letzter Zeit wieder geradezu gegen den Darwinismus und gegen die Entwickelungslehre über— haupt, ſowie gegen meine Darſtellung derſelben in der natürlichen Schöpfungsgeſchichte gerichtet worden ſind. Die allermeiſten dieſer Schriften ſind ſo dilettantiſch geſchrieben, ſo ohne gründliche Kennt— niß der großen Thatſachen-Reihen, auf welche ſich die ganze Ent— wickelungstheorie ſtützt, daß man fie getroſt der verdienten Vergeſſen— heit anheimgeben kann, von der ſie ohnehin bald ereilt werden. Je—

Vorwort zur dritten Auflage. XXVII.

der beliebige Laie glaubt über die Deſcendenz-Theorie und ihre An— wendung auf den Menſchen ſofort abſprechen zu können; glaubt doch Jedermann von ſelbſt hinreichend zu wiſſen, was überhaupt der Menſch eigentlich für ein Weſen iſt, und weiß doch jeder Ein— zelne ganz ſicher, daß er perſönlich „nicht vom Affen abſtammt“. Daß aber das naturwiſſenſchaftliche Studium des menſchlichen Or— ganismus das ſchwierigſte von allen iſt, daß die ganze körperliche und geiſtige Beſchaffenheit des Menſchen nur durch die Entwicke— lungsgeſchichte, nur durch Vergleichung derſelben mit der körperli— chen und geiſtigen Beſchaffenheit der übrigen Thiere erkannt werden kann, davon wollen die Wenigſten etwas wiſſen. Und doch iſt es ganz unzweifelhaft, daß die ganze Anthropologie nur ein ſpecieller Zweig der Zoologie iſt, und daß alſo die verglei— chende Anatomie und Phyſiologie, und vor allem die Entwicke— lungsgeſchichte für erſtere wie für letztere die unentbehrlichſte Ba— ſis iſt. Daher erhebt ſich faſt die ganze neuere „Anthropologie“ und „Ethnologie“ wie ſie jetzt in umfangreichen Zeitſchriften und von zahlreichen „wiſſenſchaftlichen“ Geſellſchaften eultivirt wird, nicht über den Rang eines halbgebildeten Dilettantismus. Erſt wenn dieſelbe anfangen wird, ſich auf den Boden der vergleichenden Zoologie zu ſtellen, erſt wenn jeder „Anthropolog“ und „Eth— nolog“ wenigſtens mit den Grundzügen der vergleichenden Anato— mie und Ontogenie bekannt ſein wird, erſt dann wird die Lehre vom Menſchen ihren wohlverdienten Platz an der Spitze der übri— gen Naturwiſſenſchaften einnehmen.

Wie weit die Anthropologie von dieſem Ziele noch entfernt iſt, und wie wenig ſie geneigt iſt, ihre natürliche Mutter, die Zoologie, und ihre unentbehrliche Führerin, die Deſcendenz-Theorie, als ſolche anzuerkennen, davon legen zahlreiche der noch jüngſt gegen letztere gerichteten Angriffe Zeugniß ab. Unter dieſen möchten wir aus— nahmsweiſe einem einzigen hier der Vergeſſenheit entreißen, weil er in draſtiſcher Form beweiſt, was man dem anthropologiſchen Publi— cum als „wiſſenſchaftliche Ethnologie“ bieten darf; und wie man

XXVIII Vorwort zur dritten Auflage.

noch gegenwärtig in dieſen Dilettanten-Kreiſen die Entwickelungslehre, die unentbehrliche Grundlage aller biologiſchen Forſchungen, behan— delt. Ich meine die Aeußerungen des Berliner Ethnographen Ba— ſtian, die unter den zahlloſen albernen und kindiſchen Angriffen ge— gen den „Darwinismus“ faſt alle andern an Verkehrtheit und Unver— ſtand übertreffen. Dieſer Unverſtand erſcheint aber deshalb hier hochko— miſch, weil er im Gewande der ſtolzeſten Philoſophie, verbrämt mit der hochtrabendſten Phraſeologie einherſchreitet. Man höre: z. B. nur folgende „kindiſche Faſeleien“: „Alle Fehler der teleologiſchen Glau— bensrichtung aus vermeintlich überwundenen Standpunkten wiederho— lend, fällt die Deſcendenz-Theorie in kindiſche Faſeleien, wenn ſie in dem Wiſſensſtückwerk auf unſerm Erdenwinkel den Plan des Welt— geſetzes durchſchauen zu können meint, und die aufſtrebende Entwik— kelung von Protoplasmen bis zum Menſchen weiter führt.“ Herr Baſtian weiß hiernach nicht einmal, daß er ſelbſt im Be— ginne ſeiner individuellen Exiſtenz, gleich allen andern Menſchenkin— dern, eine einfache Zelle, d. h. ein Protoplasma-Kügelchen mit einem Kerne war! Er begreift nicht einmal den fundamentalen Gegenſatz zwiſchen der teleologiſchen Dogmatik, die einem weisheitsvollen „Plan“ des Schöpfers nachſpürt, und der mechaniſchen Deſcendenz-Theorie, welche gerade umgekehrt das „Weltgeſetz“ der nothwendigen Cauſa— lität an die Stelle des vergeblich geſuchten „Planes der Schöpfung“ ſetzen will. Man höre ferner folgenden Erguß „babyloniſcher Sprach— und Begriffs-Verwirrung“ (die gerade bei dieſem Bombaſtus bis zu einem bedenklichen Stadium gediehen iſt!): „Die Anthropologie hat ſich heutzutage die umgekehrte Pyramide der Evolutions-Theorie zuſammengekleiſtert, einen buntſcheckigen Götzenthurm, der manchen werthvollen Bauſtein der Transmutationslehre entlehnt hat, aber zunächſt ſeine Verehrer mit babyloniſcher Sprachs- und Begriffs-Ver⸗ wirrung zu ſchlagen ſcheint!“ Doch mag der Leſer die „mehr kindi— ſchen als barbariſchen Vorſtellungen“ des Herrn Bastian über orga— niſche Entwickelung lieber in feinen eigenen „geiſtloſen Waſſerſup— pen“, in feinen ſchwülſtigen „Flunkeleien“, übergoſſen mit dem ihm

Vorwort zur dritten Auflage. XXIX

eigenen „ſchaalen Raiſonnement“ (— wir gebrauchen überall ſeine eigenen Worte! —) nachleſen, um ſich von der Gerechtigkeit unſeres harten Urtheils zu überzeugen. Alles, was gegen die Entwickelungs— theorie überhaupt und gegen ihre Anwendung auf den Menſchen insbeſondere von den verſchiedenſten Seiten eingewendet worden iſt, alle Unwiſſenheit in den Thatſachen der Entwickelungsgeſchichte, alle Unfähigkeit zu ihrem Verſtändniß, aller Mangel an philoſophiſcher Erkenntniß der Erſcheinungswelt — kurz alle Schwächen unſerer Geg— ner — finden ſich in den grenzenlos confuſen Schriften des Herrn Baſtian vereinigt, deſſen einzige Stärke in einem außerordentlichen Thatſachen-Gedächtniß — leider ohne jedes klare und geordnete Verſtändniß der Thatſachen — beſteht. Man leſe namentlich die höchſt komiſche Kritik, welche derſelbe im dritten Bande der Berliner „Zeitſchrift für Ethnologie“ (S. 133 — 143 und S. 349—359) über Darwin's neueſtes Werk gegeben hat, und worin er letzteres als „Träume eines Mittagsſchläfchens“ bezeichnet! Für mich ſelbſt war jedoch die Leetüre dieſes ſeichten Geſchwätzes inſofern ſehr erfreulich, als ich darin nur eine treffende Beſtätigung des ſchon 1866 von mir ausgeſprochenen Satzes fand: „Intereſſant und lehrreich iſt der Umſtand, daß beſonders diejenigen Menſchen über die Entdeckung der natürlichen Entwickelung des Menſchengeſchlechts aus echten Affen am meiſten empört ſind und in den heftigſten Zorn gerathen, welche offenbar hinſichtlich ihrer intellectuellen Ausbildung und cerebralen Differenzirung ſich bisher noch am wenigſten von unſeren gemein— ſamen tertiären Stammeltern entfernt haben.“

Unter den in den letzten zwei Jahren erſchienenen Schriften, die als wahre Bereicherungen der Entwickelungslehre zu begrüßen ſind, möchte ich zunächſt die bedeutende Schrift: „Sittlichkeit und Darwinismus“, drei Bücher Ethik von B. Carneri, hervor— heben, als den erſten glücklichen Verſuch, die durch den Darwinis— mus begründete moniſtiſche Weltanſchauung auf dem Gebiete der practiſchen Philoſophie fruchtbar anzuwenden. Je ſchwieriger und gefahrvoller dieſe Anwendung erſcheint, je mehr man faſt all—

XXX Vorwort zur dritten Auflage.

gemein von der durch Darwin herbeigeführten Geiſtesbefreiung alle möglichen ſchlimmen Folgen für die Sittlichkeit, und zum min— deſten den revolutionären Umſturz aller beſtehenden ſocialen und moraliſchen Ordnung erwartet, deſto verdienſtvoller iſt es, dieſe un— begründeten Befürchtungen zu widerlegen und zu zeigen, daß der ungeheure, durch die Deſcendenz-Theorie bewirkte Fortſchritt unferer Welt-Erkenntniß nur die wohlthätigfte Einwirkung auf die weitere fortſchreitende Entwickelung des Menſchengeſchlechts, auch im prac— tiſchen Leben, haben wird. Das treffliche Buch von Carneri be— handelt im erſten Buch die Wahrheit (1. Kampf um's Daſein, 2. Selbſtbewußtſein, 3. Religion, 4. Schönes, 5. Wahrheit); im zweiten Buche die Freiheit (1. Nothwendigkeit, 2. Leidenſchaft, 3. Thätigkeit, 4. Gutes, 5. Freiheit); im dritten Buche die Sitt— lichkeit (1. Familie, 2. Arbeit, 3. Rechtsſtaat, 4. Weltgeſchichte, 5. Sittlichkeit). Carneri hat damit der ſtagnirenden Philoſophie der Gegenwart den Weg zu dem fruchtbarſten Speculationsgebiete eröff— net, und wir möchten namentlich den Gegnern der Entwickelungs— theorie unter den Theologen und Philoſophen dieſe Schrift dringend empfehlen. Nur wenn ſich die Philoſophie rückhaltlos auf den Boden der neuen, durch die Entwickelungstheorie reformirten Anthropologie ſtellt, und die Anwendung der Deſcendenz-Theorie auf den Menſchen unbedingt zugeſteht, wird fie im Stande fein, ihre wohlbegründeten An- ſprüche auf die Führung der Wiſſenſchaften geltend zu machen; nur wenn ſie die wichtigſten Reſultate der Naturforſchung in ſich aufnimmt und verwerthet, wird ſie dieſe Führung dauernd behaupten, damit aber zugleich als moniſtiſche Naturphiloſophie die noch beſte— henden Gegenſätze zwiſchen den verſchiedenen Wiſſenſchaften verſöhnen.

Unter den zahlreichen Schriften, welche neuerdings über den Darwinismus erſchienen ſind, zeichnen ſich ferner die „Zoologiſchen Briefe“ und die „allgemeine Zoologie“ von Profeſſor Guſtav Jae— ger in Stuttgart aus, welche reich an neuen fruchtbaren Ideen ſind, wenn ſie auch bisweilen ſich von dem ſicheren Boden der Empirie zu weit entfernen und an den Phantaſieflug der älteren Naturphi—

Vorwort zur dritten Auflage. XXXI

loſophie erinnern. Sodann iſt beſonders „die Darwin'ſche Theorie“ von Dr. Georg Seidlitz hervorzuheben (elf Vorleſungen über die Entſtehung der Thiere und Pflanzen durch Naturzüchtung). Dieſe Schrift zeichnet ſich vor vielen ähnlichen durch richtige Auffaſſung und klares Urtheil aus, widerlegt viele Einwürfe der Gegner und giebt eigene werthvolle Beiträge zur Deſcendenztheorie. Seidlitz hat ſeinen Vorleſungen ein Verzeichniß der „Literatur zur Deſcendenz— theorie ſeit 1859“ vorausgeſchickt, welches auf 30 Seiten eine Vor— ſtellung von dem ſchnellen Wachsthum und dem gewaltigen Umfang dieſer Literatur giebt. Ein ähnliches Verzeichniß hat ſchon früher J. W. Spengel in der Berliner Zeitſchrift für Ethnologie veröffent— licht. Der VII. Abſchnitt des Verzeichniſſes von Seidlitz: „Abhand— lungen über die Darwin'ſche Theorie und Werke, in denen von der Deſcendenz-Theorie die Rede fein muß“ — dürfte in Zukunft ine ſofern noch einen ganz anderen Umfang gewinnen, als von nun an eigentlich jede botaniſche und zoologiſche Arbeit, welche ein wirkli— ches Verſtändniß der Erſcheinungen, eine philoſophiſche Erklärung namentlich der morphologiſchen Thatſachen anſtrebt, die Deſcendenz— theorie als unentbehrlichen Wegweiſer benutzen muß und ihre Füh— rung gar nicht mehr entbehren kann. In ganz beſonderem Maaße gilt dies von der vergleichenden Anatomie, einer Wiſſenſchaft, die durch die Anwendung der Abſtammungslehre eine völlig veränderte Geſtalt und einen unendlich höheren Werth erhalten hat. Um die— ſen coloſſalen Fortſchritt völlig zu begreifen, braucht man nur Ge— genbaur's claſſiſches Werk über vergleichende Anatomie mit allen ähnlichen Schriften früherer Zeit zu vergleichen. Mit vollem Rechte bemerkt dieſer verdienſtvolle Naturforſcher, welcher die vergleichende Anatomie der Gegenwart beherrſcht: „An der vergleichenden Ana— tomie wird die Deſcendenz-Theorie zugleich einen Prüfſtein finden. Bisher beſteht keine vergleichend-anatomiſche Erfahrung, die ihr wi— derſpräche; vielmehr führen uns alle darauf hin. So wird jene Theorie das von der Wiſſenſchaft zurückempfangen, was ſie ihrer Methode gegeben hat: Klarheit und Sicherheit.“

XXXII Vorwort zur dritten Auflage.

„Die Deſcendenz-Theorie wird ſo eine neue Periode in der Ge— ſchichte der vergleichenden Anatomie beginnen. Sie wird ſogar einen bedeutenderen Wendepunkt bezeichnen, als irgend eine Theorie in die— ſer Wiſſenſchaft vorher vermocht hat: denn ſie greift tiefer als alle jene, und es giebt kaum einen Theil der Morphologie, der nicht auf's In⸗ nigſte von ihr berührt würde.“

„Vererbung und Anpaſſung ſind die zwei wichtigen Mo— mente, aus denen ſowohl die Mannichfaltigkeit der Organiſation als das Gemeinſame derſelben verſtändlich wird. Auf dem Standpunkte der Deſcendenz-Theorie hat die „Verwandtſchaft“ der Organismen ihre bildliche Bedeutung verloren. Wo wir durch präciſe Vergleichung nachgewieſene Uebereinſtimmung der Organiſation treffen, deutet dieſe, als eine vererbte Erſcheinung, auf gemeinſame Abſtammung hin. Durch die mannichfachen aus der Anpaſſung erworbenen Umwandlun— gen die Organe Schritt für Schritt zu verfolgen, wird zur Aufgabe.“

Gegenbaur ſelbſt hat die hier von ihm bezeichnete Aufgabe glänzend gelöſt, und vor Allem in dem wichtigſten, intereſſanteſten und ſchwierigſten Theile der vergleichenden Anatomie, in demjenigen der Wirbelthiere. Er hat alle die verſchiedenen Gliedmaßen-For⸗ men der Wirbelthiere, deren hohe Bedeutung auf S. 363 und durch Taf. IV angedeutet iſt, auf ihr gemeinſames Urbild zurückgeführt, und als divergente, durch Anpaſſung erworbene Modificationen einer ein— zigen erblichen Urform nachgewieſen. Er hat erſt die wahre Natur der Wirbelſäule und des Schädels erkannt und die berühmte „Wirbeltheo— rie des Schädels“ (S. 75) durch die viel tiefer begründete Reduction der Gehirn-Nerven auf die Rückenmarcks-Nerven erſetzt. Er hat das Herz der Säugethiere, und alſo auch des Menſchen, auf das Herz der Haifiſche, unſerer uralten Vorfahren, zurückgeführt, und uns über— haupt die weſentlichſten Anhaltspunkte für die Begründung des Wir- belthier-Stammbaums geliefert.

Dieſe neue vergleichende Anatomie, wie ſie in den Arbeiten von Gegenbaur und Huxley begründet iſt — nicht die „vergleichende Anatomie ohne Vergleichung“, wie ſie gewöhnlich jetzt gelehrt wird —

Vorwort zur dritten Auflage. XXXII

gehört zu den wichtigſten Stützen der Defcendenz- Theorie und bringt in das Chaos der morphologiſchen Thatſachen die erwünſchte Klarheit.

Die vergleichenden Anatomen der älteren Schule haben dieſe Klarheit vergeblich erſtrebt, weil ſie den von Lamarck ihnen gebo— tenen, erklärenden Grundgedanken der Deſcendenz-Theorie nicht an— erkannten. Eine Ausnahme bildet jedoch Goethe, den ich als einen der erſten Begründer der Deſcendenz-Theorie neben Lamarck und als einen der bedeutendſten Vorläufer Darwin's hervorheben zu müſſen glaube. Allerdings iſt dieſe Auffaſſung nicht unbeſtreitbar und auch kürzlich von meinem Freunde Oscar Schmidt angegriffen wor— den, einem der wenigen Zoologen der Gegenwart, welche volles Ver— ſtändniß der Deſcendenz-Theorie erlangt und mit klarem Blicke ihre unermeßliche Bedeutung für die geſammte Biologie erkannt haben. Schmidt hatte bereits vor 20 Jahren in einer Vorleſung „Goe— the's Verhältniß zu den organiſchen Naturwiſſenſchaften“ vortreff— lich erläutert, und richtet nun in einem kürzlich erſchienenen Schrift— chen (Graz 1871) an mich die Frage: „War Goethe ein Darwi— nianer?“ Er beantwortet dieſe Frage in einem, meiner Auffaſſung entgegengeſetzten Sinne, indem er meint, Goethe habe „an ein Umbilden vorhandener Arten nicht gedacht, ſondern an bloße Erſchei— nungsweiſen des Typus oder Urbildes, wie ſie in den gegebenen Arten vorliegen.“ Dieſer Typus ſelbſt ſei etwas Abſtractes, ein „undarſtellbares Urbild“. Ich gebe nun gerne zu, daß man bei der eigenthümlichen, oft aphoriſtiſchen oder ſymboliſirenden Ausdrucks— weiſe, die Goethe grade in ſeinen naturphiloſophiſchen Schriften liebt, ſehr verſchiedene Anſichten über die eigentliche Meinung derſel— ben haben kann. Im Weſentlichen aber glaube ich doch bei meiner Anſicht bleiben zu müſſen, daß Goethe zwar nicht als ein eigentlicher „Darwinianer“, wohl aber als einer der erſten Begründer der Deſcen— denz = Theorie, oder doch mindeſtens als einer ihrer bedeutendſten Pro— pheten anzuſehen iſt.

So, wie Schmidt die Frage formulirt: „War Goethe ein

Darwinianer?“ werde ich ſie auch ſelbſt, gleich ihm, verneinen. Denn NN

XXXIV Vorwort zur dritten Auflage.

erſtens hatte Goethe von dem eigentlichen „Darwinismus“, d. h. von der erſt 1859 aufgeſtellten Selections-Theorie, natürlich keine Ahnung, und zweitens war überhaupt eine „Darwiniſtiſche“ Auf- faſſung der Entwickelungstheorie bei dem unvollkommenen Zuſtande der wichtigſten biologiſchen Disciplinen zu jener Zeit noch gar nicht möglich. Wenn ich aber auf der anderen Seite mir Goethe's ganz realiſtiſche, objective Naturbetrachtung, ſein „gegenſtändlich thä— tiges“ Denken vergegenwärtige, und wenn ich Alles zuſammenfaſſe, was er über „Bildung und Umbildung organiſcher Naturen“ geſagt hat (vergl. S. 73 — 83), jo muß ich immer wieder zu der Anſicht zurückkommen, daß dieſe Ausſprüche mehr als bloße Ahnungen oder ſymboliſche Vergleichungen ſind, daß ſie von tiefſtem inneren Ver— ſtändniß der organiſchen Entwickelung zeugen und daß das „Urbild“ oder der „Typus“ der von der Deſcendenz-Theorie geſuchten „Stamm— form“ entſpricht. Namentlich kann ich mir die beiden Bildungstriebe (S. 81) gar nicht anders als in „Darwiniſtiſchem“ Sinne deuten; und wenn Goethe anerkanntermaßen mit Wolff in der „Meta- morphoſe der Pflanzen“ zuſammenſtimmte, alſo für die Ontogenie die Theorie der Epigeneſe begründete, ſo erſcheint es bei einem ſo tiefen und naturverſtändigen Denker nur conſequent, daß er auch für die „Entſtehung der Arten“ die gleiche „Metamorphoſe“ annahm, d. h. für die Phylogenie die Theorie der Deſcendenz aufſtellte. Denn dieſe beiden Theorien, die ontogenetiſche Theorie der Epigeneſis, und die phylogenetiſche Theorie der Deſcendenz, find ganz untrennbar, und man kann nicht der einen folgen, ohne zugleich die andere anzuerkennen. Wie Alfred Kirchhoff ſagt, fie find „Zwillingsſchweſtern. Die Wahrheit die- ſer wird, wie die jener ſiegen, oder vielmehr ſie hat ſchon geſiegt“!

Jena, am 18ten März 1872.

Ernit Heinrich Haeckel.

Vorwort

zur vierten Auflage.

In wenigen Monaten werden zehn Jahre verfloſſen ſein, ſeit— dem der Darwinismus zum erſten Male auf die Tagesordnung einer deutſchen Naturforſcher-Verſammlung geſetzt wurde. Es war am 19. September 1863, als ich in der erſten allgemeinen Verſamm⸗ lung der deutſchen Naturforſcher und Aerzte zu Stettin einen öffent-. lichen Vortrag „über die Entwickelungstheorie Darwin's“ hielt. Hat⸗ ten mir ſchon vorher wohlmeinende und vorſichtige Freunde von dieſem gefährlichen Wagniſſe abgerathen, ſo lernte ich doch erſt nach— her den ganzen Umfang der damit verknüpften Gefahr ermeſſen. Denn abgeſehen von den Angriffen, welche mein Vortrag oder viel- mehr der darin vertretene Darwinismus alsbald von den verſchie— denſten Seiten erfuhr, theilte die Mehrheit der damals in Stettin tagenden Verſammlung das von einigen namhaften Autoritäten ausgeſprochene Bedauern, daß man überhaupt ſolche „unwiſſenſchaft— liche Gegenſtände“ wie den Darwinismus auf einem Naturforſcher⸗ Congreſſe zur Sprache bringe; die ganze Darwinſche Theorie ſei im beſten Falle eine „unbewieſene Hypotheſe, ein geiſtreicher Traum“. Andere nannten fie „einen leeren Schwindel, ein bodenloſes Phan- taſiegebäude“, und meinten, daß ſie „mit der Tiſchrückerei und dem Od in ein und daſſelbe Gebiet gehöre“! Noch Andere beantragten, daß man den Darwinismus überhaupt von der ernſten wiſſenſchaft⸗ lichen Discuſſion ausſchließe (wie es ja auch in der biologiſchen

RER 2

XXXVI Vorwort zur vierten Auflage.

Literatur thatſächlich lange genug geſchehen iſt). Einige Theologen endlich, welche der Verſammlung beiwohnten, ſchienen Luſt zu haben, die beliebten Beweismittel der ſtreitenden Kirche, Tortur und Scheiterhaufen, im neunzehnten Jahrhundert auf die Anhänger Dar— win's, die „Affen-Theoretiker“ anzuwenden. Auch würde wohl der Heilige evangeliſche Oberkirchenrath in Berlin, der heute vor unſeren erſtaunten Augen das mittelalterliche Schauſpiel der Ketzergerichte erneuert, dazu ebenſo bereitwillig ſeinen Segen gegeben haben, wie der Unfehlbare katholiſche Kirchenvater in Rom. Iſt doch die In— toleranz und der Haß gegen die freie wiſſenſchaftliche Forſchung hier wie dort von derſelben Art!

Wenn wir uns heute erlauben, an jenes Stettiner Erlebniß zu erinnern, ſo geſchieht es, um die damals herrſchende Beurthei— lung des Darwinismus mit ſeiner heutigen Geltung zu vergleichen; und da dürfen wir denn wohl über den gewaltigen, im letzten De— cennium erfolgten Umſchwung unſere volle Genugthuung ausſpre⸗ chen. Was vor zehn Jahren noch von der großen Mehrzahl der Biologen, der zunächſt competenten Richter, beſtritten wurde, iſt heute von der großen Mehrzahl derſelben anerkannt. Die „unbe— wieſene Hypotheſe Darwin's“ hat ſich zu einer unumſtößlich begrün— deten Theorie emporgebildet; der „geiſtreiche Traum“ hat ſich als ſon— nenklare Wahrheit herausgeſtellt; und aus dem „leeren Schwindel“ des „bodenloſen Phantaſie-Gebäudes“ hat ſich das cauſale Verſtänd— niß der wichtigſten biologiſchen Erſcheinungen entwickelt. Faſt jede zoologiſche und botaniſche Arbeit, welche das Gebiet der Morpho- logie (Anatomie und Entwickelungsgeſchichte) berührt, muß gern oder ungern ſich mit der Deſcendenz-Theorie beſchäftigen, und jede morphologiſche Arbeit, welche ein wahres Verſtändniß der Form-Er— ſcheinungen anſtrebt, kann überhaupt ohne die Abſtammungslehre nicht tiefer in daſſelbe eindringen. Die Stammesgeſchichte oder Phy- logenie, der noch vor wenigen Jahren ſelbſt von manchen Dar- winiſten die Lebensfähigkeit abgeſprochen wurde, lebt, wächſt und gedeiht als ſelbſtſtändiger Zweig der Biologie, und die Ontogenie

Vorwort zur vierten Auflage. XXXVII

oder Keimesgeſchichte wird den Beiſtand dieſer jüngeren Schweſter bald nicht mehr entbehren können. Was aber vielleicht noch über— zeugender, als dieſe erfreulichen poſitiven Erfolge der Entwickelungs— Theorie für ihre volle Wahrheit Zeugniß ablegt, das iſt die voll— ftändige negative Impotenz ihrer Feinde. Kein einziger Gegner iſt im Stande geweſen, irgend einen erheblichen Einwand gegen die Theo— rie vorzubringen oder irgend eine haltbare Hypotheſe über „die Ent— ſtehung der Arten“ an ihre Stelle zu ſetzen.

Nicht minder erfreulich iſt es, daß endlich auch die ſpeculative Philoſophie die unermeßliche Bedeutung zu würdigen beginnt, welche die Entwickelungslehre im Allgemeinen und ihre Anwendung auf den Menſchen im Beſonderen beſitzt. Welcher Erfolg hier noch den Philoſophen der Zukunft bevorſteht, beweiſen die beiden berühmten Werke von Strauß und von Hartmann, die beide kürzlich in vierter Auflage erſchienen find. „Der alte und der neue Glaube“ von David Friedrich Strauß, der faſt in vier Monaten vier Auflagen erlebte, enthält die freie und unumwundene Anerkennung der Conſequenzen, welche die Philoſophie der Entwickelung — und die Deſcendenz-Theorie als deren wichtigſter Beſtandtheil — über das allgemeine Gebiet der wiſſenſchaftlichen Erkenntniß hinaus in dem beſonderen Bezirke der perſönlichen religiöſen Ueberzeugungen nach den Geſetzen der Logik verlangt. Zunächſt iſt dieſes Dar— winiſtiſche Glaubensbekenntniß des berühmten Theologen gleich Dar— win's fundamentalem Werk über die Entſtehung der Arten mit einem Hagel von Geſchoſſen überſchüttet worden, die entweder gar nicht trafen, oder wirkungslos abprallten. In einem der heftigſten An— griffe, welcher in mehreren Zeitſchriften reproducirt wurde, war an— geführt, daß auch die vorgeſchrittenſten Affen-Theoretiker und die eifrigſten Bewunderer Darwin's in Deutſchland die Bundesgenoſ— ſenſchaft von Strauß mit Hohn zurückwieſen, und hierbei war mein Name als Beiſpiel genannt. Das war nun einfache Unwahr— heit; denn ich habe mich bisher bei keiner Gelegenheit über Strauß's Buch ausgeſprochen. Da ich jedoch ſolchergeſtalt zu einem Urtheil

XXVLIII Vorwort zur vierten Auflage.

über daſſelbe herausgefordert bin, und da überdem jetzt von allen Seiten die verſchiedenſten „Bekenntniſſe“ ſich entgegentreten, ſo ſtehe ich nicht an, auch meinerſeits mein perſönliches Bekenntniß abzu- legen und meine volle Zuſtimmung zu dem „neuen Glauben“ von Strauß zu erklären. Auch ich gehöre zu den zahlloſen „Wir“, in deren Namen Strauß das Wort ergriffen hat und das Meiſte in ſeinem Buche iſt auch meine Ueberzeugung. Daſſelbe kann ich von zahlreichen anderen mir befreundeten Naturforſchern behaupten, wenn dieſe auch aus verſchiedenen Gründen ein offenes Bekenntniß des „neuen Glaubens“ vermeiden. Unter dieſen Naturforſchern aber be— finden ſich Männer, von denen jeder Einzelne durch ſeine Verbin— dung von Verſtandsſchärfe und Gemüthstiefe, Naturverſtändniß und Menſchenkenntniß ein ganzes Tauſend Gegner von Strauß aufwiegt.

Was die berühmte „Philoſophie des Unbewußten“ von Hartmann betrifft, ſo habe ich in den früheren Auflagen der Schö— pfungsgeſchichte die nahe liegende Berührung derſelben vermieden, weil unmöglich in wenigen Worten darüber abgeurtheilt werden kann. Dieſes merkwürdige Buch enthält einerſeits ſo viel neue vor— treffliche Bemerkungen und tiefe Ideen, anderſeits aber leider auch ſo viel naturwiſſenſchaftliche Irrthümer und namentlich biologiſche Fehler, daß ohne eine ſehr gründliche und eingehende Kritik ein ge— rechtes Urtheil gar nicht möglich iſt. Inzwiſchen iſt nun eine ſolche ausführliche Kritik von einem anonymen Verfaſſer erſchienen: „Das Unbewußte vom Standpunkte der Phyſiologie und Deſcendenz— Theorie“ (Berlin 1872). Dieſe ausgezeichnete Schrift ſagt im We— ſentlichen Alles, was ich ſelbſt über die Philoſophie des Unbewuß⸗ ten den Leſern der Schöpfungsgeſchichte hätte ſagen können und ich kann daher diejenigen unter ihnen, die ſich dafür intereſſiren, einfach darauf verweiſen. Der anonyme Kritiker weiſt überzeugend nach (was alle die zahlreichen Recenſenten der „Philoſophie des Unbe— wußten“ überſehen hatten), daß dieſes Buch aus zwei ganz zuſammen— hangsloſen und theilweiſe ſich widerſprechenden Stücken zuſammen— geſetzt iſt; das eine Stück (vorzüglich Abſchnitt A) „behandelt alle

Vorwort zur vierten Auflage. > XXXIX

vorkommenden Probleme ohne jede Rückſicht auf die Deſcendenz— Theorie, während dieſelben einzig und allein von dem Standpunkt der Deſcendenz-Theorie aus richtig geſtellt und annähernd gelöſt werden können.“ Das andere Stück hingegen (vorzüglich Abſchnitt C) ſtellt ſich geradezu auf den Boden der Abſtammungslehre, und zeigt, wie nur durch dieſe eine richtige Stellung und Löſung der höchſten philoſophiſchen Probleme möglich iſt. Nun wird aber gerade durch die Deſcendenz-Theorie und ihre Anwendung auf den Menſchen das Unbewußte ſelbſt, wie es Hartmann als oberſte8s metaphyſi— ſches Princip aufſtellt, theils eliminirt, theils auf das phyſiologiſch (alſo mechaniſch) erklärbare Unbewußte zurückgeführt. Denn, wie der anonyme Kritiker ſehr richtig bemerkt, „confundirt die Philoſo— phie des Unbewußten unter dieſem, den ganzen dunklen Urgrund des Lebens zuſammenfaſſenden Ausdruck — „das Un bewußte“ — eine Menge der verſchiedenartigſten Dinge, welche noth— wendig einer ſondernden Analyſe bedürfen. Es fällt das Unbe— wußte, inſofern es als Subject der teleologiſchen Eingriffe gedacht wird.“ Es bleibt das Unbewußte, inſofern es als mechaniſches Princip in moniſtiſchem Sinne von der Biologie zu verwerthen iſt. Hartmann's Lehrgebäude des Unbewußten als Ganzes fällt unter dieſer Kritik zuſammen; es bleiben aber und werden reiche Früchte tragen die vielen „naturwiſſenſchaftlich werthvollen und folgenſchwe— ren Gedankenkeime“, welche zwiſchen vielen unbrauchbaren meta— phyſiſchen Speculationen darin verſteckt ſind.

Jedenfalls können die „exacten“ Naturforſcher, welche gegen— wärtig mit ſo bornirtem Stolze auf die Philoſophie überhaupt her— unter ſehen, von der Philoſophie des Unbewußten (beſonders im Vergleich mit den ausgezeichneten, ſchon früher von uns angelegent— lich empfohlenen philoſophiſchen Schriften von Herbert Spencer, „First Principles“ etc. 45)) zweierlei lernen: erſtens, wie unerläßlich die beſtändige Wechſelwirkung der Empirie und Philo— ſophie, die innige Durchdringung von Beobachtung und Reflexion iſt, und zweitens, wie unendlich werthvoll für dieſe ſtets anzuſtre—

XL Vorwort zur vierten Auflage.

bende Verbindung der moniſtiſche Entwickelungsgedanke der Deſcendenz-Theorie iſt. Wie Friedrich Zöllner, deſſen na— turphiloſophiſcher Standpunkt mit dem unſrigen zuſammenfällt, in feinem ideenreichen Buche „über die Natur der Kometen“ 8) vor- trefflich ausführt, wird nur „jenem Bündniſſe der exacten Forſchung mit einer geläuterten Philoſophie die neue Weltanſchauung des kom— menden Jahrhunderts in nie geahnter Größe und Klarheit der Er— kenntniß entſprießen.“ 5

Wie weit die meiſten Naturforſcher leider gegenwärtig noch von der Harmonie dieſer neuen moniſtiſchen Weltanſchauung entfernt ſind, zeigt beſonders klar die herrſchende Beurtheilung eines der wichtig— ſten Probleme der Entwickelungslehre, der Urzeugung. Bereits im ſechſten Capitel der generellen Morphologie („Schöpfung und Selbſtzeugung“) und ſpäter ausführlicher in den „Studien über Mo— neren“ (beſonders S. 177 u. f.) habe ich die Nothwendigkeit der Urzeugung in dem Sinne nachgewieſen, in welchem ſie auch im XIII. Vortrage der Schöpfungsgeſchichte (S. 291 — 310) erörtert iſt. Gerade dieſer unerläßliche Beſtandtheil der Entwickelungstheorie hat die ſtärkſten Angriffe von Seiten der ſogenannten „exacten Empiri— ker“ erfahren und ſelbſt einige berühmte Naturforſcher erſten Ranges haben ſich entſchieden dagegen erklärt. Bei allen dieſen Gegnern der Urzeugung reicht das logiſche Denkvermögen nicht ſo weit, um einzuſehen, daß ſie ſich damit auf den übernatürlichen Boden des nackten Wunderglaubens ſtellen! Sehr richtig hat hiergegen ſchon Friedrich Zöllner in ſeinen „photometriſchen Unterſuchun— gen“ bemerkt (S. 263): „Daß einſt wirklich eine Generatio aequi- voca ſtattgefunden habe, kann für den menſchlichen Verſtand nicht an— ders als mit Aufhebung des Cauſalitätsgeſetzes geleugnet werden.“ Wie viel klarer, ſchärfer und logiſcher hat über dieſe wichtige Frage der Theologe Strauß geurtheilt (a. a. O. S. 172 u. f.), mit viel tie⸗ ferem Naturverſtändniß als alle jene „exacten Naturforſcher“!

Der Vorwurf, welcher der Deſcendenz-Theorie jetzt noch am häufigſten gemacht wird, lautet, daß ſie nicht ſicher genug begrün—

Vorwort zur vierten Auflage. XLI

det, nicht genügend bewieſen ſei. Nicht allein ihre entfchiedenen Gegner behaupten den Mangel an ſicheren Beweiſen; ſondern auch viele halbe und unſichere Anhänger meinen, daß allerdings die Hypotheſe Darwin's noch gründlicher bewieſen werden müſſe. Weder Dieſe noch Jene würdigen das unermeßliche Gewicht, welches die großen Erſcheinungs-Reihen der vergleichenden Anatomie und On— togenie, der Paläontologie und Syſtematik, der Chorologie und Oecologie zu Gunſten der Abſtammungslehre in die Wagſchale wer— fen. Auch die Selections-Theorie Darwin's, welche durch die Wech— ſelwirkung der Vererbung und Anpaſſung im Kampfe um's Daſein die Entſtehung der Arten vollſtändig erklärt, erſcheint ihnen nicht genügend. Sie verlangen vielmehr, daß die Abſtammung der Spe— cies von gemeinſamen Stammformen im Einzelnen nachgewieſen werde, daß im Gegenſatz zu den angeführten ſynthetiſchen Be— weiſen für die Deſcendenz-Theorie vielmehr der analytiſche Be— weis von dem genealogiſchen Zuſammenhang der einzelnen Species geführt werde.

Dieſe „analytiſche Löſung des Problems von der Entſtehung der Arten“ habe ich ſelbſt in meiner kürzlich erſchie— nenen Monographie der Kalkſchwämme (Berlin 1872) zu liefern geſuchts ). Fünf Jahre hindurch habe ich dieſe kleine, aber höchſt lehrreiche Thiergruppe in allen ihren Formen auf das Sorg— fältigſte unterſucht und darf wohl behaupten, daß die daraus her— vorgegangene Monographie die vollſtändigſte und genaueſte mor— phologiſche Analyſe einer ganzen Organismen-Gruppe darftellt, welche bisher gegeben worden iſt. Ausgeſtattet mit dem geſammten, bisher aufgeſpeicherten Unterſuchungs-Material und unterſtützt durch zahlreiche Zuſendungen aus allen Welttheilen konnte ich die geſammte Formengruppe der Kalkſchwämme in jener möglichſt erſchöpfenden Voll— ſtändigkeit bearbeiten, welche für den Nachweis des gemeinſamen Ur— ſprungs aller ihrer Arten unerläßlich ſchien. Grade dieſe Thiergruppe eignet ſich deßhalb ganz vorzüglich zur analytiſchen Löſung des Spe— cies-Problems, weil fie höchſt einfache Organiſations-Verhältniſſe

XLII Vorwort zur vierten Auflage.

darbietet, weil bei ihr die morphologiſchen Verhältniſſe eine ganz überwiegende Bedeutung beſitzen, das phyſiologiſche Intereſſe dage— gen zurücktritt, und weil alle Species von Kalkſchwämmen ſich durch eine ungewöhnlich ſtarke Flüſſigkeit und Biegſamkeit ihrer Form auszeichnen. Mit Rückſicht auf dieſe Verhältniſſe unternahm ich zwei Reiſen an die Meeresküſte (1869 nach Norwegen, 1871 nach Dalmatien), um möglichſt große Maſſen von Individuen in ihren natürlichen Verhältniſſen zu unterſuchen und zur Vergleichung zu ſammeln. Von vielen Arten habe ich mehrere Hundert Individuen auf das Sorgfältigſte verglichen. Von allen Species habe ich die geſammten Formverhältniſſe auf das Genaueſte mikroſkopiſch unter— ſucht und gemeſſen. Als End-Reſultat dieſer mühſeligen Unterſu— chungen und tauſendfältigen Meſſungen ergab ſich, daß „gute Arten“ (bonae species) im gewöhnlichen dogmatiſchen Sinne der Schule bei den Kalkſchwämmen überhaupt nicht exiſtiren, daß die verſchie— denſten Formen durch zahlloſe allmähliche Uebergänge mit einander verknüpft ſind, und daß alle verſchiedenen Arten von Calciſpongien von einer einzigen höchſt einfachen Stammform, dem Olynthus ab— ſtammen. Eine Abbildung des Olynthus und ſeiner früheſten Entwickelungs-Zuſtände (beſonders der außerordentlich wichtigen Ga— ſtrula) habe ich auf dem Titelblatt zur vorliegenden vierten Auf- lage gegeben. Abbildungen von ſämmtlichen Form-Verhältniſſen, welche die Abſtammung aller Caleiſpongien vom Olynthus erläutern, finden ſich in dem Atlas von ſechzig Tafeln, welcher die Monogra— phie der Kalkſchwämme begleitet. In der Gaſtrula iſt jetzt zu— gleich die gemeinſame Stammform gefunden, von welcher ſich alle Thierſtämme (nur die niederſte Gruppe der Urthiere ausgenommen) ohne Schwierigkeit ableiten laſſen. Sie gehört zu den älteſten und wichtigſten Vorfahren des Menſchengeſchlechts!

Wenn man aus der in der Syſtematik üblichen Praxis ſich einen Durchſchnitts-Maaßſtab für die Begriffe von Genus und Species bildet und dieſen auf die ſämmtlichen bisher bekannten Kalkſchwämme anwendet, ſo kann man unter denſelben ungefähr

Vorwort zur vierten Auflage. XLIII

21 Gattungen mit 111 Arten unterſcheiden (wie das im natürlichen Syſtem des zweiten Bandes der Monographie geſchehen iſt). Ich habe aber gezeigt, daß man neben dieſem Syſtem auch noch ein zweites (näher an das bisherige Syſtem der Calciſpongien ſich an— ſchließendes) Syſtem aufſtellen kann, welches 39 Genera und 289 Species enthält. Ein Syſtematiker, welcher dem Species-Begriff eine engere Ausdehnung gibt, könnte dieſelbe Formen-Maſſe auf 43 Gattungen und 381 Arten oder gar auf 113 Genera und 591 Species vertheilen; ein anderer Syſtematiker hingegen, der den Spe— cies-Begriff weiter faßt, brauchte in derſelben Formen-Maſſe nur 3 Gattungen mit 21 Arten oder auch nur eine einzige Gattung mit 7 Arten zu unterſcheiden. Die Abgrenzung der Species und Genera erſcheint bei den zahlloſen Varietäten und Uebergangs-For⸗ men in dieſer Gruppe eben ſo willkührlich, daß ſie vollkommen dem ſubjectiven Geſchmacke des einzelnen Syſtematikers überlaſſen bleibt. In Wirklichkeit erſcheint ja auch vom Standpunkte der Entwicke— lungs-Theorie die Frage, ob man den verwandten Formen-Grup— pen einen weiteren oder engeren Umfang geben, ob man ſie als Genera oder Species, als Varietäten oder Subſpecies auffaſſen will, völlig gleichgültig. Die Hauptſache, der gemeinſame Urſprung aller Arten aus einer Stammform, bleibt erwieſen. Die vielgeſtal⸗ tigen Kalkſchwämme liefern aber auch außerdem dafür in dem höchſt merkwürdigen Verhältniſſe der Metrocormie einen directen Beweis, wie er nicht ſchlagender gedacht werden kann. Es tritt hier gar nicht ſelten der Fall ein, daß aus einem einzigen Stocke oder Cor— mus mehrere verſchiedene Formen hervorwachſen, welche bisher in dem Syſteme als ganz verſchiedene Species, ja ſogar als verſchie— dene Genera angeſehen worden waren. Figur 10 des Titelblattes ſtellt einen ſolchen metrocormotiſchen Stock dar. Dieſer handgreif— liche Beweis für die gemeinſame Deſcendenz verſchiedener Species ſollte doch wohl dem ärgſten Zweifler genügen!

In der That darf ich jetzt wohl von meinen Gegnern erwarten, daß ſie den hier gelieferten „exact empiriſchen Beweis“ berück—

XLIV Vorwort zur vierten Auflage.

ſichtigen, den ſie ſo eifrig verlangt haben. Diejenigen Gegner der Abſtammungslehre, welche zu wenig Urtheilsfähigkeit oder zu wenig Kenntniſſe beſitzen, um die überzeugende Beweiskraft der ſyntheti— ſchen Argumente (der vergleichenden Anatomie, Ontogenie, Syſte— matik u. ſ. w.) zu würdigen, mögen mir auf die Bahn des ana— lytiſchen Beweiſes folgen und die Darſtellung widerlegen, welche ich von der gemeinſamen Abſtammung aller Kalkſchwamm-Arten in meiner Monographie gegeben habe. Ich muß aber wiederholen, daß dieſe Darſtellung ſich auf die genaueſte Unterſuchung eines außerordentlich reichen empiriſchen Materials ſtützt, daß ſie durch Tauſende der ſorgfältigſten mikroſkopiſchen Beobachtungen, Meſſun⸗ gen und Vergleichungen aller einzelnen Theile feſt begründet iſt, und daß Tauſende von geſammelten mikroſkopiſchen Präparaten jeden Augenblick die ſchärfſte kritiſche Controle meiner Angaben ge— ſtatten. Möge man doch verſuchen, mich auf dem Boden dieſer „exacten Empirie“ anzugreifen, ſtatt meine „naturphiloſophiſchen Speculationen“ zu verdammen, und möge man den Beweis zu führen verſuchen, daß dieſe letzteren nicht naturgemäß aus jenen er— ſteren unmittelbar folgen. Möge man mich aber mit der leeren, auch von angeſehenen Naturforſchern noch oft wiederholten Phraſe verſchonen, daß die moniſtiſche Natur-Philoſophie, wie fie in der generellen Morphologie und der natürlichen Schöpfungsgeſchichte auf dem Fundamente der Deſcendenz-Theorie begründet iſt, der thatſäch— lichen Beweiſe entbehre. Die Beweiſe ſind da; wer ſich allerdings vor denſelben die Augen zuhält, wird ſie natürlich nicht ſehen. Ge— rade jene „exacte“ Form des analytiſchen Beweiſes, wie ſie die Gegner der Deſcendenz-Theorie verlangen, findet Jeder, der fie fin— den will, in der Monographie der Kalkſchwämme.

Jena, am 24ten Juni 1873.

Eruſt Heinrich Haeckel.

Die Natur.

Natur! Wir ſind von ihr umgeben und umſchlungen — unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in ſie hinein zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt ſie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt ſich mit uns fort, bis wir ermüdet ſind und ihrem Arme ent— fallen.

Sie ſchafft ewig neue Geſtalten; was da iſt, war noch nie; was war, kommt nicht wieder: Alles iſt neu und doch immer das Alte.

Sie ſcheint alles auf Individualität angelegt zu haben, und macht ſich Nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerſtört immer, und ihre Werkſtätte iſt unzugänglich. N

Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo iſt ſie? Sie iſt die einzige Künſtlerin: aus dem ſimpelſten Stoffe zu den größten Contraſten; ohne Schein der Anſtrengung zu der größten Vollendung; zur genaueſten Beſtimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Weſen, jede ihrer Erſcheinungen den iſolirteſten Begriff, und doch macht alles Eins aus.

Es iſt ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt ſie nicht weiter. Sie verwandelt ſich ewig, und iſt kein Moment Stillſtehen in ihr. Für's Bleiben hat ſie keinen Begriff, und ihren Fluch hat ſie an's Stillſtehen gehängt. Sie iſt feſt: ihr Tritt iſt gemeſſen, ihre Ausnahmen ſelten, ihre Geſetze unwandelbar.

Sie läßt jedes Kind an ihr künſteln, jeden Thoren über ſie richten, tauſende ſtumpf über ſie hingehen und nichts ſehen, und hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung.

XLVI Die Natur.

Man gehorcht ihren Geſetzen, auch wenn man ihnen widerſtrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen ſie wirken will. Sie macht Alles, was ſie giebt, zur Wohlthat; denn ſie macht es erſt unentbehrlich. Sie ſäumt, daß man ſie verlange; ſie eilt, daß man ſie nicht ſatt werde.

Sie hat keine Sprache noch Rede, aber ſie ſchafft Zungen und Herzen, durch die ſie fühlt und ſpricht. Ihre Krone iſt die Liebe; nur durch ſie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwiſchen allen Weſen, und Alles will ſie verſchlingen. Sie hat alles iſolirt, um alles zuſammen zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält ſie für ein Leben voll Mühe ſchadlos.

Sie iſt alles. Sie belohnt ſich ſelbſt und beſtraft ſich ſelbſt, erfreut und quält ſich ſelbſt. Sie iſt rauh und gelinde, lieblich und ſchrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles iſt immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt fie nicht. Gegenwart iſt ihr Ewigkeit. Sie iſt gütig. Ich preiſe fie mit allen ihren Werken. Sie iſt weiſe und ſtill. Man reißt ihr keine Er— klärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geſchenk ab, das ſie nicht freiwillig giebt. Sie iſt liſtig, aber zu gutem Ziele, und am beſten iſt's, ihre Liſt nicht zu merken.

Sie iſt ganz, und doch immer unvollendet. So wie fies treibt, kann ſie's immer treiben. Jedem erſcheint fie in einer eigenen Geſtalt. Sie ver- birgt ſich in tauſend Namen und Termen, und iſt immer dieſelbe.

Sie hat mich hereingeſtellt, fie wird mich auch herausführen. Ich ver— traue mich ihr. Sie mag mit mir ſchalten; ſie wird ihr Werk nicht haſſen. Ich ſprach nicht von ihr: nein, was wahr iſt und was falſch iſt, alles hat ſie geſprochen. Alles iſt ihre Schuld, alles iſt ihr Verdienſt.

Goethe (1780).

Natürliche

Schöpfungsgeſchichte

oder

wiſſenſchaftliche Entwickelungslehre.

„Nach ewigen ehernen „Großen Geſetzen „Müſſen wir Alle „Unſeres Daſeins „Kreiſe vollenden!“ Goethe.

Erſter Vortrag.

Inhalt und Bedeutung der Abſtammungslehre oder Deſeendenztheorie.

Allgemeine Bedeutung und weſentlicher Inhalt der von Darwin reformirten Abſtammungslehre oder Deſcendenztheorie. Beſondere Bedeutung derſelben für die Biologie (Zoologie und Botanik). Beſondere Bedeutung derſelben für die natür— liche Entwickelungsgeſchichte des Menſchengeſchlechts. Die Abſtammungslehre als natürliche Schöpfungsgeſchichte. Begriff der Schöpfung. Wiſſen und Glauben. Schöpfungsgeſchichte und Entwickelungsgeſchichte. Zuſammenhang der individuellen und paläontologiſchen Entwickelungsgeſchichte. Unzweckmäßigkeitslehre oder Wiſſen— ſchaft von den rudimentären Organen. Unnütze und überflüſſige Einrichtungen im Organismus. Gegenſatz der beiden grundverſchiedenen Weltanſchauungen, der moniſtiſchen (mechaniſchen, cauſalen) und der dualiſtiſchen (teleologiſchen, vitalen). Begründung der erſteren durch die Abſtammungslehre. Einheit der organiſchen und anorganiſchen Natur, und Gleichheit der wirkenden Urſachen in Beiden. Be— deutung der Abſtammungslehre für die einheitliche (moniſtiſche) Auffaſſung der ganzen Natur.

Meine Herren! Die geiſtige Bewegung, zu welcher der engliſche Naturforſcher Charles Darwin vor vierzehn Jahren durch ſein berühmtes Werk „über die Entſtehung der Arten“ 1) den Anſtoß gab, hat während dieſes kurzen Zeitraums einen Umfang angenommen, der die allgemeinſte Theilnahme erregen muß. Allerdings iſt die in jenem Werke dargeſtellte naturwiſſenſchaftliche Theorie, welche man gewöhn— lich kurzweg die Darwin'ſche Theorie oder den Darwinismus

nennt, nur ein geringer Bruchtheil einer viel umfaſſenderen Lehre, Haeckel, Natürl. Schöpfungsgeſch. 4. Aufl. 1

2 Allgemeine Bedentung der Abſtammungslehre.

nämlich der univerſalen Entwickelungs-Theorie, welche ihre unermeßliche Bedeutung über das ganze Gebiet aller menſchlichen Wiſ— ſenſchaft erſtreckt. Allein die Art und Weiſe, in welcher Darwin die letztere durch die erſtere feſt begründet hat, iſt ſo überzeugend, und die entſcheidende Wendung, welche durch die nothwendigen Folgeſchlüſſe jener Theorie in der geſammten Weltanſchauung der Menſchheit ange— bahnt worden iſt, muß jedem tiefer denkenden Menſchen ſo gewaltig erſcheinen, daß man ihre allgemeine Bedeutung nicht hoch genug an— ſchlagen kann. Ohne Zweifel muß dieſe ungeheuere Erweiterung un— ſeres menſchlichen Geſichtskreiſes unter allen den zahlreichen und großar— tigen Fortſchritten, welche die Naturwiſſenſchaft in unſerer Zeit gemacht hat, als der bei weitem folgenreichſte und wichtigſte angeſehen werden.

Wenn man unſer Jahrhundert mit Recht das Zeitalter der Na— turwiſſenſchaften nennt, wenn man mit Stolz auf die unermeßlich be— deutenden Fortſchritte in allen Zweigen derſelben blickt, ſo pflegt man dabei gewöhnlich weniger an die Erweiterung unſerer allgemeinen Naturerkenntniß, als vielmehr an die unmittelbaren praktiſchen Erfolge jener Fortſchritte zu denken. Man erwägt dabei die völlige und un— endlich folgenreiche Umgeſtaltung des menſchlichen Verkehrs, welche durch das entwickelte Maſchinenweſen, durch die Eiſenbahnen, Dampf— ſchiffe, Telegraphen und andere Erfindungen der Phyſik hervorgebracht worden iſt. Oder man denkt an den ungeheuren Einfluß, welchen die Chemie in der Heilkunſt, in der Landwirthſchaft, in allen Künſten und Gewerben gewonnen hat. Wie hoch Sie aber auch dieſen Ein— fluß der neueren Naturwiſſenſchaft auf das praktiſche Leben anſchlagen mögen, fo muß derſelbe, von einem höheren und allgemeineren Stand— punkt aus gewürdigt, doch unbedingt hinter dem ungeheuren Einfluß zurückſtehen, welchen die theoretiſchen Fortſchritte der heutigen Natur— wiſſenſchaft auf die geſammte Erkenntniß des Menſchen, auf ſeine ganze Weltanſchauung und die Vervollkommnung ſeiner Bildung noth— wendig gewinnen werden. Denken Sie nur an den unermeßlichen Umſchwung aller unſerer theoretiſchen Anſchauungen, welchen wir der allgemeinen Anwendung des Mikroſkops verdanken. Denken Sie

Allgemeine Bedeutung der Abſtammungslehre. 3

allein an die Zellentheorie, die uns die ſcheinbare Einheit des menſch— lichen Organismus als das zuſammengeſetzte Reſultat aus der ſtaat— lichen Verbindung einer Maſſe elementarer Lebenseinheiten, der Zellen, nachweiſt. Oder erwägen Sie die ungeheure Erweiterung unſeres theoretiſchen Geſichtskreiſes, welche wir der Spektral-Analyſe und der Lehre von der Wärme-Mechanik verdanken. Unter allen dieſen be— wunderungswürdigen theoretiſchen Fortſchritten nimmt aber jedenfalls die von Darwin ausgebildete Theorie bei weitem den höchſten Rang ein.

Jeder von Ihnen wird den Namen Darwins gehört haben. Aber die Meiſten von Ihnen werden wahrſcheinlich nur unvollkom— mene Vorſtellungen von dem eigentlichen Werthe ſeiner Lehre beſitzen. Denn wenn man Alles vergleicht, was ſeit dem Erſcheinen von Dar— wins epochemachendem Werk über daſſelbe geſchrieben worden iſt, ſo muß demjenigen, der ſich nicht näher mit den organiſchen Natur— wiſſenſchaften befaßt hat, der nicht in die inneren Geheimniſſe der Zoologie und Botanik eingedrungen iſt, der Werth jener Theorie ſehr zweifelhaft erſcheinen. Die Beurtheilung derſelben iſt ſo widerſpruchs— voll, größtentheil® jo mangelhaft, daß es uns nicht Wunder nehmen darf, wenn noch jetzt, vierzehn Jahre nach dem Erſcheinen von Dar— wins Werk, dasſelbe nicht entfernt die Bedeutung erlangt hat, welche ihm von Rechtswegen gebührt, und welche es jedenfalls früher oder ſpäter erlangen wird. Die allermeiſten von den zahlloſen Schriften, welche für und gegen den Darwinismus während dieſes Zeitraums veröffentlicht wurden, ſind von Leuten geſchrieben worden, denen der dazu erforderliche Grad von biologiſcher, und beſonders von zoologi— ſcher Bildung durchaus fehlt. Obwohl faſt alle bedeutenderen Natur— forſcher der Gegenwart jetzt zu den Anhängern jener Theorie gehören, haben doch nur wenige derſelben Geltung und Verſtändniß in weite— ren Kreiſen zu verſchaffen geſucht. Daher rühren die befremdenden Widerſprüche und die ſeltſamen Urtheile, die man noch heute allent— halben über den Darwinismus hören kann. Gerade dieſer Umſtand iſt es, welcher mich vorzugsweiſe beſtimmt, die Darwinſche Theorie

1 *

4 Weſentlicher Inhalt der Abſtammungslehre.

und die damit zuſammenhängenden weiteren Lehren zum Gegenſtand dieſer allgemein verſtändlichen Vorträge zu machen. Ich halte es für die Pflicht der Naturforſcher, daß ſie nicht allein in dem engeren Kreiſe, den ihre Fachwiſſenſchaft ihnen vorſchreibt, auf Verbeſſerungen und Entdeckungen ſinnen, daß ſie ſich nicht allein in das Studium des Einzelnen mit Liebe und Sorgfalt vertiefen, ſondern daß fie auch die wichtigen, allgemeinen Reſultate ihrer beſonderen Studien für das Ganze nutzbar machen, und daß ſie naturwiſſenſchaftliche Bildung im ganzen Volke verbreiten helfen. Der höchſte Triumph des menſch— lichen Geiſtes, die wahre Erkenntniß der allgemeinſten Naturgeſetze, darf nicht das Privateigenthum einer privilegirten Gelehrtenkaſte blei— ben, ſondern muß Gemeingut der ganzen Menſchheit werden.

Die Theorie, welche durch Darwin an die Spitze unſerer Na— turerkenntniß geſtellt worden iſt, pflegt man gewöhnlich als A b— ſtammungslehre oder Deſcendenztheorie zu bezeichnen. Andere nennen fie Umbildungslehre oder Transmutations— theorie. Beide Bezeichnungen ſind richtig. Denn dieſe Lehre be— hauptet, daß alle verſchiedenen Organismen (d. h. alle Thier— arten und alle Pflanzenarten, welche jemals auf der Erde gelebt haben, und noch jetzt leben), von einer einzigen oder von we— nigen höchſt einfachen Stammformen abſtammen, und daß ſie ſich aus dieſen auf dem natürlichen Wege allmähli— cher Umbildung entwickelt haben. Obwohl dieſe Entwicke— lungstheorie ſchon im Anfange unſeres Jahrhunderts von verſchiedenen großen Naturforſchern, insbeſondere von Lamarck?) und Goethe?) aufgeſtellt und vertheidigt wurde, hat ſie doch erſt vor vierzehn Jah— ren durch Darwin ihre vollſtändige Ausbildung und ihre urſächliche Begründung erfahren, und das iſt der Grund, weshalb ſie jetzt ge— wöhnlich ausſchließlich (obwohl nicht ganz richtig); als Darwins Theorie bezeichnet wird.

Der hohe und wirklich unſchätzbare Werth der Abſtammungs— lehre erſcheint in einem verſchiedenen Lichte, je nach dem Sie bloß deren nähere Bedeutung für die organiſche Naturwiſſenſchaft, oder

Bedeutung der Abſtammungslehre für Biologie. 5

aber ihren weiteren Einfluß auf die geſammte Welterkenntniß des Menſchen in Betracht ziehen. Die organiſche Naturwiſſenſchaft oder die Biologie, welche als Zoologie die Thiere, als Botanik die Pflanzen zum Gegenſtand ihrer Erkenntniß hat, wird durch die Abſtammungslehre von Grund aus umgeſtaltet und neu begründet. Denn die Deſcendenztheorie macht uns mit den wirkenden Ur— ſachen der organiſchen Formerſcheinungen bekannt, während die bis— herige Thier- und Pflanzenkunde ſich bloß mit den Thatſachen die— ſer Erſcheinungen beſchäftigte. Man kann daher auch die Abſtam— mungslehre als die mechaniſche Erklärung der organiſchen Formerſcheinungen, oder als „die Lehre von den wahren Ur— ſachen in der organiſchen Natur“ bezeichnen.

Da ich nicht vorausſetzen kann, daß Ihnen Allen die Ausdrücke „organiſche und anorganiſche Natur“ geläufig ſind, und da uns die Gegenüberſtellung dieſer beiderlei Naturkörper in der Folge noch vielfach beſchäftigen wird, ſo muß ich ein paar Worte zur Ver— ſtändigung darüber vorausſchicken. Organismen oder organi— ſche Naturkörper nennen wir alle Lebeweſen oder belebten Körper, alſo alle Pflanzen und Thiere, den Menſchen mit inbegriffen, weil bei ihnen faſt immer eine Zuſammenſetzung aus verſchiedenarti— gen Theilen (Werkzeugen oder „Organen“) nachzuweiſen iſt, welche zuſammenwirken, um die Lebenserſcheinungen hervorzubringen. Eine ſolche Zuſammenſetzung vermiſſen wir dagegen bei den Anorganen oder anorganiſchen Naturkörpern, den ſogenannten todten oder unbelebten Körpern, den Mineralien oder Geſteinen, dem Waſſer, der atmoſphäriſchen Luft u. ſ. w. Die Organismen enthalten ſtets eiweißartige Kohlenſtoffverbindungen in feſtflüſſigem Aggregatzuſtande, während dieſe den Anorganen ſtets fehlen. Auf dieſem wichtigen Un— terſchiede beruht die Eintheilung der geſammten Naturwiſſenſchaft in zwei große Hauptabtheilungen, die Biologie oder Wiſſenſchaft von den Organismen (Zoologie und Botanik), und die Anorganologie oder Wiſſenſchaft von den Anorganen (Mineralogie, Geologie, Me— teorologie u. ſ. w.).

6 Bedeutung der Abſtammungslehre für die Anthropologie.

Der unſchätzbare Werth der Abſtammungslehre für die Biologie liegt alſo, wie bemerkt, darin, daß ſie uns die Entſtehung der organi— ſchen Formen auf mechaniſchem Wege erklärt, und deren wirkende Ur— ſachen nachweiſt. So hoch man aber auch mit Recht dieſes Verdienſt der Deſcendenztheorie anſchlagen mag, ſo tritt daſſelbe doch faſt zurück vor der unermeßlichen Bedeutung, welche eine einzige nothwendige Folgerung derſelben für ſich allein in Anſpruch nimmt. Dieſe noth— wendige und unvermeidliche Folgerung iſt die Lehre von der thieriſchen Abſtammung des Menſchengeſchlechts.

Die Beſtimmung der Stellung des Menſchen in der Natur und ſeiner Beziehungen zur Geſammtheit der Dinge, dieſe Frage aller Fragen für die Menſchheit, wie fie Huxley 6) mit Recht nennt, wird durch jene Erkenntniß der thieriſchen Abſtammung des Menſchen— geſchlechts endgültig gelöſt. Wir gelangen alſo in Folge der von Darwin reformirten Deſcendenztheorie zum erſten Male in die Lage, eine natürliche Entwickelungsgeſchichte des Menſchenge— ſchlechts wiſſenſchaftlich begründen zu können. Sowohl alle Ver— theidiger, als alle denkenden Gegner Darwins haben anerkannt, daß die Abſtammung des Menſchengeſchlechts zunächſt von affenarti— gen Säugethieren, weiterhin aber von niederen Wirbelthieren, mit Nothwendigkeit aus ſeiner Theorie folgt.

Allerdings hat Darwin dieſe wichtigſte von allen Folgerungen ſeiner Lehre nicht ſofort ſelbſt ausgeſprochen. In ſeinem Werke „von der Entſtehung der Arten“ findet ſich kein Wort von der thieriſchen Abſtammung des Menſchen. Der eben ſo vorſichtige als kühne Natur- forſcher ging damals abſichtlich mit Stillſchweigen darüber hinweg, weil er vorausſah, daß dieſer bedeutendſte von allen Folgeſchlüſſen der Abſtammungslehre zugleich das bedeutendſte Hinderniß für die Verbrei— tung und Anerkennung derſelben ſein werde. Gewiß hätte Darwins Buch von Anfang an noch weit mehr Widerſpruch und Aergerniß er— regt, wenn ſogleich dieſe wichtigſte Konſequenz darin klar ausgeſpro— chen worden wäre. Erſt zwölf Jahre ſpäter, in dem 187! erſchiene— nen Werke über „die Abſtammung des Menſchen und die geſchlechtliche

Die Abſtammungslehre als natürliche Schöpfungsgeſchichte. 7

Zuchtwahl“ 43) hat Darwin jenen weitreichendſten Folgeſchluß offen anerkannt und ausdrücklich ſeine volle Uebereinſtimmung mit den Na— turforſchern erklärt, welche denſelben inzwiſchen ſchon ſelbſt gezogen hatten. Offenbar iſt die Tragweite dieſer Folgerung ganz unermeß— lich, und keine Wiſſenſchaft wird ſich den Konſequenzen derſelben entziehen können. Die Anthropologie oder die Wiſſenſchaft vom Menſchen, und in Folge deſſen auch die ganze Philoſophie wird in allen einzelnen Zweigen dadurch von Grund aus umgeſtaltet.

Es wird erſt die ſpätere Aufgabe meiner Vorträge ſein, dieſen beſonderen Punkt zu erörtern. Ich werde die Lehre von der thieriſchen Abſtammung des Menſchen erſt behandeln, nachdem ich Ihnen Dar— wins Theorie in ihrer allgemeinen Begründung und Bedeutung vor— getragen habe. Um es mit einem Worte auszudrücken, ſo iſt jene äußerſt bedeutende, aber die meiſten Menſchen von vorn herein abſto— ßende Folgerung nichts weiter als ein beſonderer Deduktionsſchluß, den wir aus dem ſicher begründeten allgemeinen Induktionsgeſetz der Deſcendenztheorie nach den ſtrengen Geboten der unerbittlichen Logik nothwendig ziehen müſſen. ö

Vielleicht iſt nichts geeigneter, Ihnen die ganze und volle Bedeu— tung der Abſtammungslehre mit zwei Worten klar zu machen, als die Bezeichnung derſelben mit dem Ausdruck: „Natürliche Schöpfungs— geſchichte“. Ich habe daher auch ſelbſt dieſe Bezeichnung für die folgenden Vorträge gewählt. Jedoch iſt dieſelbe nur in einem gewiſ— ſen Sinne richtig, und es iſt zu berückſichtigen, daß, ſtreng genommen, der Ausdruck „natürliche Schöpfungsgeſchichte“ einen inneren Wider— ſpruch, eine „Contradictio in adjecto“ einſchließt.

Laſſen Sie uns, um dies zu verſtehen, einen Augenblick den Be— griff der Schöpfung etwas näher ins Auge faſſen. Wenn man unter Schöpfung die Entſtehung eines Körpers durch eine ſchaffende Gewalt oder Kraft verſteht, ſo kann man dabei entweder an die Entſtehung ſeines Stoffes (der körperlichen Materie) oder an die Entſtehung ſeiner Form (der körperlichen Geſtalt) denken.

8 Begriff der Schöpfung. Wiſſen und Glauben.

Die Schöpfung im erſteren Sinne, als die Entſtehung 2 Materie, geht uns hier gar nichts an. Dieſer Vorgang, wenn er überhaupt jemals ſtattgefunden hat, iſt gänzlich der menſchlichen Er— kenntniß entzogen, und kann daher auch niemals Gegenſtand natur— wiſſenſchaftlicher Erforſchung ſein. Die Naturwiſſenſchaft hält die Materie für ewig und unvergänglich, weil durch die Erfahrung noch niemals das Entſtehen und Vergehen auch nur des kleinſten Theilchens der Materie nachgewieſen worden iſt. Da wo ein Naturkörper zu verſchwinden ſcheint, wie z. B. beim Verbrennen, beim Verweſen, beim Verdunſten u. ſ. w., da ändert er nur ſeine Form, ſeinen phyſikali— ſchen Aggregatzuſtand oder ſeine chemiſche Verbindungsweiſe. Ebenſo beruht das Entſtehen eines neuen Naturkörpers, z. B. eines Kryſtalles, eines Pilzes, eines Infuſoriums, nur darauf, daß verſchiedene Stoff— theilchen, welche vorher in einer gewiſſen Form oder Verbindungs— weiſe exiſtirten, in Folge von veränderten Exiſtenz-Bedingungen eine neue Form oder Verbindungsweiſe annehmen. Aber noch niemals iſt ein Fall beobachtet worden, daß auch nur das kleinſte Stofftheil— chen aus der Welt verſchwunden, oder nur ein Atom zu der bereits vorhandenen Maſſe hinzugekommen iſt. Der Naturforſcher kann ſich daher ein Entſtehen der Materie ebenſo wenig als ein Vergehen derſelben vorſtellen, und betrachtet deshalb die in der Welt beſte⸗ hende Quantität der Materie als eine gegebene Thatſache. Fühlt Jemand das Bedürfniß, ſich die Entſtehung dieſer Materie als die Wirkung einer übernatürlichen Schöpfungsthätigkeit, einer außerhalb der Materie ſtehenden ſchöpferiſchen Kraft vorzuſtellen, ſo haben wir nichts dagegen. Aber wir müſſen bemerken, daß damit auch nicht das Geringſte für eine wiſſenſchaftliche Naturerkenntniß gewonnen iſt. Eine ſolche Vorſtellung von einer immateriellen Kraft, welche die Materie erſt ſchafft, iſt ein Glaubensartikel, welcher mit der menſchlichen Wiſſenſchaft gar nichts zu thun hat. Wo der Glaube anfängt, hört die Wiſſenſchaft auf. Beide Thätigkeiten des menſchlichen Geiſtes ſind ſcharf von einander zu halten. Der Glaube hat ſeinen Urſprung in der dichtenden Einbildungskraft, das Wiſſen

Schöpfungsgeſchichte und Entwickelungsgeſchichte. 9

dagegen in dem erkennenden Verſtande des Menſchen. Die Wiſſen— ſchaft hat die ſegenbringenden Früchte von dem Baume der Erkennt— niß zu pflücken, unbekümmert darum, ob dieſe Eroberungen die dich— teriſchen Einbildungen der Glaubenſchaft beeinträchtigen oder nicht.

Wenn alſo die Naturwiſſenſchaft ſich die „natürliche Schöpfungs— geſchichte“ zu ihrer höchſten, ſchwerſten und lohnendſten Aufgabe macht, ſo kann ſie den Begriff der Schöpfung nur in der zweiten, oben ange— führten Bedeutung verſtehen, als die Entſtehung der Form der Naturkörper. In dieſer Beziehung kann man die Geologie, welche die Entſtehung der geformten anorganiſchen Erdoberfläche und die mannichfaltigen geſchichtlichen Veränderungen in der Geſtalt der feſten Erdrinde zu erforſchen ſtrebt, die Schöpfungsgeſchichte der Erde nennen. Ebenſo kann man die Entwickelungsgeſchichte der Thiere und Pflanzen, welche die Entſtehung der belebten Formen, und den mannichfaltigen hiſtoriſchen Wechſel der thieriſchen und pflanzlichen Geſtalten unterſucht, die Schöpfungsgeſchichte der Organismen nennen. Da jedoch leicht in den Begriff der Schöpfung, anch wenn er in dieſem Sinne ge— braucht wird, ſich die unwiſſenſchaftliche Vorſtellung von einem außer— halb der Materie ſtehenden und dieſelbe umbildenden Schöpfer ein— ſchleicht, ſo wird es in Zukunft wohl beſſer ſein, denſelben durch die ſtrengere Bezeichnung der Entwickelung zu erſetzen.

Der hohe Werth, welchen die Entwickelungsgeſchichte für das wiſſenſchaftliche Verſtändniß der Thier- und Pflanzenformen be— ſitzt, iſt jetzt ſeit mehreren Jahrzehnten fo allgemein anerkannt, daß man ohne ſie keinen ſicheren Schritt in der organiſchen Morphologie oder Formenlehre thun kann. Jedoch hat man faſt immer unter Ent— wickelungsgeſchichte nur einen Theil dieſer Wiſſenſchaft, nämlich die— jenige der organiſchen Individuen oder Einzelweſen verſtanden, welche gewöhnlich Embryologie, richtiger und umfaſſender aber Ontogenie genannt wird. Außer dieſer giebt es aber auch noch eine Entwicke— lungsgeſchichte der organiſchen Arten, Klaſſen und Stämme (Phylen), welche zu der erſteren in den wichtigſten Beziehungen ſteht. Das Material dafür liefert uns die Verſteinerungskunde oder Paläonto—

10 Individuelle und paläontologiſche Entwickelungsgeſchichte.

logie, welche uns zeigt, daß jeder Stamm (Phylum) von Thieren und Pflanzen während der verſchiedenen Perioden der Erdgeſchichte durch eine Reihe von ganz verſchiedenen Klaſſen und Arten vertreten war. So war z. B. der Stamm der Wirbelthiere durch die Klaſſen der Fiſche, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugethiere vertreten, und jede dieſer Klaſſen zu verſchiedenen Zeiten durch ganz verſchiedene Arten. Dieſe paläontologiſche Entwickelungsgeſchichte der Organismen, welche man als Stammesgeſchichte oder Phylogenie bezeichnen kann, ſteht in den wichtigſten und merkwürdigſten Beziehungen zu dem andern Zweige der organischen Entwickelungsgeſchichte, derjenigen der Indi— viduen oder der Ontogenie. Die letztere läuft der erſteren im Großen und Ganzen parallel. Um es kurz mit einem Satze zu ſagen, ſo iſt die individuelle Entwickelungsgeſchichte oder die Ontogenie eine kurze und ſchnelle, durch die Geſetze der Vererbung und Anpaſſung bedingte Wiederholung oder Rekapitulation der paläontologiſchen Entwicke— lungsgeſchichte oder der Phylogenie.

Da ich Ihnen dieſe höchſt intereſſante und bedeutſame Thatſache ſpäter noch ausführlicher zu erläutern habe, ſo will ich mich hier nicht dabei weiter aufhalten, und nur hervorheben, daß dieſelbe einzig und allein durch die Abſtammungslehre erklärt und in ihren Urſachen ver— ſtanden wird, während ſie ohne dieſelbe gänzlich unverſtändlich und unerklärlich bleibt. Die Deſcendenztheorie zeigt uns dabei zugleich, warum überhaupt die einzelnen Thiere und Pflanzen ſich entwickeln müſſen, warum dieſelben nicht gleich in fertiger und entwickelter Form ins Leben treten. Keine übernatürliche Schöpfungsgeſchichte vermag uns das große Räthſel der organischen Entwickelung irgendwie zu er— klären. Ebenſo wie auf dieſe hochwichtige Frage giebt uns die De— ſcendenztheorie auch auf alle anderen allgemeinen biologiſchen Fragen vollkommen befriedigende Antworten, und zwar immer Antworten, welche rein mechaniſch-cauſaler Natur ſind, welche lediglich natürliche, phyſikaliſch-chemiſche Kräfte als die Urſachen von Erſcheinungen nach— weiſen, die man früher gewohnt war, der unmittelbaren Einwirkung übernatürlicher, ſchöpferiſcher Kräfte zuzuſchreiben. Mithin wird durch

Rudimentäre oder unzweckmäßige Organe. 11

unſere Theorie aus allen Gebietstheilen der Botanik und Zoologie, und namentlich auch aus dem wichtigſten Theile der letzteren, aus der Anthropologie, der myſtiſche Schleier des Wunderbaren und Ueber— natürlichen entfernt, mit welchem man bisher die verwickelten Erſchei— nungen dieſer natürlichen Erkenntniß-Gebiete zu verhüllen liebte. Das unklare Nebelbild mythologiſcher Dichtung kann vor dem klaren Son— nenlichte naturwiſſenſchaftlicher Erkenntniß nicht länger beſtehen. Von ganz beſonderem Intereſſe ſind unter jenen allgemeinen bio— logiſchen Phänomenen diejenigen, welche ganz unvereinbar ſind mit der gewöhnlichen Annahme, daß jeder Organismus das Produkt einer zweckmäßig bauenden Schöpferkraft ſei. Nichts hat in dieſer Bezie— hung der früheren Naturforſchung ſo große Schwierigkeiten verurſacht, als die Deutung der ſogenannten „rudimentären Organe“, der— jenigen Theile im Thier- und Pflanzenkörper, welche eigentlich ohne Leiſtung, ohne phyſiologiſche Bedeutung, und dennoch formell vor— handen ſind. Dieſe Theile verdienen das allerhöchſte Intereſſe, ob— wohl ſie den meiſten Laien gar nicht oder nur wenig bekannt ſind. Faſt jeder Organismus, faſt jedes Thier und jede Pflanze, beſitzt neben den ſcheinbar zweckmäßigen Einrichtungen ſeiner Organiſation andere Einrichtungen, deren Zweck durchaus nicht einzuſehen iſt. Beiſpiele davon finden ſich überall. Bei den Embryonen man— cher Wiederkäuer, unter Andern bei unſerem gewöhnlichen Rindvieh, ſtehen Schneidezähne im Zwiſchenkiefer der oberen Kinnlade, welche niemals zum Durchbruch gelangen, alſo auch keinen Zweck haben. Die Embryonen mancher Walfiſche, welche ſpäterhin die bekannten Bar— ten ſtatt der Zähne beſitzen, tragen, ſo lange ſie noch nicht geboren ſind und keine Nahrung zu ſich nehmen, dennoch Zähne in ihren Kiefern; auch dieſes Gebiß tritt niemals in Thätigkeit. Ferner beſitzen die meiſten höheren Thiere Muskeln, die nie zur Anwendung kommen; ſelbſt der Menſch beſitzt ſolche rudimentäre Muskeln. Die Meiſten von uns ſind nicht fähig, ihre Ohren willkürlich zu bewegen, obwohl die Muskeln für dieſe Bewegung vorhanden ſind, und obwohl es ein— zelnen Perſonen, die ſich andauernd Mühe geben, dieſe Muskeln zu

12 Rudimentäre oder unzweckmäßige Organe.

üben, in der That gelingt, ihre Ohren zu bewegen. In dieſen noch jetzt vorhandenen, aber verkümmerten Organen, welche dem vollſtän— digen Verſchwinden entgegen gehen, iſt es noch möglich, durch beſon— dere Uebung, durch andauernden Einfluß der Willensthätigkeit des Nervenſyſtems, die beinah erloſchene Thätigkeit wieder zu beleben. Dagegen vermögen wir dies nicht mehr in den kleinen rudimentären Ohrmuskeln, welche noch am Knorpel unſerer Ohrmuſchel vorkommen, aber immer völlig wirkungslos ſind. Bei unſeren langöhrigen Vor— fahren aus der Tertiärzeit, Affen, Halbaffen und Beutelthieren, welche gleich den meiſten anderen Säugethieren ihre große Ohrmuſchel frei und lebhaft bewegten, waren jene Muskeln viel ſtärker entwickelt und von großer Bedeutung. So haben in gleicher Weiſe auch viele Spiel— arten der Hunde und Kaninchen, deren wilde Vorfahren ihre ſteifen Ohren vielſeitig bewegten, unter dem Einfluſſe des Kulturlebens ſich jenes „Ohrenſpitzen“ abgewöhnt, und dadurch verkümmerte Ohrmus— keln und ſchlaff herabhängende Ohren bekommen.

Auch noch an anderen Stellen ſeines Körpers beſitzt der Menſch ſolche rudimentäre Organe, welche durchaus von keiner Bedeutung für das Leben ſind und niemals funktioniren. Eines der merkwür— digſten, obwohl unſcheinbarſten Organe der Art iſt die kleine halb— mondförmige Falte, welche wir am inneren Winkel unſeres Auges, nahe der Naſenwurzel beſitzen, die ſogenannte „Plica semilunaris“. Dieſe unbedeutende Hautfalte, die für unſer Auge gar keinen Nutzen bietet, iſt der ganz verkümmerte Reſt eines dritten, inneren Augen— lides, welches neben dem oberen und unteren Augenlide bei anderen Säugethieren, bei Vögeln und Reptilien ſehr entwickelt iſt. Ja ſogar ſchon unſere uralten Vorfahren aus der Silurzeit, die Urfiſche, ſcheinen dies dritte Augenlid, die ſogenannte Nickhaut, beſeſſen zu haben. Denn viele von ihren nächſten Verwandten, die in wenig veränderter Form noch heute fortleben, viele Haifiſche nämlich, beſitzen eine ſehr ſtarke Nickhaut, die vom inneren Augenwinkel her über den ganzen Augapfel hinüber gezogen werden kann.

Rudimentäre oder unzweckmäßige Organe. 13

Zu den ſchlagendſten Beiſpielen von rudimentären Organen ge— hören die Augen, welche nicht ſehen. Solche finden ſich bei ſehr vie— len Thieren, welche im Dunkeln, z. B. in Höhlen, unter der Erde leben. Die Augen ſind hier oft wirklich in ausgebildetem Zuſtande vorhanden; aber ſie ſind von der Haut bedeckt, ſo daß kein Lichtſtrahl in ſie hineinfallen kann, und ſie alſo auch niemals ſehen können. Solche Augen ohne Geſichtsfunktion beſitzen z. B. mehrere Arten von unter— irdiſch lebenden Maulwürfen und Blindmäuſen, von Schlangen und Eidechſen, von Amphibien (Proteus, Caecilia) und von Fiſchen; fer— ner zahlreiche wirbelloſe Thiere, die im Dunkeln ihr Leben zubringen: viele Käfer, Krebsthiere, Schnecken, Würmer u. ſ. w.

Eine Fülle der intereſſanteſten Beiſpiele von rudimentären Orga— nen liefert die vergleichende Oſteologie oder Skeletlehre der Wirbel— thiere, einer der anziehendſten Zweige der vergleichenden Anatomie. Bei den allermeiſten Wirbelthieren finden wir zwei Paar Gliedmaaßen am Rumpf, ein Paar Vorderbeine und ein Paar Hinterbeine. Sehr häufig iſt jedoch das eine oder das andere Paar derſelben verkümmert, ſeltener beide, wie bei den Schlangen und einigen aalartigen Fiſchen. Aber einige Schlangen, z. B. die Rieſenſchlangen (Boa, Python) ha— ben hinten noch einige unnütze Knochenſtückchen im Leibe, welche die Reſte der verloren gegangenen Hinterbeine ſind. Ebenſo haben die walfiſchartigen Säugethiere (Cetaceen), welche nur entwickelte Vor— derbeine (Bruſtfloſſen) beſitzen, hinten im Fleiſche noch ein Paar ganz überflüſſige Knochen, welche ebenfalls Ueberbleibſel der verkümmerten Hinterbeine ſind. Daſſelbe gilt von vielen echten Fiſchen, bei denen in gleicher Weiſe die Hinterbeine (Bauchfloſſen) verloren gegangen ſind. Umgekehrt beſitzen unſere Blindſchleichen (Anguis) und einige andere Eidechſen inwendig ein vollſtändiges Schultergerüſte, obwohl die Vor— derbeine, zu deren Befeſtigung daſſelbe dient, nicht mehr vorhanden ſind. Ferner finden ſich bei verſchiedenen Wirbelthieren die einzelnen Knochen der beiden Beinpaare in allen verſchiedenen Stufen der Ver— kümmerung, und oft die rückgebildeten Knochen und die zugehörigen Muskeln ſtückweiſe erhalten, ohne doch irgendwie eine Verrichtung

14 Rudimentäre oder unzweckmäßige Organe.

ausführen zu können. Das Inſtrument iſt noch da, aber es kann nicht mehr ſpielen.

Faſt ganz allgemein finden Sie ferner rudimentäre Organe in den Pflanzenblüthen vor, indem der eine oder der andere Theil der männlichen Fortpflanzungsorgane (der Staubfäden und Staubbeutel), oder der weiblichen Fortpflanzungsorgane (Griffel, Fruchtknoten u. ſ. w.) mehr oder weniger verkümmert oder „fehlgeſchlagen“ (abortirt) iſt. Auch hier können Sie bei verſchiedenen, nahe verwandten Pflanzen— arten das Organ in allen Graden der Rückbildung verfolgen. So z. B. iſt die große natürliche Familie der lippenblüthigen Pflanzen (Labiaten), zu welcher Meliſſe, Pfefferminze, Majoran, Gundelrebe, Thymian u. ſ. w. gehören, dadurch ausgezeichnet, daß die rachenför— mige zweilippige Blumenkrone zwei lange und zwei kurze Staub— fäden enthält. Allein bei vielen einzelnen Pflanzen dieſer Familie, z. B. bei verſchiedenen Salbeiarten und beim Rosmarin, iſt nur das eine Paar der Staubfäden ausgebildet, und das andere Paar iſt mehr oder weniger verkümmert, oft ganz verſchwunden. Bisweilen ſind die Staubfäden vorhanden, aber ohne Staubbeutel, ſo daß ſie ganz unnütz ſind. Seltener aber findet ſich ſogar noch das Rudi— ment oder der verkümmerte Reſt eines fünften Staubfadens, ein phyſiologiſch (für die Lebensverrichtung) ganz nutzloſes, aber mor— phologiſch (für die Erkenntniß der Form und der natürlichen Ver— wandtſchaft) äußerſt werthvolles Organ. In meiner generellen Mor— phologie der Organismen !) habe ich in dem Abſchnitt von der „Unzweckmäßigkeitslehre oder Dysteleologie“, noch eine große Anzahl von anderen Beiſpielen angeführt (Gen. Morph. II, 266).

Keine biologiſche Erſcheinung hat wohl jemals die Zoologen und Botaniker in größere Verlegenheit verſetzt als dieſe rudimentären oder abortiven (verkümmerten) Organe. Es ſind Werkzeuge außer Dienſt, Körpertheile, welche da ſind, ohne etwas zu leiſten, zweckmäßig ein— gerichtet, ohne ihren Zweck in Wirklichkeit zu erfüllen. Wenn man die Verſuche betrachtet, welche die früheren Naturforſcher zur Erklärung dieſes Räthſels machten, kann man ſich in der That kaum eines

Verkümmerung der Organe durch Nichtgebrauch. 15

Lächelns über die ſeltſamen Vorſtellungen, zu denen ſie geführt wur— den, Br Außer Stande, eine wirkliche Erklärung zu finden, kam man z. B. zu dem Endreſultate, daß der Schöpfer „der Symme— trie wegen“ dees Organe angelegt habe; oder man nahm an, es ſei dem Schöpfer unpaſſend oder unverſtändig erſchienen, daß dieſe Or— gane bei denjenigen Organismen, bei denen ſie nicht leiſtungsfähig ſind und ihrer ganzen Lebensweiſe nach nicht ſein können, völlig fehl— ten, während die nächſten Verwandten fie beſäßen, und zum Erſatz für die mangelnde Funktion habe er ihnen wenigſtens die äußere Ausſtat— tung der leeren Form verliehen; ungefähr ſo, wie die uniformirten Civilbeamten bei Hofe mit einem unſchuldigen Degen ausgeſtattet ſind, den ſie niemals aus der Scheide ziehen. Ich glaube aber kaum, daß Sie von einer ſolchen Erklärung befriedigt ſein werden.

Nun wird gerade dieſe allgemein verbreitete und räthſelhafte Erſcheinung der rudimentären Organe, an welcher alle übrigen Er— klärungsverſuche ſcheitern, vollkommen erklärt, und zwar in der ein— fachſten und einleuchtendſten Weiſe erklärt durch Darwins Theorie von der Vererbung und von der Anpaſſung. Wir können die wichtigen Geſetze der Vererbung und Anpaſſung an den Hausthie— ren und Kulturpflanzen, welche wir künſtlich züchten, verfolgen, und es iſt bereits eine Reihe ſolcher Vererbungsgeſetze feſtgeſtellt worden. Ohne jetzt auf dieſe einzugehen, will ich nur vorausſchicken, daß einige davon auf mechaniſchem Wege die Entſtehung der rudimen— tären Organe vollkommen erklären, ſo daß wir das Auftreten der— ſelben als einen ganz natürlichen Prozeß anſehen müſſen, bedingt durch den Nichtgebrauch der Organe. Durch Anpaſſung an beſondere Lebensbedingungen ſind die früher thätigen und wirklich arbeitenden Organe allmählich nicht mehr gebraucht worden und außer Dienſt getreten. In Folge der mangelnden Uebung ſind ſie mehr und mehr verkümmert, trotzdem aber immer noch durch Ver— erbung von einer Generation auf die andere übertragen worden, bis ſie endlich größtentheils oder ganz verſchwanden. Wenn wir nun annehmen, daß alle oben angeführten Wirbelthiere von einem

16 Gegenſatz der beiden grundverſchiedenen Weltanſchauungen.

einzigen gemeinſamen Stammvater abſtammen, welcher zwei ſehende Augen und zwei wohl entwickelte Beinpaare beſaß, ſo erklärt ſich ganz einfach der verſchiedene Grad der Verkümmerung und Rück— bildung dieſer Organe bei ſolchen Nachkommen deſſelben, welche dieſe Theile nicht mehr gebrauchen konnten. Ebenſo erklärt ſich vollſtän— dig der verſchiedene Ausbildungsgrad der urſprünglich (in der Blü— thenknospe) angelegten fünf Staubfäden bei den Labiaten, wenn wir annehmen, daß alle Pflanzen dieſer Familie von einem gemeinſamen, mit fünf Staubfäden ausgeſtatteten Stammvater abſtammen.

Ich habe Ihnen die Erſcheinung der rudimentären Organe ſchon jetzt etwas ausführlicher vorgeführt, weil dieſelbe von der allergrößten allgemeinen Bedeutung iſt, und weil ſie uns auf die großen, allge— meinen, tiefliegenden Grundfragen der Philoſophie und der Natur— wiſſenſchaft hinführt, für deren Löſung die Deſcendenz-Theorie nun— mehr der unentbehrliche Leitſtern geworden iſt. Sobald wir nämlich, dieſer Theorie entſprechend, die ausſchließliche Wirkſamkeit phyſikaliſch— chemiſcher Urſachen ebenſo in der lebenden (organiſchen) Körperwelt, wie in der ſogenannten lebloſen (anorganiſchen) Natur anerkennen, ſo räumen wir damit jener Weltanſchauung die ausſchließliche Herrſchaft ein, welche man mit dem Namen der mechaniſchen bezeichnen kann, und welche gegenüberſteht der teleologiſchen Auffaſſung. Wenn Sie alle Weltanſchaungsformen der verſchiedenen Völker und Zeiten mit einander vergleichend zuſammenſtellen, können Sie dieſelben ſchließ— lich alle in zwei ſchroff gegenüberſtehende Gruppen bringen: eine cau— ſale oder mechaniſtiſche und eine teleologiſche oder vita— liſtiſche. Die letztere war in der Biologie bisher allgemein herr— ſchend. Man ſah danach das Thierreich und das Pflanzenreich als Produkte einer zweckmäßig wirkſamen, ſchöpferiſchen Thätigkeit an. Bei dem Anblick jedes Organismus ſchien ſich zunächſt unabweislich die Ueberzeugung aufzudrängen, daß eine ſo künſtliche Maſchine, ein ſo verwickelter Bewegungs-Apparat, wie es der Organismus iſt, nur hervorgebracht werden könne durch eine Thätigkeit, welche analog, ob— wohl unendlich viel vollkommener iſt, als die Thätigkeit des Menſchen

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Mechaniſche oder cauſale und teleologiſche oder vitale Weltanſchauung. 17

bei der Konſtruktion feiner Maſchinen. Wie erhaben man auch die früheren Vorſtellungen des Schöpfers und ſeiner ſchöpferiſchen Thätig— keit faſſen, wie ſehr man ſie aller menſchlichen Analogie entkleiden mag, ſo bleibt doch im letzten Grunde bei der teleologiſchen Naturauf— faſſung dieſe Analogie unabweislich und nothwendig. Man muß ſich im Grunde dann immer den Schöpfer ſelbſt als einen Organismus vorſtellen, als ein Weſen, welches, analog dem Menſchen, wenn auch in unendlich vollkommnerer Form, über ſeine bildende Thätigkeit nach— denkt, den Plan der Maſchinen entwirft, und dann mittelſt Anwen— dung geeigneter Materialien dieſe Maſchinen zweckentſprechend ausführt. Alle dieſe Vorſtellungen leiden nothwendig an der Grundſchwäche des Anthropomorphismus oder der Vermenſchlichung. Es werden dabei, wie hoch man ſich auch den Schöpfer vorſtellen mag, demſelben die menſchlichen Attribute beigelegt, einen Plan zu entwer— fen und danach den Organismus zweckmäßig zu conſtruiren. Das wird auch von derjenigen Anſchauung, welche Darwins Lehre am ſchroffſten gegenüber ſteht, und welche unter den Naturforſchern ihren bedeutendſten Vertreter in Agaſſiz gefunden hat, ganz klar aus— geſprochen. Das berühmte Werk (Essay on classification) von Agaſſizs), welches dem Darwinſchen Werke vollkommen entgegen— geſetzt iſt, und faſt gleichzeitig erſchien, hat ganz folgerichtig jene ab— ſurden anthropomorphiſchen Vorſtellungen vom Schöpfer bis zum höchſten Grade ausgebildet.

Was nun jene vielgerühmte Zweckmäßigkeit in der Na— tur betrifft, ſo iſt ſie überhaupt nur vorhanden für denjenigen, wel— cher die Erſcheinungen im Thier- und Pflanzenleben durchaus ober— flächlich betrachtet. Schon jene rudimentären Organe mußten dieſer Lehre einen harten Stoß verſetzen. Jeder aber, der tiefer in die Or— ganiſation und Lebensweiſe der verſchiedenen Thiere und Pflanzen ein— dringt, der ſich mit der Wechſelwirkung der Lebenserſcheinungen und der ſogenannten „Oekonomie der Natur“ vertrauter macht, kommt nothwendig zu der Anſchauung, daß dieſe Zweckmäßigkeit nicht exiſtirt, ſo wenig als etwa die ite ene Allgüte des Schöpfers. Dieſe

Haeckel, Natürl. Schöpfungsgeſch. 4. Aufl. 2

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18 Unzweckmäßigkeit und Unfriede in der Natur.

optimiſtiſchen Anſchauungen haben leider eben ſo wenig reale Begrün— dung, als die beliebte Redensart von der „ſittlichen Weltordnung“, welche durch die ganze Völkergeſchichte in ironiſcher Weiſe illuſtrirt wird. Im Mittelalter iſt dafür die Herrſchaft der „ſittlichen“ Päpſte und ihrer frommen Inquiſition nicht weniger bezeichnend, als in der Gegen— wart der herrſchende Militarismus mit ſeinem „ſittlichen“ Apparate von Zündnadeln und anderen raffinirten Mordwaffen.

Wenn Sie das Zuſammenleben und die gegenſeitigen Beziehun— gen der Pflanzen und der Thiere (mit Inbegriff des Menſchen) näher betrachten, ſo finden Sie überall und zu jeder Zeit das Gegentheil von jenem gemüthlichen und friedlichen Beiſammenſein, welches die Güte des Schöpfers den Geſchöpfen hätte bereiten müſſen, vielmehr finden Sie überall einen ſchonungsloſen, höchſt erbitterten Kampf Aller gegen Alle. Nirgends in der Natur, wohin Sie auch Ihre Blicke lenken mögen, iſt jener idylliſche, von den Dichtern beſungene Friede vorhanden, — vielmehr überall Kampf, Streben nach Ver— nichtung des Nächſten und nach Vernichtung der direkten Gegner. Leidenſchaft und Selbſtſucht, bewußt oder unbewußt, iſt überall die Triebfeder des Lebens. Das bekannte Dichterwort:

„Die Natur iſt vollkommen überall,

Wo der Menſch nicht hinkommt mit ſeiner Qual“ iſt ſchön, aber leider nicht wahr. Vielmehr bildet auch in dieſer Be— ziehung der Menſch keine Ausnahme von der übrigen Thierwelt. Die Betrachtungen, welche wir bei der Lehre vom „Kampf ums Daſein“ anzuſtellen haben, werden dieſe Behauptung zur Genüge rechtfertigen. Es war auch Darwin, welcher gerade dieſen wich— tigen Punkt in ſeiner hohen und allgemeinen Bedeutung recht klar vor Augen ſtellte, und derjenige Abſchnitt ſeiner Lehre, welchen er ſelbſt den „Kampf ums Daſein“ nennt, iſt einer der wichtigſten Theile derſelben.

Wenn wir alſo jener vitaliſtiſchen oder teleologiſchen Betrachtung der lebendigen Natur, welche die Thier- und Pflanzenformen als Pro— dukte eines gütigen und zweckmäßig thätigen Schöpfers oder einer

Moniſtiſche Anorganologie und dualiftiiche Biologie. 19

zweckmäßig thätigen ſchöpferiſchen Naturkraft anſieht, durchaus ent— gegenzutreten gezwungen ſind, ſo müſſen wir uns entſchieden jene Weltanſchauung aneignen, welche man die mechaniſche oder cau— ſale nennt. Man kann ſie auch als die moniſtiſche oder ein— heitliche bezeichnen, im Gegenſatz zu der zwieſpältigen oder dualiſtiſchen Anſchauung, welche in jener teleologiſchen Weltauf— faſſung nothwendig enthalten iſt. Die mechaniſche Naturbetrachtung iſt ſeit Jahrzehnten auf gewiſſen Gebieten der Naturwiſſenſchaft ſo ſehr eingebürgert, daß hier über die entgegengeſetzte kein Wort mehr verloren wird. Es fällt keinem Phyſiker oder Chemiker, keinem Mine— ralogen oder Aſtronomen mehr ein, in den Erſcheinungen, welche ihm auf ſeinem wiſſenſchaftlichen Gebiete fortwährend vor Augen kommen, die Wirkſamkeit eines zweckmäßig thätigen Schöpfers zu erblicken oder aufzuſuchen. Man betrachtet die Erſcheinungen, welche auf jenen Ge— bieten zu Tage treten, allgemein und ohne Widerſpruch als die noth— wendigen und unabänderlichen Wirkungen der phyſikaliſchen und che— miſchen Kräfte, welche an dem Stoffe oder der Materie haften, und inſofern iſt dieſe Anſchauung rein materialiſtiſch, in einem gewiſſen Sinne dieſes vieldeutigen Wortes. Wenn der Phyſiker die Bewe— gungserſcheinungen der Elektricität oder des Magnetismus, den Fall eines ſchweren Körpers oder die Schwingungen der Lichtwellen ver— folgt, ſo iſt er bei dieſer Arbeit durchaus davon entfernt, das Eingrei— fen einer übernatürlichen ſchöpferiſchen Kraft anzunehmen. In dieſer Beziehung befand ſich bisher die Biologie, als die Wiſſenſchaft von den ſogenannten „belebten“ Naturkörpern, in großem Gegenſatz zu je— nen vorher genannten anorganiſchen Naturwiſſenſchaften (der Anor— ganologie). Zwar hat die neuere Phyſiologie, die Lehre von den Be— wegungserſcheinungen im Thier- und Pflanzenkörper, den mechani— ſchen Standpunkt der letzteren vollkommen angenommen; allein die Morphologie, die Wiſſenſchaft von den Formen der Thiere und der Pflanzen, ſchien dadurch gar nicht berührt zu werden. Die Morpho— logen behandelten nach wie vor, und größtentheils noch heutzutage, im Gegenſatz zu jener mechaniſchen Betrachtung der Leiſtungen, die 2 =

20 Einheit der lebendigen und lebloſen Natur.

Formen der Thiere und Pflanzen als etwas, was durchaus nicht me— chaniſch erklärbar ſei, was nothwendig einer höheren, übernatürlichen, zweckmäßig thätigen Schöpferkraft ſeinen Urſprung verdanken müſſe. Dabei war es ganz gleichgültig, ob man dieſe Schöpferkraft als per— ſönlichen Gott anbetete, oder ob man ſie Lebenskraft (vis vitalis) oder Endurſache (causa finalis) nannte. In allen Fällen flüchtete man hier, um es mit einem Worte zu ſagen, zum Wunder als der Erklärung. Man warf ſich einer Glaubensdichtung in die Arme, welche als ſolche auf dem Gebiete naturwiſſenſchaftlicher Erkenntniß durchaus keine Geltung haben kann.

Alles nun, was vor Darwin geſchehen iſt, um eine natürliche mechaniſche Auffaſſung von der Entſtehung der Thier- und Pflanzen— formen zu begründen, vermochte dieſe nicht zum Durchbruch und zu allgemeiner Anerkennung zu bringen. Dies gelang erſt Darwin's Lehre, und hierin liegt ein unermeßliches Verdienſt derſelben. Denn es wird dadurch die Anſicht von der Einheit der organiſchen und der anorganiſchen Natur feſt begründet; und derjenige Theil der Naturwiſſenſchaft, welcher bisher am längſten und am hart— näckigſten ſich einer mechaniſchen Auffaſſung und Erklärung widerſetzte, die Lehre vom Bau der lebendigen Formen, von der Bedeutung und dem Entſtehen derſelben, wird dadurch mit allen übrigen naturwiſſen— ſchaftlichen Lehren auf einen und denſelben Weg der Vollendung ge— führt. Es wird die Einheit aller Naturerſcheinungen dadurch end— gültig feſtgeſtellt.

Dieſe Einheit der ganzen Natur, die Beſeelung aller Materie, die Untrennbarkeit der geiſtigen Kraft und des körperlichen Stoffes hat Goethe mit den Worten behauptet: „die Materie kann nie ohne Geiſt, der Geiſt nie ohne Materie exiſtiren und wirkſam ſein“. Von den großen moniſtiſchen Philoſophen aller Zeiten find dieſe oberſten Grundſätze der mechaniſchen Weltanſchauung vertreten worden. Schon Demokritus von Abdera, der unſterbliche Begründer der Atomen— lehre, ſprach dieſelben faſt ein halbes Jahrtauſend vor Chriſtus klar aus, ganz vorzüglich aber der große Dominikanermönch Giordano

Endgültige Begründung der moniſtiſchen Auffaſſung. 21

Bruno. Dieſer wurde dafür am 17. Februar 1600 in Rom von der chriſtlichen Inquiſition auf dem Scheiterhaufen verbrannt, an demſel— ben Tage, an welchem 36 Jahre früher ſein großer Landsmann und Kampfesgenoſſe Galilei geboren wurde. Solche Männer, die für eine große Idee leben und ſterben, pflegt man als „Materialiſten“ zu verketzern, ihre Gegner aber, deren Beweisgründe Tortur und Schei— terhaufen ſind, als „Spiritualiſten“ zu preiſen.

Diurch die Deſcendenztheorie wird es uns zum erſtenmal mög— lich, die moniſtiſche Lehre von der Einheit der Natur ſo zu begrün— den, daß eine mechaniſch-cauſale Erklärung auch der verwickeltſten organiſchen Erſcheinungen z. B. der Entſtehung und Einrichtung der Sinnesorgane, in der That nicht mehr Schwierigkeiten für das all— gemeine Verſtändniß hat, als die mechaniſche Erklärung irgend eines phyſikaliſchen Prozeſſes, wie es z. B. die Erdbeben, die Richtungen des Windes oder die Strömungen des Meeres ſind. Wir gelangen dadurch zu der äußerſt wichtigen Ueberzeugung, daß alle Natur— körper, die wir kennen, gleichmäßig belebt ſind, daß der Gegenſatz, welchen man zwiſchen lebendiger und todter Körperwelt aufſtellte, in Wahrheit nicht exiſtirt. Wenn ein Stein, frei in die Luft geworfen, nach beſtimmten Geſetzen zur Erde fällt, oder wenn in einer Salzlöſung ſich ein Kryſtall bildet, ſo iſt dieſe Erſcheinung nicht mehr und nicht minder eine mechaniſche Lebenserſcheinung, als das Wachsthum oder das Blühen der Pflanzen, als die Fortpflan— zung oder die Sinnesthätigkeit der Thiere, als die Empfindung oder die Gedankenbildung des Menſchen. In dieſer Herſtellung der einheitlichen oder moniftifhen Naturauffaſſung liegt das höchſte und allgemeinſte Verdienſt der von Darwin re— formirten Abſtammungslehre.

3

Zweiter Vortrag.

Wiſſenſchaftliche Berechtigung der Deſcendenztheorie. Schöpfungsgeſchichte nach Linné.

Die Abſtammungslehre oder Deſcendenztheorie als die einheitliche Erklärung der organiſchen Naturerſcheinungen durch natürliche wirkende Urſachen. Verglei— chung derſelben mit Newtons Gravitationstheorie. Grenzen der wiſſenſchaftlichen Erklärung und der menſchlichen Erkenntniß überhaupt. Alle Erkenntniß urſprüng⸗ lich durch ſiunliche Erfahrung bedingt, apoſteriori. Uebergang der apoſterioriſchen Erleuntniſſe durch Vererbung in aprioriſche Erkenntuiſſe. Gegenſatz der übernatür- lichen Schöpfungsgeſchichte von Linne, Cuvier, Agaſſiz, und der natürlichen Ent- wickelungstheorien von Lamarck, Goethe, Darwin. Zuſammenhang der erſteren mit der moniſtiſchen (mechaniſchen), der letzteren mit der dualiſtiſchen (teleologiſchen) Weltanſchauung. Monismus und Materialismus. Wiſſenſchaftlicher und ſittlicher Materialismus. Schöpfungsgeſchichte des Moſes. Linne als Begründer der ſyſte— matiſchen Naturbeſchreibung und Artunterſcheidung. Linnss Claſſification und bi- näre Nomenclatur. Bedeutung des Speciesbegriffs bei Linns. Seine Schöpfungs- geſchichte. Linnés Anſicht von der Entſtehung der Arten.

Meine Herren! Der Werth, den jede naturwiſſenſchaftliche Theo— rie beſitzt, wird ſowohl durch die Anzahl und das Gewicht der zu er— klärenden Gegenſtände gemeſſen, als auch durch die Einfachheit und Allgemeinheit der Urſachen, welche als Erklärungsgründe benutzt wer— den. Je größer einerſeits die Anzahl, je wichtiger die Bedeutung der durch die Theorie zu erklärenden Erſcheinungen iſt, und je einfacher andrerſeits, je allgemeiner die Urſachen ſind, welche die Theorie zur Erklärung in Anſpruch nimmt, deſto höher iſt ihr wiſſenſchaftlicher

Vergleichung von Darwins und Newtons Theorie. 23

Werth, deſto ſicherer bedienen wir uns ihrer Leitung, deſto mehr ſind wir verpflichtet zu ihrer Annahme.

Denken Sie z. B. an diejenige Theorie, welche bisher als der größte Erwerb des menſchlichen Geiſtes galt, an die Gravitations— theorie, welche der Engländer Newton vor 200 Jahren in ſeinen mathematiſchen Principien der Naturphiloſophie begründete. Hier fin— den Sie das zu erklärende Objekt ſo groß angenommen als Sie es nur denken können. Er unternahm es, die Bewegungserſcheinungen der Planeten und den Bau des Weltgebäudes auf mathematiſche Geſetze zurückzuführen. Als die höchſt einfache Urſache dieſer verwickelten Be— wegungserſcheinungen begründete Newton das Geſetz der Schwere oder der Maſſenanziehung, daſſelbe, welches die Urſache des Falles der Körper, der Adhäſion, der Cohäſion und vieler anderen Erſchei— nungen iſt.

Wenn Sie nun den gleichen Maßſtab an die Theorie Darwins anlegen, ſo müſſen Sie zu dem Schluß kommen, daß dieſe ebenfalls zu den größten Eroberungen des menſchlichen Geiſtes gehört, und daß ſie ſich unmittelbar neben die Gravitationstheorie Newtons ſtellen kann. Vielleicht erſcheint Ihnen dieſer Ausſpruch übertrieben oder we— nigſtens ſehr gewagt; ich hoffe Sie aber im Verlauf dieſer Vorträge zu überzeugen, daß dieſe Schätzung nicht zu hoch gegriffen iſt. In der vorigen Stunde wurden bereits einige der wichtigſten und allge— meinſten Erſcheinungen aus der organiſchen Natur namhaft gemacht, welche durch Darwins Theorie erklärt werden. Dahin gehören vor Allen die Formveränderungen, welche die individuelle Entwicke— lung der Organismen begleiten, äußerſt mannichfaltige und ver— wickelte Erſcheinungen, welche bisher einer mechaniſchen Erklärung, d. h. einer Zurückführung auf wirkende Urſachen die größten Schwie— rigkeiten in den Weg legten. Wir haben die rudimentären Or— gane erwähnt, jene außerordentlich merkwürdigen Einrichtungen in den Thier- und Pflanzenkörpern, welche keinen Zweck haben, welche jede teleologiſche, jede nach einem Endzweck des Organismus ſuchende Erklärung vollſtändig widerlegen. Es ließe ſich noch eine große An—

24 Erklärungsgebiet der Deſcendenztheorie.

zahl von anderen Erſcheinungen anführen, die nicht minder wichtig ſind, die bisher nicht minder räthſelhaft erſchienen, und die in der einfachſten Weiſe durch die von Darwin reformirte Abſtammungs— lehre erklärt werden. Ich erwähne vorläufig noch die Erſcheinungen, welche uns die geographiſche Verbreitung der Thier- und Pflanzenarten auf der Oberfläche unſeres Planeten, ſowie die geologiſche Vertheilung der ausgeſtorbenen und ver— ſteinerten Organismen in den verſchiedenen Schichten der Erd— rinde darbietet. Auch dieſe wichtigen paläontologiſchen und geogra— phiſchen Geſetze, welche wir bisher nur als Thatſachen kannten, werden durch die Abſtammungslehre in ihren wirkenden Urſachen erkannt. Daſſelbe gilt ferner von allen allgemeinen Geſetzen der ver— gleichenden Anatomie, insbeſondere von dem großen Geſetze der Arbeitstheilung oder Sonderung (Polymorphismus oder Differenzirung), einem Geſetze, welches ebenſo in der ganzen menſchlichen Geſellſchaft, wie in der Organiſation des einzelnen Thier— und Pflanzenkörpers die wichtigſte geſtaltende Urſache iſt, diejenige Urſache, welche ebenſo eine immer größere Mannichfaltigkeit, wie eine fortſchreitende Entwickelung der organiſchen Formen bedingt. In gleicher Weiſe, wie dieſes bisher nur als Thatſache erkannte Ge— ſetz der Arbeitstheilung, wird auch das Geſetz der fortſchreiten— den Entwickelung, oder das Geſetz des Fortſchritts, welches wir ebenſo in der Geſchichte der Völker, wie in der Geſchichte der Thiere und Pflanzen überall wirkſam wahrnehmen, in ſeinem Urſprung durch die Abſtammungslehre erklärt. Und wenn Sie endlich Ihre Blicke auf das große Ganze der organiſchen Natur richten, wenn Sie vergleichend alle einzelnen großen Erſcheinungsgruppen dieſes unge— heuren Lebensgebietes zuſammenfaſſen, ſo ſtellt ſich Ihnen daſſelbe im Lichte der Abſtammungslehre nicht mehr als das künſtlich aus— gedachte Werk eines planmäßig bauenden Schöpfers dar, ſondern als die nothwendige Folge wirkender Urſachen, welche in der chemi— ſchen Zuſammenſetzung der Materie ſelbſt und in ihren phyſikaliſchen Eigenſchaften liegen.

Erklärungsgründe der Deſcendenztheorie. 25

Man kann alſo im weiteſten Umfang behaupten, und ich werde dieſe Behauptung im Verlaufe meiner Vorträge rechtfertigen, daß die Abſtammungslehre uns zum erſten Male in die Lage verſetzt, die Ge— ſammtheit aller organiſchen Naturerſcheinungen auf ein einziges Geſetz zurückzuführen, eine einzige wirkende Urſache für das unendlich ver— wickelte Getriebe dieſer ganzen reichen Erſcheinungswelt aufzufinden. In dieſer Beziehung ſtellt ſie ſich ebenbürtig Newtons Gravitations— theorie an die Seite; ja ſie erhebt ſich noch über dieſelbe!

Aber auch die Erklärungsgründe ſind hier nicht minder einfach, wie dort. Es ſind nicht neue, bisher unbekannte Eigenſchaften des Stoffes, welche Darwin zur Erklärung dieſer höchſt verwickelten Erſcheinungswelt herbeizieht; es ſind nicht etwa Entdeckungen neuer Verbindungsverhältniſſe der Materie, oder neuer Organiſationskräfte derſelben; ſondern es iſt lediglich die außerordentlich geiſtvolle Verbin— dung, die ſynthetiſche Zuſammenfaſſung und denkende Vergleichung einer Anzahl längſt bekannter Thatſachen, durch welche Darwin das „heilige Räthſel“ der lebendigen Formenwelt löſt. Die erſte Rolle ſpielt dabei die Erwägung der Wechſelbeziehungen, welche zwiſchen zwei allgemeinen Lebensthätigkeiten der Organismen beſtehen, den Funktionen der Vererbung und der Anpaſſung. Lediglich durch Erwägung des Wechſelverhältniſſes zwiſchen dieſen beiden Lebensthätig— keiten oder phyſiologiſchen Funktionen der Organismen, ſowie ferner durch Erwägung der gegenſeitigen Beziehungen, welche alle an einem und demſelben Ort zuſammenlebenden Thiere und Pflanzen nothwen— dig zu einander beſitzen — lediglich durch richtige Würdigung dieſer einfachen Thatſachen, und durch die geſchickte Verbindung derſelben iſt es Darwin möglich geworden, in denſelben die wahren wirkenden Urſachen (causae efficientes) für die unendlich verwickelte Geſtalten— welt der organiſchen Natur zu finden.

Wir ſind nun verpflichtet, dieſe Theorie auf jeden Fall anzuneh— men und ſo lange zu behaupten, bis ſich eine beſſere findet, die es unternimmt, die gleiche Fülle von Thatſachen ebenſo einfach zu erklä— ren. Bisher entbehrten wir einer ſolchen Theorie vollſtändig. Zwar

36 Verpflichtung zu allgemeiner Annahme der Deſcendenztheorie.

war der Grundgedanke nicht neu, daß alle verſchiedenen Thier- und Pflanzenformen von einigen wenigen oder ſogar von einer einzigen phöchſt einfachen Grundform abſtammen müſſen. Dieſer Gedanke war längſt ausgeſprochen und zuerſt von dem großen Lamarck?) im An- fang unſeres Jahrhunderts beſtimmt formulirt worden. Allein La— marck ſprach doch eigentlich bloß die Hypotheſe der gemeinſamen Ab— ſtammung aus, ohne ſie durch Erläuterung der wirkenden Urſachen zu begründen. Und gerade in dem Nachweis dieſer Urſachen liegt der außerordentliche Fortſchritt, welchen Darwin über Lamarcks Theo— rie hinaus gethan hat. Er fand in den phyſiologiſchen Vererbungs— und Anpaſſungseigenſchaften der organiſchen Materie die wahre Urſache jenes genealogiſchen Verhältniſſes auf. Auch konnte der geiſtvolle Lamarck noch nicht über das koloſſale Material biologiſcher That— ſachen gebieten, welches durch die emſigen zoologiſchen und botaniſchen Forſchungen der letzten fünfzig Jahre angeſammelt und von Darwin zu einem überwältigenden Beweis-Apparat verwerthet wurde.

Die Theorie Darwins iſt alſo nicht, wie feine Gegner häu— fig behaupten, eine beliebige, aus der Luft gegriffene, bodenloſe Hypo— theſe. Es liegt nicht im Belieben der einzelnen Zoologen und Bota— niker, ob ſie dieſelbe als erklärende Theorie annehmen wollen oder nicht. Vielmehr ſind ſie dazu gezwungen und verpflichtet nach dem allgemei— nen, in den Naturwiſſenſchaften überhaupt gültigen Grundſatze, daß wir zur Erklärung der Erſcheinungen jede mit den wirklichen Thatſachen vereinbare, wenn auch nur ſchwach begründete Theorie ſo lange an— nehmen und beibehalten müſſen, bis ſie durch eine beſſere erſetzt wird. Wenn wir dies nicht thun, ſo verzichten wir auf eine wiſſenſchaftliche Erklärung der Erſcheinungen, und das iſt in der That der Standpunkt, den viele Biologen noch gegenwärtig einnehmen. Sie betrachten das ganze Gebiet der belebten Natur als ein vollkommenes Räthſel und halten die Entſtehung der Thier- und Pflanzenarten, die Erſcheinungen ihrer Entwickelung und Verwandtſchaft für ganz uner— klärlich, für ein Wunder; ſie wollen von einem wahren Verſtänd— niß derſelben überhaupt nichts wiſſen.

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Unentbehrlichkeit der Deſcendenztheorie in der Biologie. 27

Diejenigen Gegner Darwins, welche nicht geradezu in dieſer Weiſe auf eine biologiſche Erklärung verzichten wollen, pflegen freilich zu ſagen: „Darwins Lehre von dem gemeinſchaftlichen Urſprung der verſchiedenartigen Organismen iſt nur eine Hypotheſe; wir ſtellen ihr eine andere entgegen, die Hypotheſe, daß die einzelnen Thier- und Pflanzenarten nicht durch Abſtammung ſich auseinander entwickelt ha— ben, ſondern daß ſie unabhängig von einander durch ein noch unent— decktes Naturgeſetz entſtanden ſind.“ So lange aber nicht gezeigt wird, wie dieſe Entſtehung zu denken iſt, und was das für ein „Natur— geſetz“ iſt, fo lange nicht einmal wahrſchein liche Erklärungsgründe geltend gemacht werden können, welche für eine unabhängige Entſte— hung der Thier- und Pflanzenarten ſprechen, ſo lange iſt dieſe Gegen— hypotheſe in der That keine Hypotheſe, ſondern eine leere, nichts— ſagende Redensart. Auch verdient Darwins Theorie nicht den Na— men einer Hypotheſe. Denn eine wiſſenſchaftliche Hypotheſe iſt eine Annahme, welche ſich auf unbekannte, bisher noch nicht durch die ſinnliche Erfahrung wahrgenommene Eigenſchaften oder Bewegungs— erſcheinungen der Naturkörper ſtützt. Darwins Lehre aber nimmt keine derartigen unbekannten Verhältniſſe an; ſie gründet ſich auf längſt anerkannte allgemeine Eigenſchaften der Organismen, und es iſt, wie bemerkt, die außerordentliche geiſtvolle, umfaſſende Verbin— dung einer Menge bisher vereinzelt dageſtandener Erſcheinungen, welche dieſer Theorie ihren außerordentlich hohen inneren Werth giebt. Wir gelangen durch ſie zum erſten Mal in die Lage, für die Geſammt— heit aller uns bekannten morphologiſchen Erſcheinungen in der Thier— und Pflanzenwelt eine bewirkende Urſache nachzuweiſen; und zwar iſt dieſe wahre Urſache immer ein und dieſelbe, nämlich die Wechſelwir— kung der Anpaſſung und der Vererbung, alſo ein phyſiologiſches, d. h. ein phyſikaliſch-chemiſches oder ein mechaniſches Verhältniß. Aus die— ſen Gründen iſt die Annahme der durch Darwin mechaniſch begrün— deten Abſtammungslehre für die geſammte Zoologie und Botanik eine

zwingende und unabweisbare Nothwendigkeit.

Da nach meiner Anſicht alſo die unermeßliche Bedeutung von

28 Grenzen der Erklärung und der Erkenntniß.

Darwins Lehre darin liegt, daß fie die bisher nicht erklärten or— ganiſchen Formerſcheinungen mechaniſch erklärt, ſo iſt es wohl nothwendig, hier gleich noch ein Wort über den vieldeutigen Begriff der Erklärung einzuſchalten. Es wird ſehr häufig Dar— wins Theorie entgegengehalten, daß ſie allerdings jene Erſcheinungen durch die Vererbung und Anpaſſung vollkommen erkläre, daß da— durch aber nicht dieſe Eigenſchaften der organiſchen Materie ſelbſt er— klärt werden, daß wir nicht zu den letzen Gründen gelangen. Die— ſer Einwurf iſt ganz richtig; allein er gilt in gleicher Weiſe von allen Erſcheinungen. Wir gelangen nirgends zu einer Erkenntniß der letzten Gründe. Die Entſtehung jedes einfachen Salkzkryſtalles, den wir beim Abdampfen einer Mutterlauge erhalten, iſt uns im letz— ten Grunde nicht minder räthſelhaft, und an ſich nicht minder unbe— greiflich, als die Entſtehung jedes Thieres, das ſich aus einer ein— fachen Eizelle entwickelt. Bei Erklärung der einfachſten phyſikaliſchen oder chemiſchen Erſcheinungen, z. B. bei dem Fallen eines Steins oder bei der Bildung einer chemiſchen Verbindung gelangen wir durch Auffindung und Feſtſtellung der wirkenden Urſachen, z. B. der Schwer- kraft oder der chemiſchen Verwandtſchaft, zu anderen weiter zurücklie— genden Erſcheinungen, die an und für ſich Räthſel ſind. Es liegt das in der Beſchränktheit oder Relativität unſeres Erkenntnißvermögens. Wir dürfen niemals vergeſſen, daß die menſchliche Erkenntnißfähigkeit allerdings abſolut beſchränkt iſt und nur eine relative Ausdehnung beſitzt. Sie iſt zunächſt ſchon beſchränkt durch die Beſchaffenheit unfe- rer Sinne und unſeres Gehirns.

Urſprünglich ſtammt alle Erkenntniß aus der ſinnlichen Wahr— nehmung. Man führt wohl dieſer gegenüber die angeborene, a priori gegebene Erkenntniß des Menſchen an; indeſſen werden Sie ſehen, daß ſich die ſogenannte aprioriſche Erkenntniß durch Darwins Lehre nachweiſen läßt als a posteriori erworben, in ihren letzten Gründen durch Erfahrungen bedingt. Erkenntniſſe, welche urſprünglich auf rein empiriſchen Wahrnehmungen beruhen, alſo rein ſinnliche Erfah— rungen ſind, welche aber dann eine Reihe von Generationen hindurch

Erkeuntniſſe apofteriori und apriori. 29

vererbt werden, treten bei den jüngeren Generationen ſcheinbar als unabhängige, angeborene, aprioriſche auf. Von unſeren uralten thie— riſchen Voreltern find alle ſogenannten „Erkenntniſſe a priori“ ur— ſprünglich a posteriori gefaßt worden und erſt durch Vererbung all— mählich zu aprioriſchen geworden. Sie beruhen in letzter Inſtanz auf Erfahrungen, und wir können durch die Geſetze der Vererbung und Anpaſſung beſtimmt nachweiſen, daß in der Art, wie es gewöhnlich geſchieht, Erkenntniſſe a priori den Erkenntniſſen a posteriori nicht entgegen zu ſtellen ſind. Vielmehr iſt die ſinnliche Erfahrung die urſprüngliche Quelle aller Erkenntniſſe. Schon aus dieſem Grunde iſt alle unſere Wiſſenſchaft nur beſchränkt, und niemals vermögen wir die letzten Gründe irgend einer Erſcheinung zu erfaſſen. Die Kryſtalliſationskraft, die Schwerkraft und die chemiſche Verwandtſchaft bleiben uns, an und für ſich, eben ſo unbegreiflich, wie die Anpaſſung und die Vererbung. 5

Wenn uns nun die Theorie Darwins die Geſammtheit aller vorhin in einem kurzen Ueberblick zuſammengefaßten Erſcheinungen aus einem einzigen Geſichtspunkt erklärt, wenn ſie eine und dieſelbe Beſchaffenheit des e als die wirkende Urſache nachweiſt, ſo leiſtet ſie vorläufig Alles, was wir verlangen können. Außerdem läßt ſich aber auch mit gutem Grunde hoffen, daß wir die letzten Gründe, zu welchen Darwin gelangt, nämlich die Eigenſchaften der Erblichkeit und der Anpaſſungsfähigkeit, noch weiter werden er— klären lernen, und daß wir z. B. dahin gelangen werden, die Mole— kularverhältniſſe in der Zuſammenſetzung der Eiweißſtoffe als die weiter zurückliegenden, einfachen Gründe jener Erſcheinungen aufzu— decken. Freilich iſt in der nächſten Zukunft hierzu noch keine Aus— ſicht, und wir begnügen uns vorläufig mit jener Zurückführung, wie wir uns in der Newton'ſchen Theorie mit der Zurückführung der Planeten bewegungen auf die Schwerkraft begnügen. Die Schwer— kraft ſelbſt iſt uns ebenfalls ein Räthſel, an ſich nicht erkennbar.

Bevor wir nun an unſere Hauptaufgabe, an die eingehende Erörterung der Abſtammungslehre und der aus ihr ſich ergebenden

30 Natürliche und übernatürliche Schöpfungsgeſchichten.

Folgerungen herantreten, laſſen Sie uns einen geſchichtlichen Rück— blick auf die wichtigſten und verbreitetſten von denjenigen Anſichten werfen, welche ſich die Menſchen vor Darwin über die organiſche Schöpfung, über die Entſtehung der mannichfaltigen Thier- und Pflanzenarten gebildet hatten. Es liegt dabei keineswegs in meiner Abſicht, Sie mit einem vergleichenden Ueberblick über alle die zahlrei— chen Schöpfungsdichtungen der verſchiedenen Menſchen-Arten, -Raſſen und -Stämme zu unterhalten. So intereſſant und lohnend dieſe Aufgabe, ſowohl in ethnographiſcher als in culturhiſtoriſcher Bezie— hung, auch wäre, jo würde uns dieſelbe doch hier viel zu weit füh- ren. Auch trägt die übergroße Mehrzahl aller dieſer Schöpfungs— ſagen zu ſehr das Gepräge willkürlicher Dichtung und des Mangels eingehender Naturbetrachtung, als daß dieſelben für eine naturwiſ— ſenſchaftliche Behandlung der Schöpfungsgeſchichte von Intereſſe wä— ren. Ich werde daher von den nicht wiſſenſchaftlich begründeten Schöpfungsgeſchichten blos die moſaiſche hervorheben, wegen des beifpiellofen Einfluſſes, den fie in der abendländiſchen Culturwelt gewonnen, und dann werde ich ſogleich zu den wiſſenſchaftlich for— mulirten Schöpfungshypotheſen übergehen, welche erſt nach Beginn des verfloſſenen Jahrhunderts, mit Linné, ihren Anfang nahmen.

Alle verſchiedenen Vorſtellungen, welche ſich die Menſchen je— mals von der Entſtehung der verſchiedenen Thier- und Pflanzen— arten gemacht haben, laſſen ſich füglich in zwei große, entgegen— geſetzte Gruppen bringen, in natürliche und übernatürliche Schöp— fungsgeſchichten.

Dieſe beiden Gruppen entſprechen im Großen und Ganzen den beiden verſchiedenen Hauptformen der menſchlichen Weltanſchauung, welche wir vorher als moniſtiſche (einheitliche) und dualiſtiſche (zwie— ſpältige) Naturauffaſſung gegenüber geſtellt haben. Die gewöhnliche dualiſtiſche oder teleologiſche (vitale) Weltanſchauung muß die organiſche Natur als das zweckmäßig ausgeführte Product eines planvoll wirkenden Schöpfers anſehen. Sie muß in jeder einzelnen Thier- und Pflanzenart einen „verkörperten Schöpfungsgedanfen“

Natürliche und übernatürliche Schöpfungsgeſchichten. 31

erblicken, den materiellen Ausdruck einer zweckmäßig thätigen End— urſache oder einer zweckthätigen Urſache (causa finalis). Sie muß nothwendig übernatürliche (nicht mechaniſche) Vorgänge für die Entſtehung der Organismen in Anſpruch nehmen. Wir dürfen ſie daher mit Recht als übernatürliche Schöpfungsgeſchichte bezeichnen. Von allen hierher gehörigen teleologiſchen Schöpfungs— geſchichten gewann diejenige des Moſes den größten Einfluß, da fie durch fo bedeutende Naturforſcher, wie Linné, ſelbſt in der Na— turwiſſenſchaft allgemeinen Eingang fand. Auch die Schöpfungs— anſichten von Cuvier und Agaſſiz, und überhaupt von der gro— ßen Mehrzahl der Naturforſcher ſowohl als der Laien gehören in dieſe Gruppe.

Die von Darwin ausgebildete Entwickelungstheorie dagegen, welche wir hier als natürliche Schöpfungsgeſchichte zu be— handeln haben, und welche bereits von Goethe und Lamarck aufgeſtellt wurde, muß, wenn ſie folgerichtig durchgeführt wird, ſchließlich nothwendig zu der moniſtiſchen oder mechaniſchen (caufalen) Weltanſchauung hinführen. Im Gegenſatz zu jener dua— liſtiſchen oder teleologiſchen Naturauffaſſung betrachtet dieſelbe die Formen der organiſchen Naturkörper, ebenſo wie diejenigen der an— organiſchen, als die nothwendigen Produkte natürlicher Kräfte. Sie erblickt in den einzelnen Thier- und Pflanzenarten nicht verkörperte Gedanken des perſönlichen Schöpfers, ſondern den zeitweiligen Aus— druck eines mechaniſchen Entwickelungsganges der Materie, den Aus— druck einer nothwendig wirkenden Urſache oder einer mechaniſchen Urſache (causa efficiens). Wo der teleologiſche Dualismus in den Schöpfungswundern die willkürlichen Einfälle eines launen— haften Schöpfers aufſucht, da findet der cauſale Monismus in den Entwickelungsproceſſen die nothwendigen Wirkungen ewiger und un— abänderlicher Naturgeſetze.

Man hat dieſen, hier von uns vertretenen Monis mus auch oft für identiſch mit dem Materialismus erklärt. Da man dem— gemäß auch den Darwinismus und überhaupt die ganze Ent—

32 Monismus und Materialismus.

wickelungstheorie als „materialiſtiſch“ bezeichnet hat, ſo kann ich nicht umhin, ſchon hier mich von vorneherein gegen die Zweideutigkeit dieſer Bezeichnung und gegen die Argliſt, mit welcher dieſelbe von gewiſſen Seiten zur Verketzerung unſerer Lehre benutzt wird, ausdrücklich zu verwahren.

Unter dem Ausdruck „Materialismus“ werden ſehr allge— mein zwei gänzlich verſchiedene Dinge mit einander verwechſelt und vermengt, die im Grunde gar nichts mit einander zu thun haben, nämlich der naturwiſſenſchaftliche und der ſittliche Materialismus. Der naturwiſſenſchaftliche Materialismus, welcher mit unſerem Monismus identiſch iſt, behauptet im Grunde weiter nichts, als daß Alles in der Welt mit natürlichen Dingen zugeht, daß jede Wirkung ihre Urſache und jede Urſache ihre Wirkung hat. Er ſtellt alſo über die Geſammtheit aller uns erkennbaren Erſchei— nungen das Cauſal-Geſetz, oder das Geſetz von dem nothwen— digen Zuſammenhang von Urſache und Wirkung. Er verwirft da— gegen entſchieden jeden Wunderglauben und jede wie immer geartete Vorſtellung von übernatürlichen Vorgängen. Für ihn giebt es da— her in dem ganzen Gebiete menſchlicher Erkenntniß nirgends mehr eine wahre Metaphyſik, ſondern überall nur Phyſik. Für ihn iſt der unzertrennliche Zuſammenhang von Stoff, Form und Kraft ſelbſtverſtändlich. Dieſer wiſſenſchaftliche Materialismus iſt auf dem ganzen großen Gebiete der anorganiſchen Naturwiſſenſchaft, in der Phyſik und Chemie, in der Mineralogie und Geologie, längſt ſo allgemein anerkannt, daß kein Menſch mehr über ſeine alleinige Berechtigung im Zweifel iſt. Ganz anders verhält es ſich aber in der Biologie, in der organiſchen Naturwiſſenſchaft, wo man die Gel— tung deſſelben noch fortwährend von vielen Seiten her beſtreitet, ihm aber nichts Anderes, als das metaphyſiſche Geſpenſt der Le— benskraft, oder gar nur theologiſche Dogmen, entgegenhalten kann. Wenn wir nun aber den Beweis führen können, daß die ganze erkennbare Natur nur Eine iſt, daß dieſelben „ewigen, ehernen, gro— ßen Geſetze“ in dem Leben der Thiere und Pflanzen, wie in dem

Wiſſenſchaftlicher und fittlicher Materialismus. 33

Wachsthum der Kryſtalle und in der Triebkraft des Waſſerdampfes thätig ſind, ſo werden wir auch auf dem geſammten Gebiete der Bio- logie, in der Zoologie wie in der Botanik, überall mit demſelben Rechte den moniſtiſchen oder mechaniſchen Standpunkt feſthalten, mag man denſelben nun als „Materialismus“ verdächtigen oder nicht. In dieſem Sinne iſt die ganze exacte Naturwiſſenſchaft, und an ihrer Spitze das Cauſalgeſetz, rein „materialiſtiſch“.

Ganz etwas Anderes als dieſer naturwiſſenſchaftliche iſt der ſitt— liche oder ethiſche Materialismus, der mit dem erſteren gar Nichts gemein hat. Dieſer „eigentliche“ Materialismus verfolgt in ſeiner praktiſchen Lebensrichtung kein anderes Ziel, als den möglichſt raffinirten Sinnengenuß. Er ſchwelgt in dem traurigen Wahne, daß der rein materielle Genuß dem Menſchen wahre Befriedigung geben könne, und indem er dieſe in keiner Form der Sinnenluſt finden kann, ſtürzt er ſich ſchmachtend von einer zur andern. Die tiefe Wahrheit, daß der eigentliche Werth des Lebens nicht im materiellen Genuß, ſondern in der ſittlichen That, und daß die wahre Glückſeligkeit nicht in äußeren Glücksgütern, ſondern nur in tugendhaftem Lebenswandel beruht, iſt jenem ethiſchen Materialismus unbekannt. Daher ſucht man denſelben auch vergebens bei ſolchen Naturforſchern und Philoſophen, deren höchſter Genuß der geiſtige Naturgenuß und deren höchſtes Ziel die Erkenntniß der Naturgeſetze iſt. Dieſen Materialismus muß man in den Paläſten der Kirchenfürſten und bei allen jenen Heuchlern ſuchen, welche unter der äußeren Maske frommer Gottesverehrung lediglich hierarchiſche Tyrannei und materielle Ausbeutung ihrer Mit— menſchen erſtreben. Stumpf für den unendlichen Adel der ſogenann— ten „rohen Materie“ und der aus ihr entſpringenden herrlichen Erſchei— nungswelt, unempfindlich für die unerſchöpflichen Reize der Natur, wie ohne Kenntniß von ihren Geſetzen, verketzern dieſelben die ganze Naturwiſſenſchaft und die aus ihr entſpringende Bildung als fünd- lichen Materialismus, während ſie ſelbſt dem letzteren in der widerlich— ſten Geſtalt fröhnen. Nicht allein die ganze Geſchichte der „unfehlba—

ren“ Päpſte mit ihrer endloſen Kette von gräulichen Verbrechen, ſon— Haeckel, Natürl. Schöpfungsgeſch. 4. Aufl. 3

34 Materialismus und Mechanismus.

dern auch die widerwärtige Sittengeſchichte der Orthodoxie in allen Religionsformen liefert Ihnen hierfür genügende Beweiſe.

Um nun in Zukunft die übliche Verwechſelung dieſes ganz ver— werflichen ſittlichen Materialismus mit unſerem naturphiloſophiſchen Materialismus zu vermeiden, halten wir es für nöthig, den letzteren entweder Monismus oder Realismus zu nennen. Das Princip dieſes Monismus iſt daſſelbe, was Kant das „Princip des Mecha— nismus“ nennt, und von dem er ausdrücklich erklärt, daß es ohne daſſelbe überhaupt keine Naturwiſſenſchaft geben könne. Dieſes Princip iſt von unſerer „natürlichen Schöpfungsge— ſchichte“ ganz untrennbar, und kennzeichnet dieſelbe gegenüber dem te— leologiſchen Wunderglauben der übernatürlichen Schöpfungsgeſchichte.

Laſſen Sie uns nun zunächſt einen Blick auf die wichtigſte von allen übernatürlichen Schöpfungsgeſchichten werfen, diejenige des Moſes, wie ſie uns durch die alte Geſchichts- und Geſetzesurkunde des jüdiſchen Volkes, durch die Bibel, überliefert worden iſt. Be— kanntlich iſt die moſaiſche Schöpfungsgeſchichte, wie ſie im erſten Capi— tel der Geneſis den Eingang zum alten Teſtament bildet, in der gan— zen jüdiſchen und chriſtlichen Culturwelt bis auf den heutigen Tag in allgemeiner Geltung geblieben. Dieſer außerordentliche Erfolg erklärt ſich nicht allein aus der engen Verbindung derſelben mit den jüdiſchen und chriſtlichen Glaubenslehren, ſondern auch aus dem einfachen und natürlichen Ideengang, welcher dieſelbe durchzieht, und welcher vor— theilhaft gegen die bunte Schöpfungsmythologie der meiſten anderen Völker des Alterthums abſticht. Zuerſt ſchafft Gott der Herr die Erde als anorganiſchen Weltkörper. Dann ſcheidet er Licht und Finſterniß, darauf Waſſer und Feſtland. Nun erſt iſt die Erde für Organismen bewohnbar geworden und es werden zunächſt die Pflanzen, ſpäter erſt die Thiere erſchaffen, und zwar von den letzteren zuerſt die Bewohner des Waſſers und der Luft, ſpäter erſt die Bewohner des Feſtlands. Endlich zuletzt von allen Organismen ſchafft Gott den Menſchen, ſich ſelbſt zum Ebenbilde und zum Beherrſcher der Erde.

Zwei große und wichtige Grundgedanken der natürlichen Ent—

Schöpfungsgeſchichte des Moſes. 35

wickelungstheorie treten uns in dieſer Schöpfungshypotheſe des Mo— ſes mit überraſchender Klarheit und Einfachheit entgegen, der Ge— danke der Sonderung oder Differenzirung, und der Gedanke der fortſchreitenden Entwickelung oder Vervollkommnung. Obwohl Moſes dieſe großen Geſetze der organiſchen Entwickelung, die wir ſpäter als nothwendige Folgerungen der Abſtammungslehre nachwei— ſen werden, als die unmittelbare Bildungsthätigkeit eines geſtaltenden Schöpfers anſieht, liegt doch darin der erhabnere Gedanke einer fort— ſchreitenden Entwickelung und Differenzirung der urſprünglich ein— fachen Materie verborgen. Wir können daher dem großartigen Natur— verſtändniß des jüdiſchen Geſetzgebers und der einfach natürlichen Faſ— ſung ſeiner Schöpfungshypotheſe unſere gerechte und aufrichtige Be— wunderung zollen, ohne darin eine ſogenannte „göttliche Offenbarung“ zu erblicken. Daß ſie dies nicht ſein kann, geht einfach ſchon daraus hervor, daß darin zwei große Grundirrthümer behauptet werden, nämlich erſtens der geocentriſche Irrthum, daß die Erde der feſte Mittelpunkt der ganzen Welt ſei, um welchen ſich Sonne, Mond und Sterne bewegen; und zweitens der anthropocentriſche Irr— thum, daß der Menſch das vorbedachte Endziel der irdiſchen Schö— pfung ſei, für deſſen Dienſt die ganze übrige Natur nur geſchaffen ſei. Der erſtere Irrthum wurde durch Kopernikus' Weltſyſtem im Be— ginn des ſechszehnten, der letztere durch Lamarcks Abſtammungs— lehre im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vernichtet.

Trotzdem durch Kopernikus bereits der geocentriſche Irrthum der moſaiſchen Schöpfungsgeſchichte nachgewieſen und damit die Auto- rität derſelben als einer abſolut vollkommenen göttlichen Offenba— rung aufgehoben wurde, erhielt ſich dieſelbe dennoch bis auf den heu— tigen Tag in ſolchem Anſehen, daß ſie in weiten Kreiſen das Haupt— hinderniß für die Annahme einer natürlichen Entwickelungstheorie bildet. Bekanntlich haben ſelbſt viele Naturforſcher noch in unſerem Jahrhundert verſucht, dieſelbe mit den Ergebniſſen der neueren Na— turwiſſenſchaft, insbeſondere der Geologie, in Einklang zu bringen, und z. B. die ſieben Schöpfungstage des Moſes als ſieben große

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36 Schöpfungsgeſchichte des Moſes.

geologiſche Perioden gedeutet. Indeſſen ſind alle dieſe künſtlichen Deutungsverſuche ſo vollkommen verfehlt, daß ſie hier keiner Wider— legung bedürfen. Die Bibel iſt kein naturwiſſenſchaftliches Werk, ſon— dern eine Geſchichts-, Geſetzes- und Religionsurkunde des jüdiſchen Volkes, deren hoher culturgeſchichtlicher Werth dadurch nicht geſchmä— lert wird, daß ſie in allen naturwiſſenſchaftlichen Fragen ohne maß— gebende Bedeutung und voll von groben Irrthümern iſt.

Wir können nun einen großen Sprung von mehr als drei Jahr⸗ tauſenden machen, von Moſes, welcher ungefähr um das Jahr 1480 vor Chriſtus ſtarb, bis auf Linné, welcher 1707 nach Chriſtus ge— boren wurde. Während dieſes ganzen Zeitraums wurde keine Schö— pfungsgeſchichte aufgeſtellt, welche eine bleibende Bedeutung gewann, oder deren nähere Betrachtung an dieſem Orte von Intereſſe wäre. Insbeſondere während der letzten 1500 Jahre, als das Chriſtenthum die Weltherrſchaft gewann, blieb die mit deſſen Glaubenslehren ver— knüpfte moſaiſche Schöpfungsgeſchichte jo allgemein herrſchend, daß erſt das neunzehnte Jahrhundert ſich entſchieden dagegen aufzulehnen wagte. Selbſt der große ſchwediſche Naturforſcher Linné, der Be— gründer der neueren Naturgeſchichte, ſchloß ſich in ſeinem Naturſyſtem auf das Engſte an die Schöpfungsgeſchichte des Moſes an.

Der außerordentliche Fortſchritt, welchen Karl Linné in den ſogenannten beſchreibenden Naturwiſſenſchaften that, beſteht bekannt— lich in der Aufſtellung eines Syſtems der Thier- und Pflanzenar— ten, welches er in ſo folgerichtiger und logiſch vollendeter Form durch— führte, daß es bis auf den heutigen Tag in vielen Beziehungen die Richtſchnur für alle folgenden, mit den Formen der Thiere und Pflan— zen ſich beſchäftigenden Naturforſcher geblieben iſt. Obgleich das Sy— ſtem Linné's ein künſtliches war, obgleich er für die Klaſſifikation der Thier- und Pflanzenarten nur einzelne Theile als Eintheilungsgrund— lagen hervorſuchte und anwendete, hat dennoch dieſes Syſtem ſich den größten Erfolg errungen, erſtens durch ſeine konſequente Durchfüh— rung, und zweitens durch ſeine ungemein wichtig gewordene Benen— nungsweiſe der Naturkörper, auf welche wir hier nothwendig ſogleich

Linné's zweifache Benennung der organiſchen Arten. 37

einen Blick werfen müſſen. Nachdem man nämlich vor Linne ſich vergeblich abgemüht hatte, in das unendliche Chaos der ſchon damals bekannten verſchiedenen Thier- und Pflanzenformen durch irgend eine paſſende Namengebung und Zuſammenſtellung Licht zu bringen, ge— lang es Linns durch Aufſtellung der ſogenannten „binären No— menklatur“ mit einem glücklichen Griff dieſe wichtige und ſchwierige Aufgabe zu löſen. Die binäre Nomenklatur oder die zweifache Be— nennung, wie fie Lin ns zuerſt aufſtellte, wird noch heutigen Tages ganz allgemein von allen Zoologen und Botanikern angewendet und wird ſich unzweifelhaft ſehr lange noch in gleicher Geltung erhalten. Sie beſteht darin, daß jede Thier- und Pflanzenart mit zwei Namen bezeichnet wird, welche ſich ähnlich verhalten, wie Tauf- und Familien— namen der menſchlichen Individuen. Der beſondere Name, welcher dem menſchlichen Taufnamen entſpricht, und welcher den Begriff der Art (Species) ausdrückt, dient zur gemeinſchaftlichen Bezeichnung aller thieriſchen oder pflanzlichen Einzelweſen, welche in allen weſent— lichen Formeigenſchaften ſich gleich ſind, und ſich nur durch ganz un— tergeordnete Merkmale unterſcheiden. Der allgemeinere Name dage— gen, welcher dem menſchlichen Familiennamen entſpricht, und welcher den Begriff der Gattung (Genus) ausdrückt, dient zur gemeinſchaft— lichen Bezeichnung aller nächſt ähnlichen Arten oder Species. Der allgemeinere, umfaſſende Genusname wird nach Linné's allgemein gültiger Benennungsweiſe vorangeſetzt; der beſondere, untergeordnete Speciesname folgt ihm nach. So z. B. heißt die Hauskatze Felis domestica, die wilde Katze Felis catus, der Panther Felis pardus, der Jaguar Felis onca, der Tiger Felis tigris, der Löwe Felis leo; alle ſechs Raubthierarten find verſchiedene Species eines und deſſel— ben Genus: Felis. Oder, um ein Beiſpiel aus der Pflanzenwelt hinzuzufügen, fo heißt nach Lin né's Benennung die Fichte Pinus abies, die Tanne Pinus picea, die Lärche Pinus larix, die Pinie Pinus pinea, die Zirbelkiefer Pinus cembra, das Knieholz Pinus mughus, die gewöhnliche Kiefer Pinus silvestris; alle ſieben Nadel— holzarten ſind verſchiedene Species eines und deſſelben Genus: Pinus.

38 Praktiſche und theoretiſche Bedeutung der binären Nomenklatur.

Vielleicht ſcheint Ihnen dieſer von Linné herbeigeführte Forts ſchritt in der praktiſchen Unterſcheidung und Benennung der vielgeftal- tigen Organismen nur von untergeordneter Wichtigkeit zu ſein. Al⸗ lein in Wirklichkeit war er von der allergrößten Bedeutung, und zwar ſowohl in praktiſcher als in theoretiſcher Beziehung. Denn es wurde nun erſt möglich, die Unmaſſe der verſchiedenartigen organiſchen For— men nach dem größeren und geringeren Grade ihrer Aehnlichkeit zu— ſammenzuſtellen und überſichtlich in dem Fachwerk des Syſtems zu ordnen. Die Regiſtratur dieſes Fachwerks machte Linné dadurch noch überſichtlicher, daß er die nächſtähnlichen Gattungen (Genera) in ſogenannte Ordnungen (Ordines) zuſammenſtellte, und daß er die nächſtähnlichen Ordnungen in noch umfaſſenderen Hauptabtheilungen, den Klaſſen (Classes) vereinigte. Es zerfiel alſo zunächſt jedes der beiden organiſchen Reiche nach Linné in eine geringe Anzahl von Klaſ— ſen; das Pflanzenreich in 24 Klaſſen, das Thierreich in 6 Klaſſen. Jede Klaſſe enthielt wieder mehrere Ordnungen. Jede einzelne Ord— nung konnte eine Mehrzahl von Gattungen und jede einzelne Gattung wiederum mehrere Arten enthalten.

Nicht minder bedeutend aber, als der unſchätzbare praktiſche Nutzen, welchen Linn é's binäre Nomenklatur ſofort für eine über⸗ ſichtliche ſyſtematiſche Unterſcheidung, Benennung, Anordnung und Eintheilung der organiſchen Formenwelt hatte, war der unberechen- bare theoretiſche Einfluß, welchen dieſelbe alsbald auf die geſammte allgemeine Beurtheilung der organiſchen Formen, und ganz beſonders auf die Schöpfungsgeſchichte gewann. Noch heute drehen ſich alle die wichtigen Grundfragen, welche wir vorher kurz erörterten, zuletzt um die Entſcheidung der ſcheinbar ſehr abgelegenen und unwichtigen Vorfrage, was denn eigentlich die Art oder Species iſt? Noch heute kann der Begriff der organiſchen Species als der Angelpunkt der ganzen Schöpfungsfrage bezeichnet werden, als der ſtreitige Mittelpunkt, um deſſen verſchiedene Auffaſſung ſich alle Darwiniſten und Antidarwiniſten herumſchlagen.

Nach der Meinung Darwins und ſeiner Anhänger ſind die

Bedeutung des Speciesbegriffs bei Linns. 39

verſchiedenen Species einer und derſelben Gattung von Thieren und Pflanzen weiter nichts, als verſchiedenartig entwickelte Abkömmlinge einer und derſelben urſprünglichen Stammform. Die verſchiedenen vorhin genannten Nadelholzarten würden demnach von einer einzigen urſprünglichen Pinusform abſtammen. Ebenſo würden alle oben an- geführten Katzenarten aus einer einzigen gemeinſamen Felisform ihren Urſprung ableiten, dem Stammvater der ganzen Gattung. Weiter— hin müßten dann aber, der Abſtammungslehre entſprechend, auch alle verſchiedenen Gattungen einer und derſelben Ordnung von einer einzigen gemeinſchaftlichen Urform abſtammen, und ebenſo endlich alle Ordnungen einer Klaſſe von einer einzigen Stammform.

Nach der entgegengeſetzten Vorſtellung der Gegner Darwins ſind dagegen alle Thier- und Pflanzenſpecies ganz unabhängig von einander, und nur die Einzelweſen oder Individuen einer jeden Spe⸗ ties ſtammen von einer einzigen gemeinſamen Stammform ab. Fra⸗ gen wir ſie nun aber, wie ſie ſich denn dieſe urſprünglichen Stamm⸗ formen der einzelnen Arten entſtanden denken, ſo antworten ſie uns mit einem Sprung in das Unbegreifliche: „fie ſind als ſolche ge- ſchaffen worden.“

Linn ſelbſt beſtimmte den Begriff der Species bereits in dieſer Weiſe, indem er ſagte: „Es giebt ſoviel verſchiedene Arten, als im Anfang verſchiedene Formen von dem unendlichen Weſen erſchaffen worden ſind.“ („Species tot sunt diversae, quot diversas for- mas ab initio creavit infinitum ens.“) Er ſchloß ſich alſo in die— ſer Beziehung aufs Engſte an die moſaiſche Schöpfungsgeſchichte an, welche ja ebenfalls die Pflanzen und Thiere „ein jegliches nach ſeiner Art“ erſchaffen werden läßt. Näher hierauf eingehend, meinte Linné, daß urſprünglich von jeder Thier- und Pflanzenart entweder ein ein- zelnes Individuum oder ein Pärchen geſchaffen worden ſei; und zwar ein Pärchen, oder wie Moſes fagt: „ein Männlein und ein Fräu⸗ lein“ von jenen Arten, welche getrennte Geſchlechter haben; für jene Arten dagegen, bei welchen jedes Individuum beiderlei Geſchlechts— organe in ſich vereinigt (Hermaphroditen oder Zwitter) wie z. B. die

40 Linns's Schöpfungsgeſchichte.

Regenwürmer, die Garten- und Weinbergsſchnecken, ſowie die große Mehrzahl der Gewächſe, meinte Linné, ſei es hinreichend, wenn ein einzelnes Individuum erſchaffen worden ſei. Linns ſchloß ſich weiterhin an die moſaiſche Legende auch in Betreff der Sündfluth an, indem er annahm, daß bei dieſer großen allgemeinen Ueber— ſchwemmung alle vorhandenen Organismen ertränkt worden ſeien, bis auf jene wenigen Individuen von jeder Art (ſieben Paar von den Vögeln und von dem reinen Vieh, ein Paar von dem unreinen Vieh), welche in der Arche Noah gerettet und nach beendigter Sündfluth auf dem Ararat an das Land geſetzt wurden. Die geographiſche Schwie— rigkeit des Zuſammenlebens der verſchiedenſten Thiere und Pflanzen ſuchte er ſich dadurch zu erklären: der Ararat in Armenien, in einem warmen Klima gelegen, und bis über 16,000 Fuß Höhe aufſteigend, vereinigt in ſich die Bedingungen für den zeitweiligen gemeinſamen Aufenthalt auch ſolcher Thiere, die in verſchiedenen Zonen leben. Es konnten zunächſt alſo die an das Polarklima gewöhnten Thiere auf den kalten Gebirgsrücken hinaufklettern, die an das warme Klima gewöhnten an den Fuß hinabgehen, und die Bewohner der gemä— ßigten Zone in der Mitte der Berghöhe ſich aufhalten. Von hier aus war die Möglichkeit gegeben, ſich über die Erde nach Norden und Süden zu verbreiten.

Es iſt wohl kaum nöthig, zu bemerken, daß dieſe Schöpfungs— hypotheſe Linné's, welche ſich offenbar möglichſt eng an den herr— ſchenden Bibelglauben anzuſchließen ſuchte, keiner ernſtlichen Wider— legung bedarf. Wenn man die ſonſtige Klarheit des ſcharfſinnigen Linné erwägt, darf man vielleicht zweifeln, daß er ſelbſt daran glaubte. Was die gleichzeitige Abſtammung aller Individuen einer jeden Species von je einem Elternpaare (oder bei den hermaphrodi— tiſchen Arten von je einem Stammzwitter) betrifft, ſo iſt ſie offenbar ganz unhaltbar; denn abgeſehen von anderen Gründen, würden ſchon in den erſten Tagen nach geſchehener Schöpfung die wenigen Raub— thiere ausgereicht haben, ſämmtlichen Pflanzenfreſſern den Garaus zu machen, wie die pflanzenfreſſenden Thiere die wenigen Individuen

Linné's Anficht von der Entſtehung der Arten. 41

der verſchiedenen Pflanzenarten hätten zerſtören müſſen. Ein ſolches Gleichgewicht in der Oekonomie der Natur, wie es gegenwärtig exiſtirt, konnte unmöglich ſtattfinden, wenn von jeder Art nur ein Individuum oder nur ein Paar urſprünglich und gleichzeitig geſchaffen wurde.

Wie wenig übrigens Linné auf dieſe unhaltbare Schöpfungs— hypotheſe Gewicht legte, geht unter Anderem daraus hervor, daß er die Baſtarderzeugung (Hybridismus) als eine Quelle der Entſte— hung neuer Arten anerkannte. Er nahm an, daß eine große Anzahl von ſelbſtſtändigen neuen Species auf dieſem Wege, durch geſchlecht— liche Vermiſchung zweier verſchiedener Species, entſtanden ſei. In der That kommen ſolche Baſtarde (Hybridae) durchaus nicht ſelten in der Natur vor, und es iſt jetzt erwieſen, daß eine große Anzahl von Arten z. B. aus den Gattungen der Brombeere (Rubus), des Woll— krauts (Verbascum), der Weide (Salix), der Diſtel (Cirsium) Ba- ſtarde von verſchiedenen Arten dieſer Gattungen ſind. Ebenſo ken— nen wir Baſtarde von Haſen und Kaninchen (zwei Species der Gat— tung Lepus), ferner Baſtarde verſchiedener Arten der Hundegattung (Canis) u. ſ. w., welche als ſelbſtſtändige Arten ſich fortzupflanzen im Stande ſind.

Es iſt gewiß ſehr bemerkenswerth, daß Linné bereits die phy— ſiologiſche (alſo mechaniſche) Entſtehung von neuen Species auf die— ſem Wege der Baſtardzeugung behauptete. Offenbar ſteht dieſelbe in unvereinbarem Gegenſatze mit der übernatürlichen Entſtehung der an— deren Species durch Schöpfung, welche er der moſaiſchen Schöpfungs— geſchichte gemäß annahm. Die eine Abtheilung der Species würde demnach durch dualiſtiſche (teleologiſche) Schöpfung, die andere durch moniſtiſche (mechaniſche) Entwickelung entſtanden ſein.

Das große und wohlverdiente Anſehen, welches ſich Linné durch ſeine ſyſtematiſche Klaſſifikation und durch ſeine übrigen Ver— dienſte um die Biologie erworben hatte, war offenbar die Urſache, daß auch ſeine Schöpfungsanſichten das ganze vorige Jahrhundert hindurch unangefochten in voller und ganz allgemeiner Geltung blie— ben. Wenn nicht die ganze ſyſtematiſche Zoologie und Botanik die

42 Autorität von Linne’s Schöpfungsgeſchichte.

von Linné eingeführte Unterſcheidung, Klaſſifikation und Benen- nung der Arten, und den damit verbundenen dogmatiſchen Species— begriff mehr oder minder unverändert beibehalten hätte, würde man nicht begreifen, daß ſeine Vorſtellung von einer ſelbſtſtändigen Schö— pfung der einzelnen Species ſelbſt bis auf den heutigen Tag ihre Herrſchaft behaupten konnte. Nur durch die große Autorität Lin- né's und durch ſeine Anlehnung an den herrſchenden Bibelglauben war die Erhaltung ſeiner Schöpfungshypotheſe bis auf unſere Zeit möglich.

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Dritter Vortrag. Schöpfungsgeſchichte nach Cuvier und Agaſſiz.

Allgemeine theoretiſche Bedeutung des Speciesbegriffs. Unterſchied in der theo⸗ retiſchen und praktiſchen Beſtimmung des Artbegriffs. Cuviers Definition der Spe⸗ cies. Cuviers Verdienſte als Begründer der vergleichenden Anatomie. Unterſchei⸗ dung der vier Hauptformen (Typen oder Zweige) des Thierreichs durch Cuvier und Bär. Cuviers Verdienſte um die Paläontologie. Seine Hypotheſe von den Re⸗ volutionen des Erdballs und den durch dieſelben getrennten Schöpfungsperioden. Unbekannte, übernatürliche Urſachen dieſer Revolutionen und der darauf folgenden Neuſchöpfungen. Teleologiſches Naturſyſtem von Agaſſiz. Seine Vorſtellungen vom Schöpfungsplane und deſſen ſechs Kategorien (Gruppenſtufen des Syſtems). Agaſſiz' Anſichten von der Erſchaffung der Species. Grobe Vermenſchlichung (Anthropomorphismus) des Schöpfers in der Schöpfungshypotheſe von Agaſſiz. Innere Unhaltbarkeit derſelben und Widerſprüche mit den von Agaſſiz entdeckten wichtigen paläontologiſchen Geſetzen.

Meine Herren! Der entſcheidende Schwerpunkt in dem Mei: nungskampfe, der von den Naturforſchern über die Entſtehung der Organismen, über ihre Schöpfung oder Entwickelung geführt wird, liegt in den Vorſtellungen, welche man ſich von dem Weſen der Art oder Species macht. Entweder hält man mit Linné die ver— ſchiedenen Arten für ſelbſtſtändige, von einander unabhängige Schö— pfungsformen, oder man nimmt mit Darwin deren Blutsverwandt— ſchaft an. Wenn man Linné's Anſicht theilt (welche wir in dem letzten Vortrag auseinanderſetzten), daß die verſchiedenen organiſchen Species unabhängig von einander entſtanden ſind, daß ſie keine

44 Allgemeine theoretische Bedeutung des Speciesbegriffs.

Blutsverwandtſchaft haben, ſo iſt man zu der Annahme gezwungen, daß dieſelben ſelbſtſtändig erſchaffen ſind; man muß entweder für jedes einzelne organiſche Individuum einen beſonderen Schöpfungs— akt annehmen (wozu ſich wohl kein Naturforſcher entſchließen wird), oder man muß alle Individuen einer jeden Art von einem einzigen Individuum oder von einem einzigen Stammpaare ableiten, welches nicht auf natürlichem Wege entſtanden, ſondern durch den Macht— ſpruch eines Schöpfers in das Daſein gerufen iſt. Damit verläßt man aber das ſichere Gebiet vernunftgemäßer Natur-Erkenntniß und flüchtet ſich in das mythologiſche Reich des Wunderglaubens.

Wenn man dagegen mit Darwin die Formenähnlichkeit der verſchiedenen Arten auf wirkliche Blutsverwandtſchaft bezieht, ſo muß man alle verſchiedenen Species der Thier- und Pflanzenwelt als veränderte Nachkommen einer einzigen oder einiger wenigen, höchſt einfachen, urſprünglichen Stammformen betrachten. Durch dieſe An— ſchauung gewinnt das natürliche Syſtem der Organismen (die baum— artig verzweigte Anordnung und Eintheilung derſelben in Klaſſen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten) die Bedeutung eines wirklichen Stammbaums, deſſen Wurzel durch jene uralten längſt verſchwundenen Stammformen gebildet wird. Eine wirklich natur— gemäße und folgerichtige Betrachtung der Organismen kann aber auch für dieſe einfachſten urſprünglichen Stammformen keinen über- natürlichen Schöpfungsakt annehmen, ſondern nur eine Entſtehung durch Urzeugung (Archigonie oder Generatio spontanea). Durch Darwins Anſicht von dem Weſen der Species gelangen wir daher zu einer natürlichen Entwickelungstheorie, durch Linné's Auffaſſung des Artbegriffs dagegen zu einem übernatür— lichen Schöpfungsdogma.

Die meiſten Naturforſcher nach Linné, deſſen große Verdienſte um die unterſcheidende und beſchreibende Naturwiſſenſchaft ihm das höchſte Anſehen gewannen, traten in ſeine Fußtapfen, und ohne wei— ter über die Entſtehung der Organiſation nachzudenken, nahmen ſie in dem Sinne Linné's eine ſelbſtſtändige Schöpfung der einzelnen

Gegenſatz der theoretiſchen und praktiſchen Beſtimmung des Artbegriffs. 45

Arten an, in Uebereinſtimmung mit dem moſaiſchen Schöpfungsbe— richt. Die Grundlage ihrer Speciesauffaſſung bildete Lin né's Aus— ſpruch: „Es giebt ſo viele Arten, als urſprünglich verſchiedene Formen erſchaffen worden ſind.“ Jedoch müſſen wir hier, ohne näher auf die Begriffsbeſtimmung der Species einzugehen, ſogleich bemerken, daß alle Zoologen und Botaniker in der ſyſtematiſchen Praxis, bei der praktiſchen Unterſcheidung und Benennung der Thier- und Pflan— zenarten, ſich nicht im Geringſten um jene angenommene Schöpfung ihrer elterlichen Stammformen kümmerten, und auch wirklich nicht kümmern konnten. In dieſer Beziehung macht einer unſerer erſten Zoologen, der geiſtvolle Fritz Müller, folgende treffende Bemer— kung: „Wie es in chriſtlichen Landen eine Katechismus-Moral gibt, die Jeder im Munde führt, Niemand zu befolgen ſich verpflichtet halt, oder von anderen befolgt zu ſehen erwartet, jo hat auch die Zoologie ihre Dogmen, die man ebenſo allgemein bekennt, als in der Praxis verläugnet.“ („Für Darwin“, S. 71) 16). Ein ſolches vernunftwidriges, aber gerade darum mächtiges Dogma, und zwar das mächtigſte von allen, iſt das angebetete Lin né'ſche Species— Dogma. Obwohl die allermeiſten Naturforſcher demſelben blindlings ſich unterwarfen, waren ſie doch natürlich niemals in der Lage, die Abſtammung aller zu einer Art gehörigen Individuen von jener ge— meinſamen, urſprünglich erſchaffenen Stammform der Art nachwei— ſen zu können. Vielmehr bedienten ſich ſowohl die Zoologen als die Botaniker in ihrer ſyſtematiſchen Praxis ausſchließlich der Formähn— lichkeit, um die verſchiedenen Arten zu unterſcheiden und zu be— nennen. Sie ſtellten in eine Art oder Species alle organiſchen Einzel— weſen, die einander in der Formbildung ſehr ähnlich oder faſt gleich waren, und die ſich nur durch ſehr unbedeutende Formenunterſchiede von einander trennen ließen. Dagegen betrachteten ſie als verſchie— dene Arten diejenigen Individuen, welche weſentlichere oder auffal— lendere Unterſchiede in ihrer Körpergeſtaltung darboten. Natürlich war aber damit der größten Willkür in der ſyſtematiſchen Artunter— ſcheidung Thür und Thor geöffnet. Denn da niemals alle Indivi—

46 Cuviers Definition der Species.

duen einer Species in allen Stücken völlig gleich ſind, vielmehr jede Art mehr oder weniger abändert (variirt), jo vermochte Niemand zu ſagen, welcher Grad der Abänderung eine wirkliche „gute Art“, wel— cher Grad bloß eine Spielart oder Raſſe (Varietät) bezeichne.

Nothwendig mußte dieſe dogmatiſche Auffaſſung des Species— begriffes und die damit verbundene Willkür zu den unlösbarſten Widerſprüchen und zu den unhaltbarſten Annahmen führen. Dies zeigt ſich deutlich ſchon bei demjenigen Naturforſcher, welcher nächſt Linné den größten Einfluß auf die Ausbildung der Thierkunde ge— wann, bei dem berühmten Cuvier (geb. 1769). Er ſchloß ſich in ſeiner Auffaſſung und Beſtimmung des Speciesbegriffs im Ganzen an Linns an, und theilte feine Vorſtellung von einer unabhängigen Er— ſchaffung der einzelnen Arten. Die Unveränderlichkeit derſelben hielt Cuvier für ſo wichtig, daß er ſich bis zu dem thörichten Ausſpruche verſtieg: „die Beſtändigkeit der Species iſt eine nothwendige Be— dingung für die Exiſtenz der wiſſenſchaftlichen Naturgeſchichte.“ Da Linné's Definition der Species ihm nicht genügte, machte er den Verſuch, eine genauere und für die ſyſtematiſche Praxis mehr verwerth— bare Begriffsbeſtimmung derſelben zu geben, und zwar in folgender Definition: „Zu einer Art gehören alle diejenigen Individuen der Thiere und der Pflanzen, welche entweder von einander oder von ge— meinſamen Stammeltern bewieſenermaßen abſtammen, oder welche dieſen ſo ähnlich ſind, als die letzteren unter ſich.“

Cuvier dachte ſich alſo in dieſer Beziehung Folgendes: „Bei denjenigen organiſchen Individuen, von denen wir wiſſen, ſie ſtam— men von einer und derſelben Elternform ab, bei denen alſo ihre ge— meinſame Abſtammung empiriſch erwieſen iſt, leidet es keinen Zwei— fel, daß ſie zu einer Art gehören, mögen dieſelben nun wenig oder viel von einander abweichen, mögen ſie faſt gleich oder ſehr ungleich ſein. Ebenſo gehören dann aber zu dieſer Art auch alle diejenigen Individuen, welche von den letzteren (den aus gemeinſamem Stamm empiriſch abgeleiteten) nicht mehr verſchieden ſind, als dieſe unter ſich von einander abweichen.“ Bei näherer Betrachtung dieſer Spe—

Cuvier als Begründer der vergleichenden Anatomie. 47

ciesdefinition Cu viers zeigt ſich ſofort, daß dieſelbe weder theore— tiſch befriedigend, noch praktiſch anwendbar iſt. Cuvier fing mit dieſer Definition bereits an, ſich in dem Kreiſe herum zu drehen, in welchem faſt alle folgenden Definitionen der Species im Sinne ihrer Unveränderlichkeit ſich bewegt haben.

Bei der außerordentlichen Bedeutung, welche George Cuvier für die organiſche Naturwiſſenſchaft gewonnen hat, angeſichts der faſt unbeſchränkten Alleinherrſchaft, welche ſeine Anſichten während der erſten Hälfte unſers Jahrhunderts in der Thierkunde ausübten, er— ſcheint es an dieſer Stelle angemeſſen, ſeinen Einfluß noch etwas näher zu beleuchten. Es iſt dies um ſo nöthiger, als wir in Cuvier den bedeutendſten Gegner der Abſtammungslehre und der moniſtiſchen Naturauffaſſung zu bekämpfen haben.

Unter den vielen und großen Verdienſten Cuviers ſtehen obenan diejenigen, welche er ſich als Gründer der vergleichenden Ana— tomie erwarb. Während Linné die Unterſcheidung der Arten, Gattungen, Ordnungen und Klaſſen meiſtens auf äußere Charaktere, auf einzelne, leicht auffindbare Merkmale in der Zahl, Größe, Lage und Geſtalt einzelner organiſcher Theile des Körpers gründete, drang Cuvier viel tiefer in das Weſen der Organiſation ein. Er wies große und durchgreifende Verſchiedenheiten in dem inneren Bau der Thiere als die weſentliche Grundlage einer wiſſenſchaftlichen Erkennt— niß und Klaſſifikation derſelben nach. Er unterſchied natürliche Fa— milien in den Thierklaſſen und er gründete auf deren vergleichende Anatomie ſein natürliches Syſtem des Thierreichs.

Der Fortſchritt von dem künſtlichen Syſtem Linné's zu dem natürlichen Syſtem Cuviers war außerordentlich bedeutend. Linné hatte ſämmtliche Thiere in eine einzige Reihe geordnet, welche er in ſechs Klaſſen eintheilte, zwei wirbelloſe und vier Wirbelthierklaſſen. Er unterſchied dieſelben künſtlich nach der Beſchaffenheit des Blutes und des Herzens. Cuvier dagegen zeigte, daß man im Thierreich vier große natürliche Hauptabtheilungen unterſcheiden müſſe, welche er Hauptformen oder Generalpläne oder Zweige des Thierreichs (Ems

48 Unterſcheidung der vier Hauptformen oder Typen des Thierreichs.

branchements) nannte, nämlich 1) die Wirbelthiere (Vertebrata), 2) die Gliederthiere (Articulata), 3) die Weichthiere (Mollusca), und 4) die Strahlthiere (Radiata). Er wies ferner nach, daß in je— dem dieſer vier Zweige ein eigenthümlicher Bauplan oder Typus er— kennbar ſei, welcher dieſen Zweig von jedem der drei andern Zweige unterſcheidet. Bei den Wirbelthieren iſt derſelbe durch die Beſchaf— fenheit des inneren Skelets oder Knochengerüſtes, ſowie durch den Bau und die Lage des Rückenmarks, abgeſehen von vielen anderen Eigen— thümlichkeiten, beſtimmt ausgedrückt. Die Gliederthiere werden durch ihr Bauchmark und ihr Rückenherz charakteriſirt. Für die Weichthiere iſt die ſackartige, ungegliederte Körperform bezeichnend. Die Strahl— thiere endlich unterſcheiden ſich von den drei anderen Hauptformen durch die Zuſammenſetzung ihres Körpers aus vier oder mehreren ſtrahlenförmig vereinigten Hauptabſchnitten (Antimeren).

Man pflegt gewöhnlich die Unterſcheidung dieſer vier thieriſchen Hauptformen, welche ungemein fruchtbar für die weitere Entwicke— lung der Zoologie wurde, Cu vier allein zuzuſchreiben. Indeſſen wurde derſelbe Gedanke faſt gleichzeitig, und unabhängig von Cu— vier, von einem der größten, noch lebenden Naturforſcher ausge— ſprochen, von Bär, welcher um die Entwickelungsgeſchichte der Thiere ſich die hervorragendſten Verdienſte erwarb. Bär zeigte, daß man auch in der Entwickelungsweiſe der Thiere vier verſchiedene Haupt— formen oder Typen unterſcheiden müſſe ?“). Dieſe entſprechen den vier thieriſchen Bauplänen, welche Cuvier auf Grund der verglei— chenden Anatomie unterſchieden hatte. So z. B. ſtimmt die indi— viduelle Entwickelung aller Wirbelthiere in ihren Grundzügen von Anfang an ſo ſehr überein, daß man die Keimanlagen oder Em— bryonen der verſchiedenen Wirbelthiere (3. B. der Reptilien, Vögel und Säugethiere) in der früheſten Zeit gar nicht unterſcheiden kann. Erſt im weiteren Verlaufe der Entwickelung treten allmählich die tieferen Formunterſchiede auf, welche jene verſchiedenen Klaſſen und deren Ordnungen von einander trennen. Ebenſo iſt die Körperan— lage, welche ſich bei der individuellen Entwickelung der Gliederthiere

Stammverwandtſchaft aller Thiere eines Typus. 49

(Inſekten, Spinnen, Krebſe) ausbildet, von Anfang an bei allen Gliederthieren im Weſentlichen gleich, dagegen verſchieden von derje— nigen aller Wirbelthiere. Daſſelbe gilt mit gewiſſen Einſchränkungen von den Weichthieren und von den Strahlthieren.

Weder Bär, welcher auf dem Wege der individuellen Entwicke— lungsgeſchichte (oder Embryologie), noch Cuvier, welcher auf dem Wege der vergleichenden Anatomie zur Unterſcheidung der vier thieri— ſchen Typen oder Hauptformen gelangte, erkannte die wahre Urſache dieſes typiſchen Unterſchiedes. Dieſe wird uns nur durch die Abſtam— mungslehre enthüllt. Die wunderbare und wirklich überraſchende Aehnlichkeit in der inneren Organiſation, in den anatomiſchen Struc— turverhältniſſen, und die noch merkwürdigere Uebereinſtimmung in der embryonalen Entwickelung bei allen Thieren, welche zu einem und demſelben Typus, z. B. zu dem Zweige der Wirbelthiere, gehören, erklärt ſich in der einfachſten Weiſe durch die Annahme einer gemein— ſamen Abſtammung derſelben von einer einzigen Stammform. Ent— ſchließt man ſich nicht zu dieſer Annahme, ſo bleibt jene durchgreifende Uebereinſtimmung der verſchiedenſten Wirbelthiere im inneren Bau und in der Entwickelungsweiſe vollkommen unerklärlich. Sie kann nur durch die Vererbung erklärt werden.

Nächſt der vergleichenden Anatomie der Thiere und der durch dieſe neu begründeten ſyſtematiſchen Zoologie, war es beſonders die Verſteinerungskunde oder Paläontologie, um welche ſich Cuvier die größten Verdienſte erwarb. Wir müſſen dieſer um ſo mehr gedenken, als gerade die paläontologiſchen und die damit ver— bundenen geologiſchen Anſichten Cu viers in der erſten Hälfte unſeres Jahrhunderts ſich faſt allgemein im höchſten Anſehen erhielten, und der Entwickelung der natürlichen Schöpfungsgeſchichte die größten Hinderniſſe entgegenſtellten.

Die Verſteinerungen oder Petrefakten, deren wiſſen⸗ ſchaftliche Kenntniß Cuvier im Anfange unſeres Jahrhunderts in umfaſſendſtem Maße förderte und für die Wirbelthiere ganz neu be—

gründete, ſpielen in der „natürlichen Schöpfungsgeſchichte“ eine der Haeckel, Natürl. Schöpfungsgeſch. 4. Aufl. 4

50 Frühere Anſichten von der Natur der Verſteinerungen.

wichtigſten Rollen. Denn dieſe in verſteinertem Zuſtande uns erhal— tenen Reſte und Abdrücke von ausgeſtorbenen Thieren und Pflanzen ſind die wahren „Denkmünzen der Schöpfung“, die untrügli- chen und unanfechtbaren Urkunden, welche unſere wahrhaftige Ge— ſchichte der Organismen auf unerſchütterlicher Grundlage feſtſtellen. Alle verſteinerten oder foſſilen Reſte und Abdrücke berichten uns von der Geſtalt und dem Bau ſolcher Thiere und Pflanzen, welche ent— weder die Urahnen und die Voreltern der jetzt lebenden Organismen ſind, oder aber ausgeſtorbene Seitenlinien, die ſich von einem ge— meinſamen Stamm mit den jetzt lebenden Organismen abgezweigt haben. ö

Dieſe unſchätzbar werthvollen Urkunden der Schöpfungsgeſchichte haben ſehr lange Zeit hindurch eine höchſt untergeordnete Rolle in der Wiſſenſchaft geſpielt. Allerdings wurde die wahre Natur der— ſelben ſchon mehr als ein halbes Jahrtauſend vor Chriſtus ganz richtig erkannt, und zwar von dem großen griechiſchen Philoſophen XKenophanes von Kolophon, demſelben, welcher die ſogenannte eleatiſche Philoſophie begründete und zum erſten Male mit über— zeugender Schärfe den Beweis führte, daß alle Vorſtellungen von perſönlichen Göttern nur auf mehr oder weniger grobe Anthropo— morphismen oder Vermenſchlichungen hinauslaufen. Xenophanes ſtellte zum erſten Male die Behauptung auf, daß die foſſilen Ab— drücke von Thieren und Pflanzen wirkliche Reſte von vormals leben— den Geſchöpfen ſeien, und daß die Berge, in deren Geſtein man fie findet, früher unter Waſſer geſtanden haben müßten. Aber ob- ſchon auch andere große Philoſophen des Alterthums, und unter dieſen namentlich Ariſtoteles, jene richtige Erkenntniß theilten, blieb dennoch während des rohen Mittelalters allgemein, und bei vielen Naturforſchern ſelbſt noch im vorigen Jahrhundert, die Anz ſicht herrſchend, daß die Verſteinerungen ſogenannte Naturſpiele ſeien (Lusus naturae), oder Produkte einer unbekannten Bildungskraft der Natur, eines Geſtaltungstriebes (Nisus formativus, Vis pla- stica). Ueber das Weſen und die Thätigkeit dieſer räthſelhaften und

Frühere Anfichten von der Natur der Verſteinerungen. 51

myſtiſchen Bildungskraft machte man ſich die abenteuerlichſten Vor— ftellungen. Einige glaubten, daß dieſe bildende Schöpfungskraft, die— ſelbe, der ſie auch die Entſtehung der lebenden Thier- und Pflan— zenarten zuſchrieben, zahlreiche Verſuche gemacht habe, Organismen verſchiedener Form zu ſchaffen; dieſe Verſuche ſeien aber nur theil— weiſe gelungen, häufig fehlgeſchlagen, und ſolche mißglückte Verſuche ſeien die Verſteinerungen. Nach Anderen ſollten die Petrefakten durch den Einfluß der Sterne im Inneren der Erde entſtehen. Andere machten ſich noch eine gröbere Vorſtellung, daß nämlich der Schöp— fer zunächſt aus mineraliſchen Subſtanzen, z. B. aus Gyps oder Thon, vorläufige Modelle von denjenigen Pflanzen- und Thierformen ge— macht habe, die er ſpäter in organiſcher Subſtanz ausführte, und denen er ſeinen lebendigen Odem einhauchte; die Petrefakten ſeien ſolche rohe, anorganiſche Modelle. Selbſt noch im vorigen Jahr— hundert waren ſolche rohe Anſichten verbreitet, und es wurde z. B. eine beſondere „Samenluft“ (Aura seminalis) angenommen, welche mit dem Waſſer in die Erde dringe und durch Befruchtung der Ge— ſteine die Petrefakten, das „Steinfleiſch“ (Caro fossilis) bilde. Sie ſehen, es dauerte gewaltig lange, ehe die einfache und naturgemäße Vorſtellung zur Geltung gelangte, daß die Verſteinerun— gen wirklich nichts Anderes ſeien, als das, was ſchon der einfache Augenſchein lehrt: die unverweslichen Ueberbleibſel von geſtorbenen Organismen. Zwar wagte der berühmte Maler Leonardo da Vinci ſchon im fünfzehnten Jahrhundert zu behaupten, daß der aus dem Waſſer beſtändig ſich abſetzende Schlamm die Urſache der Ver— ſteinerungen ſei, indem er die auf dem Boden der Gewäſſer liegen— den unverweslichen Kalkſchalen der Muſcheln und Schnecken um— ſchließe, und allmählich zu feſtem Geſtein erhärte. Das Gleiche be— hauptete auch im ſechszehnten Jahrhundert ein Pariſer Töpfer, Pa— liſſy, welcher ſich durch ſeine Porzellanerfindung berühmt machte. Allein die ſogenannten „Gelehrten von Fach“ waren weit entfernt, dieſe richtigen Ausſprüche des einfachen geſunden Menſchenverſtandes zu würdigen, und erſt gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, 4 *

52 Begründung der Paläontologie oder Verſteinerungskunde.

während der Begründung der neptuniſtiſchen Geologie durch Wer— ner, gewannen dieſelben allgemeine Geltung.

Die Begründung der ſtrengeren wiſſenſchaftlichen Paläontologie fällt jedoch erſt in den Anfang unſeres Jahrhunderts, als Cuvier ſeine klaſſiſchen Unterſuchungen über die verſteinerten Wirbelthiere, und ſein großer Gegner Lamarck ſeine bahnbrechenden Forſchungen über die foſſilen wirbelloſen Thiere, namentlich die verſteinerten Schne— cken und Muſcheln, veröffentlichte. In ſeinem berühmten Werke „über die foſſilen Knochen“ der Wirbelthiere, insbeſondere der Säu— gethiere und Reptilien, gelangte Cuvier bereits zur Erkenntniß eini- ger ſehr wichtigen und allgemeinen paläontologiſchen Geſetze, welche für die Schöpfungsgeſchichte große Bedeutung gewannen. Dahin ge— hört vor Allen der Satz, daß die ausgeſtorbenen Thierarten, deren Ueberbleibſel wir in den verſchiedenen, über einander liegenden Schich— ten der Erdrinde verſteinert vorfinden, ſich um ſo auffallender von den jetzt noch lebenden, verwandten Thierarten unterſcheiden, je tiefer jene Erdſchichten liegen, d. h. je früher die Thiere in der Vorzeit leb— ten. In der That findet man bei jedem ſenkrechten Durchſchnitt der geſchichteten Erdrinde, daß die verſchiedenen, aus dem Waſſer in be— ſtimmter hiſtoriſcher Reihenfolge abgeſetzten Erdſchichten durch ver— ſchiedene Petrefakten charakteriſirt ſind, und daß dieſe ausgeſtorbenen Organismen denjenigen der Gegenwart um ſo ähnlicher werden, je weiter wir in der Schichtenfolge aufwärts ſteigen, d. h. je jünger die Periode der Erdgeſchichte war, in der ſie lebten, ſtarben, und von den abgelagerten und erhärtenden Schlammſchichten umſchloſſen wurden.

So wichtig dieſe allgemeine Wahrnehmung Cuviers einerſeits war, ſo wurde ſie doch andrerſeits für ihn die Quelle eines folgen— ſchweren Irrthums. Denn indem er die charakteriſtiſchen Verſteine— rungen jeder einzelnen größeren Schichtengruppe, welche während eines Hauptabſchnitts der Erdgeſchichte abgelagert wurde, für gänz— lich verſchieden von denen der darüber und der darunter liegenden Schichtengruppe hielt, indem er irrthümlich glaubte, daß niemals eine

Cuviers Hypotheſe von den getrennten Perioden der Erdgeſchichte. 53

und dieſelbe Thierart in zwei auf einander folgenden Schichtengruppen ſich vorfinde, gelangte er zu der falſchen Vorſtellung, welche für die mei— ſten nachfolgenden Naturforſcher maßgebend wurde, daß eine Reihe von ganz verſchiedenen Schöpfungsperioden aufeinander gefolgt ſei. Jede Periode ſollte ihre ganz beſondere Thier- und Pflanzenwelt, eine ihr eigenthümliche, ſpecifiſche Fauna und Flora beſeſſen haben. Cuvier ſtellte ſich vor, daß die ganze Geſchichte der Erdrinde ſeit der Zeit, ſeit welcher überhaupt lebende Weſen auf der Erdrinde auf— traten, in eine Anzahl vollkommen getrennter Perioden oder Hauptab— ſchnitte zerfalle, und daß die einzelnen Perioden durch eigenthümliche Umwälzungen unbekannter Natur, ſogenannte Revolutionen (Kata— klysmen oder Kataſtrophen) von einander geſchieden ſeien. Jede Re— volution hatte zunächſt die vollkommene Vernichtung der damals le— benden Thier- und Pflanzenwelt zur Folge, und nach ihrer Beendi— gung fand eine vollſtändig neue Schöpfung der organiſchen Formen ſtatt. Eine neue Welt von Thieren und Pflanzen, durchweg ſpecifiſch verſchieden von denen der vorhergehenden Geſchichtsperiode, wurde mit einem Male in das Leben gerufen, und bevölkerte nun wieder eine Reihe von Jahrtauſenden hindurch den Erdball, bis ſie plötzlich durch den Eintrit einer neuen Revolution zu Grunde ging.

Von dem Weſen und den Urſachen dieſer Revolutionen ſagte Cuvier ausdrücklich, daß man ſich keine Vorſtellung darüber machen könne, und daß die jetzt wirkſamen Kräfte der Natur zu einer Erklä— rung derſelben nicht ausreichten. Als natürliche Kräfte oder mecha— niſche Agentien, welche in der Gegenwart beſtändig, obwohl lang— ſam, an einer Umgeſtaltung der Erdoberfläche arbeiten, führt Cu— vier vier wirkende Urſachen auf: erſtens den Regen, welcher die ſteilen Gebirgsabhänge abſpült und Schutt an deren Fuß anhäuft; zweitens die fließenden Gewäſſer, welche dieſen Schutt fortfüh— ren und als Schlamm im ſtehenden Waſſer abſetzen; drittens das Meer, deſſen Brandung die ſteilen Küſtenränder abnagt, und an flachen Küſtenſäumen Dünen aufwirft; und endlich viertens die Vul— kane, welche die Schichten der erhärteten Erdrinde durchbrechen und

54 Cuviers Hypotheſe von den Revolutionen der Erdoberfläche.

in die Höhe heben, und welche ihre Auswurfsprodukte aufhäufen und umherſtreuen. Während Cu vier die beſtändige langſame Um— bildung der gegenwärtigen Erdoberfläche durch dieſe vier mächtigen Urſachen anerkennt, behauptet er gleichzeitig, daß dieſelben nicht aus— gereicht haben könnten, um die Erdrevolutionen der Vorzeit auszu— führen, und daß man den anatomiſchen Bau der ganzen Erdrinde nicht durch die nothwendige Wirkung jener mechaniſchen Agentien er— klären könne: vielmehr müßten jene wunderbaren, großen Umwäl— zungen der ganzen Erdoberfläche durch ganz eigenthümliche, uns gänz— lich unbekannte Urſachen bewirkt worden ſein; der gewöhnliche Ent— wickelungsfaden ſei durch dieſe Revolutionen zerriſſen, der Gang der Natur verändert.

Dieſe Anſichten legte Cuvier in einem beſonderen, auch ins Deutſche überſetzten Buche nieder: „Ueber die Revolutionen der Erd— oberfläche, und die Veränderungen, welche ſie im Thierreich hervor— gebracht haben“. Sie erhielten ſich lange Zeit hindurch in allgemei— ner Geltung, und wurden das größte Hinderniß für die Entwickelung einer natürlichen Schöpfungsgeſchichte. Denn wenn wirklich ſolche, Alles vernichtende Revolutionen exiſtirt hatten, ſo war natürlich eine Continuität der Artenentwickelung, ein zuſammenhängender Faden der organiſchen Erdgeſchichte gar nicht anzunehmen, und man mußte dann ſeine Zuflucht zu der Wirkſamkeit übernatürlicher Kräfte, zum Eingriff von Wundern in den natürlichen Gang der Dinge nehmen. Nur durch Wunder konnten die Revolutionen der Erde herbeigeführt fein, und nur durch Wunder konnte nach deren Aufhören, am An— fange jeder neuen Periode, eine neue Thier- und Pflanzenwelt geſchaf⸗ fen ſein. Für das Wunder hat aber die Naturwiſſenſchaft nirgends einen Platz, ſofern man unter Wunder einen Eingriff übernatürlicher Kräfte in den natürlichen Entwickelungsgang der Materie verſteht.

Ebenſo wie die große Autorität, welche ſich Linné durch die ſyſtematiſche Unterſcheidung und Benennung der organiſchen Arten gewonnen hatte, bei ſeinen Nachfolgern zu einer völligen Verknöche— rung des dogmatiſchen Speciesbegriffs, und zu einem wahren Miß—

Cuviers Hypotheſe von den Revolutionen der Erdoberfläche. 55

brauche der ſyſtematiſchen Artunterſcheidung führte; ebenſo wurden die großen Verdienſte, welche ſich Cuvier um Kenntniß und Unter— ſcheidung der ausgeſtorbenen Arten erworben hatte, die Urſache einer allgemeinen Annahme ſeiner Revolutions- oder Kataſtrophenlehre, und der damit verbundenen grundfalſchen Schöpfungsanſichten. In Folge deſſen hielten während der erſten Hälfte unſeres Jahrhunderts die meiſten Zoologen und Botaniker an der Anſicht feſt, daß eine Reihe unabhängiger Perioden der organiſchen Erdgeſchichte exiſtirt habe; jede Periode ſei durch eine beſtimmte, ihr ganz eigenthümliche Bevölkerung von Thier- und Pflanzenarten ausgezeichnet geweſen; dieſe ſei am Ende der Periode durch eine allgemeine Revolution ver— nichtet, und nach dem Aufhören der letzteren wiederum eine neue, ſpecifiſch verſchiedene Thier- und Pflanzenwelt erſchaffen worden. Zwar machten ſchon frühzeitig einzelne ſelbſtſtändig denkende Köpfe, vor Allen der große Naturphiloſoph Lamarck, eine Reihe von ge— wichtigen Gründen geltend, welche dieſe Kataklysmentheorie Cuviers widerlegten, und welche vielmehr auf eine ganz zuſammenhängende und ununterbrochene Entwickelungsgeſchichte der geſammten organi— ſchen Erdbevölkerung aller Zeiten hinwieſen. Sie behaupteten, daß die Thier⸗ und Pflanzenarten der einzelnen Perioden von denen der nächſt vorhergehenden Periode abſtammen und nur die veränderten Nachkommen der erſteren ſeien. Indeſſen der großen Autorität Cu- viers gegenüber vermochte damals dieſe richtige Anſicht noch nicht . durchzudringen. Ja ſelbſt nachdem durch Lyells 1830 erſchienene, claſſiſche Prinzipien der Geologie die Kataſtrophenlehre Cuviers aus dem Gebiete der Geologie gänzlich verdrängt worden war, blieb ſeine Anſicht von der ſpecifiſchen Verſchiedenheit der verſchiedenen organi— ſchen Schöpfungen trotzdem auf dem Gebiete der Paläontologie noch vielfach in Geltung. (Gen. Morph. II, 312.)

Durch einen ſeltſamen Zufall geſchah es vor fünfzehn Jahren, daß faſt zu derſelben Zeit, als Cuviers Schöpfungsgeſchichte durch Dar— wins Werk ihren Todesſtoß erhielt, ein anderer berühmter Naturfor- ſcher den Verſuch unternahm, dieſelbe von Neuem zu begründen, und

56 Teleologiſches Naturſyſtem von Agaſſiz.

in ſchroffſter Form als Theil eines teleologiſch-theologiſchen Natur- ſyſtems durchzuführen. Der Schweizer Geologe Louis Agaſſiz nämlich, welcher durch ſeine von Schimper und Charpentier entlehnten Gletſcher- und Eiszeittheorien einen jo hohen Ruf erlangt hat, und welcher ſeit einer Reihe von Jahren in Nordamerika lebt, begann 1858 die Veröffentlichung eines höchſt großartig angelegten Werkes, welches den Titel führt: „Beiträge zur Naturgeſchichte der vereinigten Staaten von Nordamerika“. Der erſte Band dieſer Na- turgeſchichte, welche durch den Patriotismus der Nordamerikaner eine für ein ſo großes und koſtſpieliges Werk unerhörte Verbreitung erhielt, führt den Titel: „Ein Verſuch über Klaſſifikation ?)“. Agaſſiz er läutert in dieſem Verſuche nicht allein das natürliche Syſtem der Or— ganismen und die verſchiedenen darauf abzielenden Klaſſifikations— verſuche der Naturforſcher, ſondern auch alle allgemeinen biologiſchen Verhältniſſe, welche darauf Bezug haben. Die Entwickelungsgeſchichte der Organismen, und zwar ſowohl die embryologiſche als die pa= läontologiſche, ferner die vergleichende Anatomie, ſodann die allge— meine Oekonomie der Natur, die geographiſche und topographiſche Verbreitung der Thiere und Pflanzen, kurz faſt alle allgemeinen Er— ſcheinungsreihen der organiſchen Natur, kommen in dem Klaſſifika⸗ tionsverſuche von Agaſſiz zur Beſprechung, und werden ſämmtlich in einem Sinne und von einem Standpunkte aus erläutert, welcher demjenigen Darwins auf das Schroffſte gegenüberſteht. Während das Hauptverdienſt Darwins darin beſteht, natürliche Urſachen für die Entſtehung der Thier- und Pflanzenarten nachzuweiſen, und ſomit die mechaniſche oder moniſtiſche Weltanſchauung auch auf dieſem ſchwierigſten Gebiete der Schöpfungsgeſchichte geltend zu machen, iſt Agaſſiz im Gegentheil überall beſtrebt, jeden mechaniſchen Vorgang aus dieſem ganzen Gebiete völlig auszuſchließen und überall den übernatürlichen Eingriff eines perſönlichen Schöpfers an die Stelle der natürlichen Kräfte der Materie zu ſetzen, mithin eine ent— ſchieden teleologiſche oder dualiſtiſche Weltanſchauung zur Geltung zu bringen. Schon aus dieſem Grunde iſt es gewiß angemeſſen, wenn

Agaſſiz' Anfichten von der Art oder Species. 57

ich hier auf die biologiſchen Anſichten von Agaſſiz, und insbeſon— dere auf ſeine Schöpfungsvorſtellungen etwas näher eingehe, um ſo mehr, als kein anderes Werk unſerer Gegner jene wichtigen all— gemeinen Grundfragen mit gleicher Ausführlichkeit behandelt, und als zugleich die völlige Unhaltbarkeit ihrer dualiſtiſchen Weltanſchauung ſich daraus auf das Klarſte ergiebt.

Die organiſche Art oder Species, deren verſchiedenartige Auffaſſung wir oben als den eigentlichen Angelpunkt der entgegen— geſetzten Schöpfungsanſichten bezeichnet haben, wird von Agaſſiz, ebenſo wie von Cuvier und Linné, als eine in allen weſentlichen Merkmalen unveränderliche Geſtalt angeſehen; zwar können die Arten innerhalb enger Grenzen abändern oder variiren, aber nur in unwe— ſentlichen, niemals in weſentlichen Eigenthümlichkeiten. Niemals kön— nen aus den Abänderungen oder Varietäten einer Art wirkliche neue Species hervorgehen. Keine von allen organiſchen Arten ſtammt alſo jemals von einer anderen ab; vielmehr iſt jede einzelne für ſich von Gott geſchaffen worden. Jede einzelne Thierart iſt, wie ſich Agaſſiz ausdrückt, ein verkörperter Schöpfungsgedanke Gottes.

In ſchroffem Gegenſatz zu der durch die paläontologiſche Erfah— rung feſtgeſtellten Thatſache, daß die Zeitdauer der einzelnen organi— hen Arten eine höchſt ungleiche ift, und daß viele Species unver- ändert durch mehrere aufeinander folgende Perioden der Erdgeſchichte hindurchgehen, während Andere nur einen kleinen Bruchtheil einer ſolchen Periode durchlebten, behauptet Agaſſiz, daß niemals eine und dieſelbe Species in zwei verſchiedenen Perioden vorkomme, und daß vielmehr jede einzelne Periode durch eine ganz eigenthümliche, ihr ausſchließlich angehörige Bevölkerung von Thier- und Pflanzen- arten charakteriſirt ſei. Er theilt ferner Cuviers Anſicht, daß durch die großen und allgemeinen Revolutionen der Erdoberfläche, welche je zwei auf einander folgende Perioden trennten, jene ganze Bevölke— rung vernichtet und nach deren Untergang eine neue, davon ſpecifiſch verſchiedene geſchaffen wurde. Dieſe Neuſchöpfung läßt Agaſſiz in der Weiſe geſchehen, daß jedesmal die geſammte Erdbevölkerung in

58 Agaſſiz' Anfichten vom natürlichen Syſteme der Organismen.

ihrer durchſchnittlichen Individuenzahl und in den der Oekonomie der Natur entſprechenden Wechſelbeziehungen der einzelnen Arten vom Schöpfer als Ganzes plötzlich in die Welt geſetzt worden ſei. Hier— mit tritt er einem der beſtbegründeten und wichtigſten Geſetze der Thier- und Pflanzengeographie entgegen, dem Geſetze nämlich, daß jede Species einen einzigen urſprünglichen Entſtehungsort oder einen ſogenannten Schöpfungsmittelpunkt beſitzt, von dem aus ſie ſich über die übrige Erde allmählich verbreitet hat. Statt deſſen läßt Agaſſiz jede Species an verſchiedenen Stellen der Erdoberfläche und ſogleich in einer größeren Anzahl von Individuen geſchaffen werden.

Das natürliche Syſtem der Organismen, deſſen ver— ſchiedene über einander geordnete Gruppenſtufen oder Kategorien, die Zweige, Klaſſen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten, wir der Abſtammungslehre gemäß als verſchiedene Aeſte und Zweige des gemeinſchaftlichen organiſchen Stammbaumes betrachten, iſt nach A gaſſiz der unmittelbare Ausdruck des göttlichen Schöpfungsplanes. und indem der Naturforſcher das natürliche Syſtem erforſcht, denkt er die Schöpfungsgedanken Gottes nach. Hierin findet Agaſſiz den kräftigſten Beweis dafür, daß der Menſch das Ebenbild und Kind Gottes iſt. Die verſchiedenen Gruppenſtufen oder Kategorien des natürlichen Syſtems entſprechen den verſchiedenen Stufen der Ausbil— dung, welche der göttliche Schöpfungsplan erlangt hatte. Beim Ent— wurf und bei der Ausführung dieſes Planes vertiefte ſich der Schö— pfer, von allgemeinſten Schöpfungsideen ausgehend, immer mehr in die beſonderen Einzelheiten. Was alſo z. B. das Thierreich betrifft, ſo hatte Gott bei deſſen Schöpfung zunächſt vier grundverſchiedene Ideen vom Thierkörper, welche er in dem verſchiedenen Bauplane der vier großen Hauptformen, Typen oder Zweige des Thierreichs verkör— perte, in den Wirbelthieren, Gliederthieren, Weichthieren und Strahl thieren. Indem nun der Schöpfer darüber nachdachte, in welcher Art und Weiſe er dieſe vier verſchiedenen Baupläne mannichfaltig aus— führen könne, ſchuf er zunächſt innerhalb jeder der vier Hauptformen mehrere verſchiedene Klaſſen, z. B. in der Wirbelthierform die Klaſſen

Agaſſiz' Anfichten vom Schöpfungsplane. 59

der Säugethiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fiſche. Weiter: hin vertiefte ſich dann Gott in die einzelnen Klaſſen und brachte durch verſchiedene Abſtufungen im Bau jeder Klaſſe deren einzelne Ordnungen hervor. Durch weitere Variation der Ordnungsform er— ſchuf er die natürlichen Familien. Indem der Schöpfer ferner in jeder Familie die letzten Structureigenthümlichkeiten einzelner Theile variirte, entſtanden die Gattungen oder Genera. Endlich zuletzt ging Gott im weiteren Ausdenken ſeines Schöpfungsplanes ſo ſehr ins Einzelne, daß die einzelnen Arten oder Species ins Leben traten. Dieſe ſind alſo die verkörperten Schöpfungsgedanken der ſpeciellſten Art. Zu bedauern iſt dabei nur, daß der Schöpfer dieſe ſeine ſpe— ciellſten und am tiefſten durchgedachten „Schöpfungsgedanken“ in fo ſehr unklarer und lockerer Form ausdrückte und ihnen einen ſo ver— ſchwommenen Stempel aufprägte, eine ſo freie Variations-Erlaubniß mitgab, daß kein einziger Naturforſcher im Stande iſt, die „guten“ von den „ſchlechten Arten“, die echten „Species“ von den Spielarten, Varietäten, Raſſen u. ſ. w. zu unterſcheiden. (Gen. Morph. II, 374.)

Sie ſehen, der Schöpfer verfährt nach Agaſſiz' Vorſtellung beim Hervorbringen der organiſchen Formen genau ebenſo wie ein menſchlicher Baukünſtler, der ſich die Aufgabe geſtellt hat, möglichſt viel verſchiedene Bauwerke, zu möglichſt mannichfaltigen Zwecken, in möglichſt abweichendem Style, in möglichſt verſchiedenen Graden der Einfachheit, Pracht, Größe und Vollkommenheit auszudenken und auszuführen. Dieſer Architekt würde zunächſt vielleicht für alle dieſe Gebäude vier verſchiedene Style anwenden, etwa den gothiſchen, by— zantiniſchen, chineſiſchen und Roccocoſtyl. In jedem dieſer Style würde er eine Anzahl von Kirchen, Paläſten, Kaſernen, Gefängnif- ſen und Wohnhäuſern bauen. Jede dieſer verſchiedenen Gebäude— formen würde er in roheren und vollkommneren, in größeren und kleineren, in einfachen und prächtigen Arten ausführen u. ſ. w. In— ſofern wäre jedoch der menſchliche Architekt vielleicht noch beſſer als der göttliche Schöpfer daran, daß ihm in der Anzahl der Gruppen— ſtufen alle Freiheit gelaſſen wäre. Der Schöpfer dagegen darf ſich

60 Agaſſiz' Anfichten vom Schöpfer und von der Schöpfung.

nach Agaſſiz immer nur innerhalb der genannten ſechs Gruppen— ſtufen oder Kategorien bewegen, innerhalb der Art, Gattung, Fa— milie, Ordnung, Klaſſe und Typus. Mehr als dieſe ſechs Katego— rien giebt es für ihn nicht.

Wenn Sie in Agaſſiz' Werk über die Klaſſifikation ſelbſt die weitere Ausführung und Begründung dieſer ſeltſamen Anſichten leſen, jo werden Sie kaum begreifen, wie man mit allem Anſchein wiffen- ſchaftlichen Ernſtes die Vermenſchlichung (den Anthropomor— phismus) des göttlichen Schöpfers ſo weit treiben, und eben durch die Ausführung im Einzelnen bis zum verkehrteſten Unſinn ausma— len kann. In dieſer ganzen Vorſtellungsreihe iſt der Schöpfer weiter nichts als ein allmächtiger Menſch, der von Langerweile geplagt, ſich mit dem Ausdenken und Aufbauen möglichſt mannichfaltiger Spielzeuge, der organiſchen Arten, beluſtigt. Nachdem er ſich mit denſelben eine Reihe von Jahrtauſenden hindurch unterhalten, werden ſie ihm langweilig; er vernichtet ſie durch eine allgemeine Revolu— tion der Erdoberfläche, indem er das ganze unnütze Spielzeug in Haufen zuſammenwirft; dann ruft er, um ſich an etwas Neuem und Beſſerem die Zeit zu vertreiben, eine neue und vollkommnere Thier— und Pflanzenwelt ins Leben. Um jedoch nicht die Mühe der ganzen Schöpfungsarbeit von vorn anzufangen, behält er immer den ein— mak ausgedachten Schöpfungsplan im Großen und Ganzen bei, und ſchafft nur lauter neue Arten, oder höchſtens neue Gattungen, viel ſeltener neue Familien, Ordnungen oder gar Klaſſen. Zu einem neuen Typus oder Style bringt er es nie. Dabei bleibt er immer ſtreng innerhalb jener ſechs Kategorien oder Gruppenſtufen.

Nachdem der Schöpfer ſo nach Agaſſiz' Anſicht ſich Millionen von Jahrtauſenden hindurch mit dem Aufbauen und Zerſtören einer Reihe verſchiedener Schöpfungen unterhalten hatte, kömmt er endlich zuletzt — obwohl ſehr ſpät! — auf den guten Gedanken, ſich ſeines— gleichen zu erſchaffen, und er formt den Menſchen nach ſeinem Eben— bilde! Hiermit iſt das Endziel aller Schöpfungsgeſchichte erreicht und die Reihe der Erdrevolutionen abgeſchloſſen. Der Menſch, das Kind

Paläontologiſche Entwickelungsgeſetze von Agaſſiz. 61

und Ebenbild Gottes, giebt demſelben ſo viel zu thun, macht ihm ſo viel Vergnügen und Mühe, daß er nun niemals mehr Langeweile hat, und keine neue Schöpfung mehr eintreten zu laſſen braucht. Sie ſehen offenbar, wenn man einmal in der Weiſe, wie Agaſſiz, dem Schöpfer durchaus menſchliche Attribute und Eigenſchaften beilegt, und ſein Schöpfungswerk durchaus analog einer menſchlichen Schö— pfungsthätigkeit betrachtet, ſo iſt man nothwendig auch zur Annahme dieſer ganz abſurden Konſequenzen gezwungen.

Die vielen inneren Widerſprüche und die auffallenden Verkehrt— heiten der Schöpfungsanfichten von Agaſſiz, welche ihn nothwendig zu dem entſchiedenſten Widerſtand gegen die Abſtammungslehre führ— ten, müſſen aber um ſo mehr unſer Erſtaunen erregen, als derſelbe durch ſeine früheren naturwiſſenſchaftlichen Arbeiten in vieler Bezie— hung thatſächlich Darwin vorgearbeitet hat, insbeſondere durch ſeine Thätigkeit auf dem paläontologiſchen Gebiete. Unter den zahlreichen Unterſuchungen, welche der jungen Paläontologie ſchnell die allge— meine Theilnahme erwarben, ſchließen ſich diejenigen von Agaſſiz, namentlich das berühmte Werk „über die foſſilen Fiſche“, zunächſt ebenbürtig an die grundlegenden Arbeiten von Cuvier an. Nicht allein haben die verſteinerten Fiſche, mit denen uns A gaſſiz be— kannt machte, eine außerordentlich hohe Bedeutung für das Verſtänd— niß der ganzen Wirbelthiergruppe und ihrer geſchichtlichen Entwicke— lung gewonnen; ſondern wir ſind dadurch auch zur ſicheren Erkennt— niß wichtiger allgemeiner Entwickelungsgeſetze gelangt, die zum Theil von Agaſſiz zuerſt entdeckt wurden. Insbeſondere hat derſelbe zu— erſt den merkwürdigen Parallelismus zwiſchen der embryonalen und der paläontologiſchen Entwickelung, zwiſchen der Ontogenie und Phy— logenie hervorgehoben, eine Uebereinſtimmung, welche ich ſchon vor— her (S. 10) als eine der ſtärkſten Stützen für die Abſtammungslehre in Anſpruch genommen habe. Niemand hatte vorher ſo beſtimmt, wie es Agaſſiz that, hervorgehoben, daß von den Wirbelthieren zuerſt nur Fiſche allein exiſtirt haben, daß erſt ſpäter Amphibien auftraten, und daß erſt in noch viel ſpäterer Zeit Vögel und Säugethiere erſchie—

62 Paläontologiſche Entwickelungsgeſetze von Agaſſiz.

nen; daß ferner von den Säugethieren, ebenſo wie von den Fiſchen, anfangs unvollkommnere, niedere Ordnungen, ſpäter erſt vollkomm— nere und höhere auftraten. Agaſſiz zeigte mithin, daß die paläon— tologiſche Entwickelung der ganzen Wirbelthiergruppe nicht allein der embryonalen parallel ſei, ſondern auch der ſyſtematiſchen Entwicke— lung, d. h. der Stufenleiter, welche wir überall im Syſtem von den niederen zu den höheren Klaſſen, Ordnungen u. ſ. w. aufſteigend er- blicken. Zuerſt erſchienen in der Erdgeſchichte nur niedere, ſpäter erſt höhere Formen. Dieſe wichtige Thatſache erklärt ſich, ebenſo wie die Uebereinſtimmung der embryonalen und paläontologiſchen Entwicke— lung, ganz einfach und natürlich aus der Abſtammungslehre, wäh— rend ſie ohne dieſe ganz unerklärlich iſt. Daſſelbe gilt ferner auch von dem großen Geſetz der fortſchreitenden Entwickelung, von dem hiſtoriſchen Fortſchritt der Organiſation, welcher ſowohl im Großen und Ganzen in der geſchichtlichen Aufeinanderfolge aller Organismen ſichtbar iſt, als in der beſonderen Vervollkommnung einzelner Theile des Thierkörpers. So z. B. erhielt das Skelet der Wirbelthiere, ihr Knochengerüſt, erſt langſam, allmählich und ſtufenweis den hohen Grad von Vollkommenheit, welchen es jetzt beim Menſchen und den anderen höheren Wirbelthieren beſitzt. Dieſer von Agaſſiz thatſäch— lich anerkannte Fortſchritt folgt aber mit Nothwendigkeit aus der von Darwin begründeten Züchtungslehre, welche die wirkenden Urſachen deſſelben nachweiſt. Wenn dieſe Lehre richtig iſt, fo mußte nothwen⸗ dig die Vollkommenheit und Mannichfaltigkeit der Thier- und Pflan— zenarten im Laufe der organiſchen Erdgeſchichte ſtufenweiſe zunehmen, und konnte erſt in neueſter Zeit ihre höchſte Ausbildung erlangen. Alle fo eben angeführten, nebſt einigen anderen allgemeinen Ent- wickelungsgeſetzen, welche von Ag aſſiz ausdrücklich anerkannt und mit Recht ſtark betont werden, welche ſogar von ihm ſelbſt zum Theil erſt aufgeſtellt wurden, ſind, wie Sie ſpäter ſehen werden, nur durch die Abſtammungslehre erklärbar und bleiben ohne dieſelbe völlig un— begreiflich. Nur die von Darwin entwickelte Wechſelwirkung der Vererbung und Anpaſſung kann die wahre Urſache derſelben ſein.

Anthropomorphismus von Agaſſiz' Schöpfungsgefchichte. 63

Dagegen ſtehen ſie alle in ſchroffem und unvereinbarem Gegenſatz mit der vorher beſprochenen Schöpfungshypotheſe von Agaſſiz, und mit allen Vorſtellungen von der zweckmäßigen Werkthätigkeit eines perſönlichen Schöpfers. Will man im Ernſt durch die letztere jene merkwürdigen Erſcheinungen und ihren inneren Zuſammenhang er— klären, ſo verirrt man ſich nothwendig zu der Annahme, daß auch der Schöpfer ſelbſt ſich mit der organiſchen Natur, die er ſchuf und umbildete, entwickelt habe. Man kann ſich dann nicht mehr von der Vorſtellung los machen, daß der Schöpfer ſelbſt nach Art des menſch— lichen Organismus ſeine Pläne entworfen, verbeſſert und endlich un— ter vielen Abänderungen ausgeführt habe. „Es wächſt der Menſch mit ſeinen höher'n Zwecken“. Wenn es nach der Ehrfurcht, mit der Agaſſiz auf jeder Seite vom Schöpfer ſpricht, ſcheinen könnte, daß wir dadurch zur erhabenſten Vorſtellung von ſeinem Wirken in der Natur gelangen, ſo findet in Wahrheit das Gegentheil ſtatt. Der göttliche Schöpfer wird dadurch zu einem idealiſirten Menſchen er— niedrigt, zu einem in der Entwickelung fortſchreitenden Organismus. Gott iſt im Grunde nach dieſer Vorſtellung weiter Nichts, als ein „gasförmiges Wirbelthier“. (Gen. Morph. I, 174.)

Bei der weiten Verbreitung und dem hohen Anſehen, welches ſich Agaſſiz' Werk erworben hat, und welches in Anbetracht der früheren wiſſenſchaftlichen Verdienſte des Verfaſſers wohl gerechtfertigt iſt, glaubte ich es Ihnen ſchuldig zu ſein, die gänzliche Unhaltbarkeit ſeiner allgemeinen Anſichten hier kurz hervorzuheben. Sofern dies Werk eine naturwiſſenſchaftliche Schöpfungsgeſchichte ſein will, iſt daſſelbe unzweifelhaft gänzlich verfehlt. Es hat aber hohen Werth, als der einzige ausführliche und mit wiſſenſchaftlichen Beweisgründen geſchmückte Verſuch, den in neuerer Zeit ein hervorragender Natur— forſcher zur Begründung einer teleologiſchen oder dualiſtiſchen Schö— pfungsgeſchichte unternommen hat. Die innere Unmöglichkeit einer ſolchen wird dadurch klar vor Jedermanns Augen gelegt. Kein Geg— ner von Agaſſiz hätte vermocht, die von ihm entwickelte duali— ſtiſche Anſchauung von der organiſchen Natur und ihrer Entſtehung

64 Dualiſtiſche und moniſtiſche Gottesvorſtellung.

fo ſchlagend zu widerlegen, als ihm dies ſelbſt durch die überall her- vortretenden inneren Widerſprüche gelungen iſt.

Die Gegner der moniſtiſchen oder mechaniſchen Weltanſchauung haben das Werk von Agaſſiz mit Freuden begrüßt und erblicken darin eine vollendete Beweisführung für die unmittelbare Schöpfungs— thätigkeit eines perſönlichen Gottes. Allein ſie überſehen dabei, daß dieſer perſönliche Schöpfer bloß ein mit menſchlichen Attributen ausge— rüſteter, idealiſirter Organismus iſt. Dieſe niedere dualiſtiſche Gottes— vorſtellung entſpricht einer niederen thieriſchen Entwickelungsſtufe des menſchlichen Organismus. Der höher entwickelte Menſch der Gegen— wart iſt befähigt und berechtigt zu jener unendlich edleren und er— habeneren Gottesvorſtellung, welche allein mit der moniſtiſchen Welt— anſchauung verträglich iſt, und welche Gottes Geiſt und Kraft in allen Erſcheinungen ohne Ausnahme erblickt. Dieſe moniſtiſche Gottesidee, welcher die Zukunft gehört, hat ſchon Giordano Bruno einſt mit den Worten ausgeſprochen: „Ein Geiſt findet ſich in allen Din— gen, und es iſt kein Körper ſo klein, daß er nicht einen Theil der göttlichen Subſtanz in ſich enthielte, wodurch er beſeelt wird.“ Dieſe veredelte Gottesidee iſt es, von welcher Goethe ſagt: „Gewiß es giebt keine ſchönere Gottesverehrung, als diejenige, welche kein Bild bedarf, welche aus dem Wechſelgeſpräch mit der Natur in unſerem Buſen entſpringt.“ Durch ſie gelangen wir zu der erhabenen Vor— ſtellung von der Einheit Gottes und der Natur.

Vierter Vortrag. Entwidelnngstheorie von Goethe und Ofen.

Wiſſenſchaftliche Unzulänglichkeit aller Vorſtellungen von einer Schöpfung der einzelnen Arten. Nothwendigkeit der entgegengeſetzten Entwickelungstheorien. Ge— ſchichtlicher Ueberblick über die wichtigſten Entwickelungstheorien. Ariſtoteles. Seine Lehre von der Urzeugung. Die Bedeutung der Naturphiloſophie. Goethe. Seine Verdienſte als Naturforſcher. Seine Metamorphoſe der Pflanzen. Seine Wirbel— theorie des Schädels. Seine Entdeckung des Zwiſchenkiefers beim Menſchen. Goe— the's Theilnahme an dem Streite zwiſchen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire. Goe— the's Entdeckung der beiden organiſchen Bildungstriebe, des konſervativen Specifika— tionstriebes (der Vererbung), und des progreſſiven Umbildungstriebes (der Anpaſ— ſung). Goethe's Anſicht von der gemeinſamen Abſtammung aller Wirbelthiere mit Inbegriff des Menſchen. Entwickelungstheorie von Gottfried Reinhold Treviranus. Seine moniſtiſche Naturauffaſſung. Oken. Seine Naturphiloſophie. Okens Vor— ſtellung vom Urſchleim (Protoplasmatheorie). Okens Vorſtellung von den Infuſo— rien (Zellentheorie). Okens Entwickelungstheorie.

Meine Herren! Alle verſchiedenen Vorſtellungen, welche wir uns über eine ſelbſtſtändige, von einander unabhängige Entſtehung der einzelnen organiſchen Arten durch Schöpfung machen können, lau— fen, folgerichtig durchdacht, auf einen ſogenannten Anthropo— morphismus, d. h. auf eine Vermenſchlichung des Schöpfers hinaus, wie wir in dem letzten Vortrage bereits gezeigt haben. Es wird da der Schöpfer zu einem Organismus, der ſich einen Plan entwirft, dieſen Plan durchdenkt und verändert, und ſchließlich die Geſchöpfe nach dieſem Plane ausführt, wie ein menſchlicher Archi—

Haeckel, Natürl. Schöpfungsgeſch. 4. Aufl

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66 Wiſſenſchaftliche Unzulänglichkeit aller Schöpfungsvorſtellungen.

tekt ſein Bauwerk. Wenn ſelbſt ſo hervorragende Naturforſcher wie Linné, Cuvier und Agaſſiz, die Hauptvertreter der dualiſtiſchen Schöpfungshypotheſe, zu keiner genügenderen Anſicht gelangen konn— ten, ſo wird daraus am beſten die Unzulänglichkeit aller derjenigen Vorſtellungen hervorgehen, welche die Mannichfaltigkeit der organi— ſchen Natur aus einer ſolchen Schöpfung der einzelnen Arten ab— leiten wollen. Es haben zwar einige Naturforſcher, welche das wiſ— ſenſchaftlich ganz Unbefriedigende dieſer Vorſtellungen einſahen, ver— ſucht, den Begriff des perſönlichen Schöpfers durch denjenigen einer unbewußt wirkenden ſchöpferiſchen Naturkraft zu erſetzen; indeſſen iſt dieſer Ausdruck offenbar eine bloße umſchreibende Redensart, ſobald nicht näher gezeigt wird, worin dieſe Naturkraft beſteht, und wie ſie wirkt. Daher haben auch dieſe letzteren Verſuche durchaus keine Gel— tung in der Wiſſenſchaft errungen. Vielmehr hat man ſich genöthigt geſehen, ſobald man eine ſelbſtſtändige Entſtehung der verſchiedenen Thier- und Pflanzenformen annahm, immer auf ebenſo viele Schö— pfungsakte zurückzugreifen, d. h. auf übernatürliche Eingriffe des Schöpfers in den natürlichen Gang der Dinge, der im Uebrigen ohne ſeine Mitwirkung abläuft.

Nun haben allerdings verſchiedene teleologiſche Naturforſcher, welche die wiſſenſchaftliche Unzuläſſigkeit einer übernatürlichen „Schö— pfung“ fühlten, die letztere noch dadurch zu retten geſucht, daß ſie unter Schöpfung „Nichts weiter als eine uns unbekannte, unfaßbare Weiſe der Entſtehung“ verſtanden wiſſen wollten. Dieſer ſophiſti— ſchen Ausflucht ſchneidet der treffliche Fritz Müller mit folgender ſchlagenden Gegenbemerkung jeden Rettungspfad ab: „Es ſoll da— durch nur in verblümter Weiſe das verſchämte Geſtändniß ausge— ſprochen werden, daß man über die Entſtehung der Arten „gar keine Meinung habe“ und haben wolle. Nach dieſer Erklärung des Wortes würde man ebenſowohl von der Schöpfung der Cholera und der Syphilis, von der Schöpfung einer Feuersbrunſt und eines Eiſen— bahnunglücks, wie von der Schöpfung des Menſchen reden können.“ (Jenaiſche Zeitſchrift f. M. u. N. V. Bd. S. 272.)

Wiſſenſchaftliche Unentbehrlichkeit der Entwickelungstheorien. 67

Gegenüber nun dieſer vollſtändigen wiſſenſchaftlichen Unzuläſſig— keit aller Schöpfungshypotheſen ſind wir gezwungen, zu den entge— gengeſetzten Entwickelungstheorien der Organismen unſere Zu— flucht zu nehmen, wenn wir uns überhaupt eine vernünftige Vorſtel— lung von der Entſtehung der Organismen machen wollen. Wir ſind gezwungen und verpflichtet dazu, ſelbſt wenn dieſe Entwickelungstheo— rien nur einen Schimmer von Wahrſcheinlichkeit auf eine mechaniſche, natürliche Entſtehung der Thier- und Pflanzenarten fallen laſſen; um ſo mehr aber, wenn, wie Sie ſehen werden, dieſe Theorien eben ſo einfach und klar, als vollſtändig und umfaſſend die geſammten Thatſachen erklären. Dieſe Entwickelungstheorien ſind keineswegs, wie ſie oft fälſchlich angeſehen werden, willkürliche Einfälle, oder beliebige Erzeugniſſe der Einbildungskraft, welche nur die Entſtehung dieſes oder jenes einzelnen Organismus annähernd zu erklären ver- ſuchen; ſondern ſie ſind ſtreng wiſſenſchaftlich begründete Theorien, welche von einem feſten und klaren Standpunkte aus die Geſammt— heit der organiſchen Naturerſcheinungen, und insbeſondere die Ent— ſtehung der organiſchen Species auf das Einfachſte erklären, und als die nothwendigen Folgen mechaniſcher Naturvorgänge nachweiſen.

Wie ich bereits im zweiten Vortrage Ihnen zeigte, fallen dieſe Entwickelungstheorien naturgemäß mit derjenigen allgemeinen Welt— anſchauung zuſammen, welche man gewöhnlich als die einheitliche oder moniſtiſche, häufig auch als die mechaniſche oder caufale zu bezeichnen pflegt, weil ſie nur mechaniſche oder nothwendig wir— kende Urſachen (causae efficientes) zur Erklärung der Naturer— ſcheinungen in Anſpruch nimmt. Ebenſo fallen auf der anderen Seite die von uns bereits betrachteten übernatürlichen Schöpfungshypothe— ſen mit derjenigen, völlig entgegengeſetzten Weltauffaſſung zuſammen, welche man im Gegenſatz zur erſteren die zwieſpältige oder duali- ſtiſche, oft auch die teleologiſche oder vitale nennt, weil ſie die organiſchen Naturerſcheinungen aus der Wirkſamkeit zweckthätiger oder zweckmäßig wirkender Urſachen (causae finales) ableitet. Gerade in dieſem tiefen inneren Zuſammenhang der verſchiedenen

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68 Grundgedanken der Entwickelungstheorien.

Schöpfungstheorien mit den höchſten Fragen der Philoſophie liegt für uns die Anreizung zu ihrer eingehenden Betrachtung.

Der Grundgedanke, welcher allen natürlichen Entwickelungs— theorien nothwendig zu Grunde liegen muß, iſt derjenige einer all- mählichen Entwickelung aller (auch der vollkommenſten) Organismen aus einem einzigen oder aus ſehr wenigen, ganz einfachen und ganz unvollkommenen Urweſen, welche nicht durch übernatürliche Schöpfung, ſondern durch Urzeugung oder Archi— gonie (Generatio spontanea) aus anorganiſcher Materie entſtanden. Eigentlich ſind in dieſem Grundgedanken zwei verſchiedene Vorſtellun— gen verbunden, welche aber in tiefem inneren Zuſammenhang ſtehen, nämlich erſtens die Vorſtellung der Urzeugung oder Archigonie der urſprünglichen Stammweſen, und zweitens die Vorſtellung der fort— ſchreitenden Entwickelung der verſchiedenen Organismenarten aus jenen einfachſten Stammweſen. Dieſe beiden wichtigen mechaniſchen Vorſtellungen ſind die unzertrennlichen Grundgedanken jeder ſtreng wiſſenſchaftlich durchgeführten Entwickelungstheorie. Weil dieſelbe eine Abſtammung der verſchiedenen Thier- und Pflanzenarten von einfach— ſten gemeinſamen Stammarten behauptet, konnten wir ſie auch als Abſtammungslehre (Deſcendenztheorie), und weil damit zugleich eine Umbildung der Arten verbunden iſt, als Umbildungslehre (Transmutationstheorie) bezeichnen.

Während übernatürliche Schöpfungsgeſchichten ſchon vor vielen

Jahrtauſenden, in jener unvordenklichen Urzeit entſtanden ſein müſ— ſen, als der Menſch, eben erſt aus dem Affenzuſtande ſich entwickelnd, zum erſten Male anfing, eingehender über ſich ſelbſt und über die Ent— ſtehung der ihn umgebenden Körperwelt nachzudenken, ſo ſind dage— gen die natürlichen Entwickelungstheorien nothwendig viel jüngeren Urſprungs. Wir können dieſen erſt bei gereifteren Culturvölkern be— gegnen, denen durch philoſophiſche Bildung die Nothwendigkeit einer natürlichen Urſachenerkenntniß klar geworden war; und auch bei die— ſen dürfen wir zunächſt nur von einzelnen bevorzugten Naturen erwar— ten, daß ſie den Urſprung der Erſcheinungswelt ebenſo wie deren Ent—

Entwickelungstheorie des Ariſtoteles. 69

wickelungsgang, als die nothwendige Folge von mechaniſchen, natür— lich wirkenden Urſachen erkannten. Bei keinem Volke waren dieſe Vorbedingungen für die Entſtehung einer natürlichen Entwickelungs— theorie jemals ſo vorhanden, wie bei den Griechen des klaſſiſchen Alterthums. Dieſen fehlte aber auf der anderen Seite zu ſehr die nähere Bekanntſchaft mit den Thatſachen der Naturvorgänge und ihren Formen, und ſomit die erfahrungsmäßige Grundlage für eine weitere Durchbildung der Entwickelungstheorie. Die exakte Naturfor— ſchung und die überall auf empiriſcher Baſis begründete Naturerkennt— niß war ja dem Alterthum ebenſo wie dem Mittelalter faſt ganz un— bekannt und iſt erſt eine Errungenſchaft der neueren Zeit. Wir haben daher auch hier keine nähere Veranlaſſung, auf die natürlichen Ent— wickelungstheorien der verſchiedenen griechiſchen Weltweiſen einzuge— hen, da denſelben zu ſehr die erfahrungsmäßige Kenntniß ſowohl von der organiſchen als von der anorganiſchen Natur abging, und ſie ſich demgemäß faſt immer nur in luftigen Speculationen verirrten.

Nur einen Mann müſſen wir hier ausnahmsweiſe hervorheben, den größten und den einzigen wahrhaft großen Naturforſcher des Alterthums und des Mittelalters, einen der erhabenſten Genien aller Zeiten: Ariſtoteles. Wie derſelbe in empiriſch-philoſophiſcher Na- turerkenntniß und insbeſondere im Verſtändniß der organiſchen Natur, während eines Zeitraums von mehr als zweitauſend Jahren einzig daſteht, beweiſen uns die koſtbaren Reſte ſeiner nur theilweis erhal— tenen Werke. Auch von einer natürlichen Entwickelungstheorie finden ſich in denſelben mehrfache Spuren vor. Ariſtoteles nimmt mit voller Beſtimmtheit die Urzeugung als die natürliche Entſtehungsart der niederen organiſchen Weſen an. Er läßt Thiere und Pflanzen aus der Materie ſelbſt durch deren ureigene Kraft entſtehen, ſo z. B. Motten aus Wolle, Flöhe aus faulem Miſt, Milben aus feuchtem Holz u. ſ. w. Da ihm jedoch die Unterſcheidung der organiſchen Spe— cies, welche erſt mehr als zweitauſend Jahre ſpäter Linné gelang, unbekannt war, konnte er über deren genealogiſches Verhältniß ſich noch keine Vorſtellungen bilden.

70 Bedeutung der Naturphiloſophie.

Der Grundgedanke der Entwickelungstheorie, daß die verſchiede— nen Thier- und Pflanzenarten ſich aus gemeinſamen Stammarten durch Umbildung entwickelt haben, konnte natürlich erſt klar ausge— ſprochen werden, nachdem die Arten oder Species ſelbſt genauer be— kannt geworden, und nachdem auch ſchon die ausgeſtorbenen Species neben den lebenden in Betracht gezogen und eingehender mit letzteren verglichen worden waren. Dies geſchah erſt gegen Ende des vorigen und im Beginn unſeres Jahrhunderts. Erſt im Jahre 1801 ſprach der große Lamarck die Entwickelungstheorie aus, welche er 1809 in feiner klaſſiſchen „Philosophie zoologique“ weiter ausführte 2). Während Lamarck und ſein Landsmann Geoffroy S. Hilaire in Frankreich den Anſichten Cu viers gegenüber traten und eine natür— liche Entwickelung der organiſchen Species durch Umbildung und Ab— ſtammung behaupteten, vertraten gleichzeitig in Deutſchland Goethe und Oken dieſelbe Richtung und halfen die Entwickelungstheorie begründen. Da man gewöhnlich alle dieſe Naturforſcher als „Na— turphiloſophen“ zu bezeichnen pflegt, und da dieſe vieldeutige Bezeichnung in einem gewiſſen Sinne ganz richtig iſt, ſo erſcheint es mir zunächſt angemeſſen, hier einige Worte über die richtige Wür— digung der Naturphiloſophie vorauszuſchicken.

Während man in England ſchon ſeit langer Zeit die Begriffe Naturwiſſenſchaft und Philoſophie faſt als gleichbedeutend anſieht, und mit vollem Recht jeden wahrhaft wiſſenſchaftlich arbeitenden Natur- forſcher einen Naturphiloſophen nennt, wird dagegen in Deutſchland ſchon ſeit mehr als einem halben Jahrhundert die Naturwiſſenſchaft ſtreng von der Philoſophie geſchieden, und die naturgemäße Verbin⸗ dung beider zu einer wahren „Naturphiloſophie“ wird nur von We— nigen anerkannt. An dieſer Verkennung ſind die phantaſtiſchen Aus— ſchreitungen der früheren deutſchen Naturphiloſophen, Okens, Schel— lings u. ſ. w. Schuld, welche glaubten, die Naturgeſetze aus ihrem Kopfe konſtruiren zu können, ohne überall auf dem Boden der that- ſächlichen Erfahrung ſtehen bleiben zu müſſen. Als ſich dieſe An— maßungen in ihrer ganzen Leerheit herausgeſtellt hatten, ſchlugen die

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Empirie und Philoſophie. 71

Naturforſcher unter der „Nation von Denkern“ in das gerade Gegen— theil um, und glaubten, das hohe Ziel der Wiſſenſchaft, die Erkennt— niß der Wahrheit, auf dem Wege der nackten ſinnlichen Erfahrung, ohne jede philoſophiſche Gedankenarbeit erreichen zu können. Von nun an, beſonders ſeit dem Jahre 1830, machte ſich bei den meiſten Naturforſchern eine ſtarke Abneigung gegen jede allgemeinere, philo— ſophiſche Betrachtung der Natur geltend. Man fand nun das eigent— liche Ziel der Naturwiſſenſchaft in der Erkenntniß des Einzelnen und glaubte daſſelbe in der Biologie erreicht, wenn man mit Hülfe der feinſten Inſtrumente und Beobachtungsmittel die Formen und die Le— benserſcheinungen aller einzelnen Organismen ganz genau erkannt haben würde. Zwar gab es immerhin unter dieſen ſtreng empiriſchen oder ſogenannten exakten Naturforſchern zahlreiche, welche ſich über dieſen beſchränkten Standpunkt erhoben und das letzte Ziel in einer Erkenntniß allgemeiner Organiſationsgeſetze finden wollten. Indeſſen die große Mehrzahl der Zoologen und Botaniker in den letzten drei bis vier Decennien wollte von ſolchen allgemeinen Geſetzen Nichts wiſſen; ſie geſtanden höchſtens zu, daß vielleicht in ganz entfernter Zukunft, wenn man einmal am Ende aller empiriſchen Erkenntniß angelangt ſein würde, wenn alle einzelnen Thiere und Pflanzen voll— ſtändig unterſucht worden ſeien, man daran denken könne, allgemeine biologiſche Geſetze zu entdecken.

Wenn man die wichtigſten Fortſchritte, die der menſchliche Geiſt in der Erkenntniß der Wahrheit gemacht hat, zuſammenfaſſend ver— gleicht, ſo erkennt man bald, daß es ſtets philoſophiſche Gedanken— operationen ſind, durch welche dieſe Fortſchritte erzielt wurden, und daß jene, allerdings nothwendig vorhergehende ſinnliche Erfahrung und die dadurch gewonnene Kenntniß des Einzelnen nur die Grund— lage für jene allgemeinen Geſetze liefern. Empirie und Philoſophie ſtehen daher keineswegs in ſo ausſchließendem Gegenſatz zu einan— der, wie bisher von den Meiſten angenommen wurde; ſie ergänzen

ſich vielmehr nothwendig. Der Philoſoph, welchem der unumſtöß— liche Boden der ſinnlichen Erfahrung, der empiriſchen Kenntniß

72 Empirie und Philoſophie.

fehlt, gelangt in ſeinen allgemeinen Speculationen ſehr leicht zu Fehl— ſchlüſſen, welche ſelbſt ein mäßig gebildeter Naturforſcher ſofort wi— derlegen kann. Andrerſeits können die rein empiriſchen Naturfor⸗ ſcher, die ſich nicht um philoſophiſche Zuſammenfaſſung ihrer ſinnli— chen Wahrnehmungen bemühen, und nicht nach allgemeinen Erkennt— niſſen ſtreben, die Wiſſenſchaft nur in ſehr geringem Maße fördern, und der Hauptwerth ihrer mühſam gewonnenen Einzelkenntniſſe liegt in den allgemeinen Reſultaten, welche ſpäter umfaſſendere Geiſter aus denſelben ziehen. Bei einem allgemeinen Ueberblick über den Ent— wickelungsgang der Biologie ſeit Linné finden Sie leicht, wie dies Bär ausgeführt hat, ein beſtändiges Schwanken zwiſchen dieſen bei— den Richtungen, ein Ueberwiegen einmal der empiriſchen (ſogenannten exakten) und dann wieder der philoſophiſchen (ſpeculativen) Richtung. So hatte ſich ſchon zu Ende des vorigen Jahrhunderts, im Gegen— ſatz gegen Linne's rein empiriſche Schule, eine naturphiloſophiſche Reaction erhoben, deren bewegende Geiſter, Lamarck, Geoffroy S. Hilaire, Goethe und Oken, durch ihre Gedankenarbeit Licht und Ordnung in das Chaos des aufgehäuften empiriſchen Rohmate— rials zu bringen ſuchten. Gegenüber den vielfachen Irrthümern und den zu weit gehenden Speculationen dieſer Naturphiloſophen trat dann Cuvier auf, welcher eine zweite, rein empiriſche Periode her— beiführte. Dieſe erreichte ihre einſeitigſte Entwickelung während der Jahre 1830 — 1860, und nun folgte ein zweiter philoſophiſcher Rück— ſchlag, durch Darwins Werk veranlaßt. Man fing nun im letzten Decennium wieder an, ſich zur Erkenntniß der allgemeinen Naturge— ſetze hinzuwenden, denen doch ſchließlich alle einzelnen Erfahrungs— kenntniſſe nur als Grundlage dienen, und durch welche letztere erſt ihren wahren Werth erlangen. Durch die Philoſophie wird die Na— turkunde erſt zur wahren Wiſſenſchaft, zur „Naturphiloſophie“ (Gen. Morph. I, 63 — 108).

Unter den großen Naturphiloſophen, denen wir die erſte Begrün- dung einer organiſchen Entwickelungstheorie verdanken, und welche neben Charles Darwin als die Urheber der Abſtammungslehre

Goethe's Verdienſte als Naturforſcher. 73

glänzen, ſtehen obenan Jean Lamarck und Wolfgang Goethe. Ich wende mich zunächſt zu unſerm theuren Goethe, welcher von Allen uns Deutſchen am nächſten ſteht. Bevor ich Ihnen jedoch ſeine beſonderen Verdienſte um die Entwickelungstheorie erläutere, ſcheint es mir paſſend, Einiges über ſeine Bedeutung als Naturforſcher über— haupt zu ſagen, da dieſelbe gewöhnlich ſehr verkannt wird.

Gewiß die Meiſten unter ihnen verehren Goethe nur als Dich— ter und Menſchen; nur wenige werden eine Vorſtellung von dem hohen Werth haben, den ſeine naturwiſſenſchaftlichen Arbeiten beſitzen, von dem Rieſenſchritt, mit dem er ſeiner Zeit vorauseilte, — ſo vor— auseilte, daß eben die meiſten Naturforſcher der damaligen Zeit ihm nicht nachkommen konnten. Das Mißgeſchick, daß ſeine naturphilo— ſophiſchen Verdienſte von ſeinen Zeitgenoſſen verkannt wurden, hat Goethe oft ſchmerzlich empfunden. An verſchiedenen Stellen ſeiner naturwiſſenſchaftlichen Schriften beklagt er ſich bitter über die be— ſchränkten Fachleute, welche ſeine Arbeiten nicht zu würdigen verſtehen, welche den Wald vor lauter Bäumen nicht ſehen, und welche ſich nicht dazu erheben können, aus dem Wuſt des Einzelnen allgemeine Natur— geſetze herauszufinden. Nur zu gerecht iſt ſein Vorwurf: „Der Philo— ſoph wird gar bald entdecken, daß ſich die Beobachter ſelten zu einem Standpunkte erheben, von welchem ſie ſo viele bedeutend bezügliche Ge— genſtände überſehen können.“ Weſentlich allerdings wurde dieſe Ver— kennung verſchuldet durch den falſchen Weg, auf welchen Goethe in ſeiner Farbenlehre gerieth. Die Farbenlehre, die er ſelbſt als das Lieblingskind ſeiner Muße bezeichnet, iſt in ihren Grundlagen durch— aus verfehlt, ſoviel Schönes ſie auch im Einzelnen enthalten mag. Die exakte mathematiſche Methode, mittelſt welcher man allein zu— nächſt in den anorganiſchen Naturwiſſenſchaften, in der Phyſik vor Allem, Schritt für Schritt auf unumſtößlich feſter Baſis weiter bauen kann, war Goethe durchaus zuwider. Er ließ ſich in der Verwer— fung derſelben nicht allein zu großen Ungerechtigkeiten gegen die her— vorragendſten Phyſiker hinreißen, ſondern auch auf Irrwege verleiten, die ſeinen übrigen werthvollen Arbeiten ſehr geſchadet haben. Ganz

74 Goethe's Metamorphoſe der Pflanzen.

etwas Anderes iſt es in den organiſchen Naturwiſſenſchaften, in wel— chen wir nur ſelten im Stande ſind, von Anfang an gleich auf der unumſtößlich feſten, mathematiſchen Baſis vorzugehen, vielmehr ge— zwungen ſind, wegen der unendlich ſchwierigen und verwickelten Na— tur der Aufgabe, uns zunächſt Inductionsſchlüſſe zu bilden; d. h. wir müſſen aus zahlreichen einzelnen Beobachtungen, die doch nicht ganz vollſtändig ſind, ein allgemeines Geſetz zu begründen ſuchen. Die denkende Vergleichung der verwandten Erſcheinungsreihen, die Combination iſt hier das wichtigſte Forſchungsinſtrument, und dieſe wurde von Goethe mit ebenſo viel Glück als bewußter Wertherkenntniß bei ſeinen naturphiloſophiſchen Arbeiten angewandt.

Von den Schriften Goethe's, die ſich auf die organiſche Natur beziehen, iſt am berühmteſten die Metamorphoſe der Pflan— zen geworden, welche 1790 erſchien; ein Werk, welches inſofern den Grundgedanken der Entwickelungstheorie deutlich erkennen läßt, als Goethe darin bemüht war, ein einziges Grundorgan nachzuweiſen, durch deſſen unendlich mannichfaltige Ausbildung und Umbildung man ſich den ganzen Formenreichthum der Pflanzenwelt entſtanden denken könne; dieſes Grundorgan fand er im Blatt. Wenn damals ſchon die Anwendung des Mikroſkops eine allgemeine geweſen wäre, wenn Goethe den Bau der Organismen mit dem Mikroſkop durchforſcht hätte, ſo würde er noch weiter gegangen ſein, und das Blatt bereits als ein Vielfaches von individuellen Theilen niederer Ordnung, von Zellen, erkannt haben. Er würde dann nicht das Blatt, ſondern die Zelle als das eigentliche Grundorgan aufgeſtellt haben, durch deſ— ſen Vermehrung, Umbildung und Verbindung (Syntheſe) zunächſt das Blatt entſteht, ſowie weiterhin durch Umbildung, Variation und Zuſammenſetzung der Blätter alle die mannichfaltigen Schönheiten in Form und Farbe entſtehen, welche wir ebenſo an den echten Ernäh— rungsblättern, wie an den Fortpflanzungsblättern oder den Blüthen- theilen der Pflanzen bewundern. Indeſſen ſchon dieſer Grundgedanke war durchaus richtig. Goethe zeigte darin, daß man, um das Ganze der Erſcheinung zu erfaſſen, erſtens vergleichen und dann zwei—

Goethe's Wirbeltheorie des Schädels. 75

tens einen einfachen Typus, eine einfache Grundform, ein Thema gewiſſermaßen ſuchen müſſe, von dem alle übrigen Geſtalten nur die unendlich mannichfaltigen Variationen ſeien.

Etwas Aehnliches, wie er hier in der Metamorphoſe der Pflanzen leiſtete, gab er dann für die Wirbelthiere in ſeiner berühmten Wir— beltheorie des Schädels. Goethe zeigte zuerſt, unabhängig von Oken, welcher faſt gleichzeitig auf denſelben Gedanken kam, daß der Schädel des Menſchen und aller anderen Wirbelthiere, zunächſt der Säugethiere, Nichts weiter ſei als das umgewandelte vorderſte Stück der Wirbelſäule oder des Rückgrats. Die Knochenkapſel des Schädels erſcheint danach aus mehreren Knochenringen zuſammenge— ſetzt, welche den Wirbeln des Rückgrats urſprünglich gleichwerthig ſind. Allerdings iſt dieſe Idee kürzlich durch die ſcharfſinnigen Un— terſuchungen von Gegenbaur ?)) ſehr bedeutend modificirt wor— den. Dennoch gehörte ſie in jener Zeit zu den größten Fortſchrit— ten der vergleichenden Anatomie, und war für das Verſtändniß des Wirbelthierbaues eine der erſten Grundlagen. Wenn zwei Körpers theile, die auf den erſten Blick ſo verſchieden ausſehen, wie der Hirnſchädel und die Wirbelſäule, ſich als urſprünglich gleichartige, aus einer und derſelben Grundlage hervorgebildete Theile nachwei— ſen ließen, ſo war damit eine der ſchwierigſten naturphiloſophiſchen Aufgaben gelöſt. Auch hier begegnet uns wieder der Gedanke des einheitlichen Typus, der Gedanke des einzigen Themas, das nur in den verſchiedenen Arten und in den Theilen der einzelnen Arten un— endlich variirt wird.

Es waren aber nicht bloß ſolche weitgreifende Geſetze, um de— ren Erkenntniß ſich Goethe bemühte, ſondern es waren auch zahl- reiche einzelne, namentlich vergleichend-anatomiſche Unterſuchungen, die ihn lange Zeit hindurch aufs lebhafteſte beſchäftigten. Unter die— ſen iſt vielleicht keine intereſſanter, als die Entdeckung des Zwi— ſchenkiefer beim Menſchen. Da dieſe in mehrfacher Beziehung von Bedeutung für die Entwickelungstheorie iſt, ſo erlaube ich mir, Ihnen dieſelbe kurz hier darzulegen. Es exiſtiren bei ſämmtlichen

76 Goethe's Entdeckung des Zwiſchenkiefers beim Menſchen.

Säugethieren in der oberen Kinnlade zwei Knochenſtückchen, welche in der Mittellinie des Geſichts, unterhalb der Naſe, ſich berühren, und in der Mitte zwiſchen den beiden Hälften des eigentlichen Oberkiefer— knochens gelegen ſind. Dieſes Knochenpaar, welches die vier oberen Schneidezähne trägt, iſt bei den meiſten Säugethieren ohne Weiteres ſehr leicht zu erkennen; beim Menſchen dagegen war es zu jener Zeit nicht bekannt, und berühmte vergleichende Anatomen legten ſogar auf dieſen Mangel des Zwiſchenkiefers einen ſehr großen Werth, indem ſie denſelben als Hauptunterſchied zwiſchen Menſchen und Affen an— ſahen; es wurde der Mangel des Zwiſchenkiefers ſeltſamer Weiſe als der menſchlichſte aller menſchlichen Charaktere hervorgehoben. Nun wollte es Goethe durchaus nicht in den Kopf, daß der Menſch, der in allen übrigen körperlichen Beziehungen offenbar nur ein höher ent— wickeltes Säugethier ſei, dieſen Zwiſchenkiefer entbehren ſolle. Er zog aus dem allgemeinen Inductions-Geſetz des Zwiſchenkiefers bei den Säugethieren den beſonderen Deductionsſchluß, daß derſelbe auch beim Menſchen vorkommen müſſe; und er hatte keine Ruhe, bis er bei Vergleichung einer großen Anzahl von Schädeln wirklich den Zwi⸗ ſchenkiefer auffand. Bei einzelnen Individuen iſt derſelbe die ganze Lebenszeit hindurch erhalten, während er gewöhnlich frühzeitig mit dem benachbarten Oberkiefer verwächſt, und nur bei ſehr jugendlichen Menſchenſchädeln als ſelbſtſtändiger Knochen nachzuweiſen iſt. Bei den menſchlichen Embryonen kann man ihn jetzt jeden Augenblick vorzeigen. Der Zwiſchenkiefer iſt alſo beim Menſchen in der That vorhanden, und Goethe gebührt der Ruhm, dieſe in vielfacher Be— ziehung wichtige Thatſache zuerſt feſtgeſtellt zu haben, und zwar ge— gen den Widerſpruch der wichtigſten Fachautoritäten, z. B. des be— rühmten Anatomen Peter Camper. Beſonders intereſſant iſt dabei der Weg, auf dem er zu dieſer Feſtſtellung gelangte; es iſt der Weg, auf dem wir beſtändig in den organiſchen Naturwiſſenſchaften fort— ſchreiten, der Weg der Induction und Deduction. Die Induction iſt ein Schluß aus zahlreichen einzelnen beobachteten Fällen auf ein allgemeines Geſetz; die Deduction dagegen iſt ein Rückſchluß aus

Goethe's Theilnahme an der Naturphiloſophie. 77

dieſem allgemeinen Geſetz auf einen einzelnen, noch nicht wirklich beobachteten Fall. Aus den damals geſammelten empiriſchen Kennt— niſſen ging der Inductionsſchluß hervor, daß ſämmtliche Säugethiere den Zwiſchenkiefer beſitzen. Goethe zog daraus den Deductions— ſchluß, daß der Menſch, der in allen übrigen Beziehungen ſeiner Or— ganiſation nicht weſentlich von den Säugethieren verſchieden ſei, auch dieſen Zwiſchenkiefer beſitzen müſſe; und er fand ſich in der That bei eingehender Unterſuchung. Es wurde der Deductionsſchluß durch die nachfolgende Erfahrung beſtätigt oder verificirt.

Schon dieſe wenigen Züge mögen Ihnen den hohen Werth vor Augen führen, den wir Goethe's biologiſchen Forſchungen zuſchrei— ben müſſen. Leider ſind die meiſten ſeiner darauf bezüglichen Arbei— ten ſo verſteckt in ſeinen geſammelten Werken, und die wichtigſten Be— obachtungen und Bemerkungen ſo zerſtreut in zahlreichen einzelnen Aufſätzen, die andere Themata behandeln, daß es ſchwer iſt, ſie her— auszufinden. Auch iſt bisweilen eine vortreffliche, wahrhaft wiſſen— ſchaftliche Bemerkung ſo eng mit einem Haufen unbrauchbarer natur— philoſophiſcher Phantaſiegebäude verknüpft, daß letztere der erſteren großen Eintrag thun.

Für das außerordentliche Intereſſe, welches Goethe für die organiſche Naturforſchung hegte, iſt vielleicht Nichts bezeichnender, als die lebendige Theilnahme, mit welcher er noch in ſeinen letzten Le— bensjahren den in Frankreich ausgebrochenen Streit zwiſchen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire verfolgte. Goethe hat eine intereſ— ſante Darſtellung dieſes merkwürdigen Streites und ſeiner allgemei— nen Bedeutung, ſowie eine treffliche Charakteriſtik der beiden großen Gegner in einer beſonderen Abhandlung gegeben, welche er erſt we— nige Tage vor ſeinem Tode, im März 1832, vollendete. Dieſe Ab— handlung führt den Titel: „Principes de Philosophie zoologique par Mr. Geoffroy de Saint-Hilaire“; ſie iſt Goethe's letztes Werk, und bildet in der Geſammtausgabe ſeiner Werke deren Schluß. Der Streit ſelbſt war in mehrfacher Beziehung von höchſtem Intereſſe. Er drehte ſich weſentlich um die Berechtigung der Entwickelungstheorie.

78 Streit zwiſchen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire.

Dabei wurde er im Schooße der franzöſiſchen Akademie von beiden Gegnern mit einer perſönlichen Leidenſchaftlichkeit geführt, welche in den würdevollen Sitzungen jener gelehrten Körperſchaft faſt unerhört war, und welche bewies, daß beide Naturforſcher für ihre heiligſten

und tiefſten Ueberzeugungen kämpften. Am 22ſten Februar 1830 fand

der erſte Konflikt ſtatt, welchem bald mehrere andere folgten, der heftigſte am 19. Juli 1830. Geoffroy als das Haupt der franzö— ſiſchen Naturphiloſophen vertrat die natürliche Entwickelungstheorie und die einheitliche (moniſtiſche) Naturauffaſſung. Er behauptete die Veränderlichkeit der organiſchen Species, die gemeinſchaftliche Abſtam— mung der einzelnen Arten von gemeinſamen Stammformen, und die Einheit der Organiſation, oder die Einheit des Bauplanes, wie man ſich damals ausdrückte. Cuvier war der entſchiedenſte Gegner dieſer Anſchauungen, wie es ja nach dem, was Sie gehört haben, nichts anders ſein konnte. Er verſuchte zu zeigen, daß die Naturphilo— ſophen kein Recht hätten, auf Grund des damals vorliegenden empi— riſchen Materials ſo weitgehende Schlüſſe zu ziehen, und daß die be— hauptete Einheit der Organiſation oder des Bauplanes der Organis— men nicht exiſtire. Er vertrat die teleologiſche (dualiſtiſche) Naturauf— faſſung und behauptete, daß „die Unveränderlichkeit der Species eine nothwendige Bedingung für die Exiſtenz der wiſſenſchaftlichen Natur— geſchichte ſei.“ Cuvier hatte den großen Vortheil vor feinem Geg— ner voraus, für ſeine Behauptungen lauter unmittelbar vor Augen liegende Beweisgründe vorbringen zu können, welche allerdings nur aus dem Zuſammenhang geriſſene einzelne Thatſachen waren. Geof— froy dagegen war nicht im Stande, den von ihm verfochtenen höhe— ren allgemeinen Zuſammenhang der einzelnen Erſcheinungen mit ſo greifbaren Einzelheiten belegen zu können. Daher behielt Cuvier in den Augen der Mehrheit den Sieg, und entſchied für die folgenden drei Jahrzehnte die Niederlage der Naturphiloſophie und die Herrſchaft der ſtreng empiriſchen Richtung. Goethe dagegen nahm natürlich

entſchieden für Geoffroy Partei. Wie lebhaft ihn noch in ſeinem

Streit zwiſchen Cuvier und Geoffroy S. Hilaire. 79

Siſten Jahre dieſer große Kampf beſchäftigte, mag folgende, von Soret erzählte Anekdote bezeugen:

„Montag, 2. Auguſt 1830. Die Nachrichten von der begonne— nen Julirevolution gelangten heute nach Weimar und ſetzten Al— les in Aufregung. Ich ging im Laufe des Nachmittags zu Goethe. „Nun?“ rief er mir entgegen, „was denken Sie von dieſer großen Be— gebenheit? Der Vulkan iſt zum Ausbruch gekommen; alles ſteht in Flammen, und es iſt nicht ferner eine Verhandlung bei geſchloſſenen Thüren!“ Eine furchtbare Geſchichte! erwiderte ich. Aber was ließ ſich bei den bekannten Zuſtänden und bei einem ſolchen Miniſterium anders erwarten, als daß man mit der Vertreibung der bisherigen königlichen Familie endigen würde. „Wir ſcheinen uns nicht zu ver— ſtehen, mein Allerbeſter,“ erwiderte Goethe. „Ich rede gar nicht von jenen Leuten; es handelt ſich bei mir um ganz andere Dinge. Ich rede von dem in der Akademie zum öffentlichen Ausbruch gekom— menen, für die Wiſſenſchaft ſo höchſt bedeutenden Streite zwiſchen Cuvier und Geoffroy de S. Hilaire.“ Dieſe Aeußerung Goe— the's war mir ſo unerwartet, daß ich nicht wußte, was ich ſagen ſollte, und daß ich während einiger Minuten einen völligen Stillſtand in meinen Gedanken verſpürte. „Die Sache iſt von der höchſten Be— deutung,“ fuhr Goethe fort, „und Sie können ſich keinen Begriff davon machen, was ich bei der Nachricht von der Sitzung des 19. Juli empfinde. Wir haben jetzt an Geoffroy de Saint Hilaire einen mächtigen Alliirten auf die Dauer. Ich ſehe aber zugleich daraus, wie groß die Theilnahme der franzöſiſchen wiſſenſchaftlichen Welt in dieſer Angelegenheit ſein muß, indem trotz der furchtbaren politiſchen Aufregung, die Sitzung des 19. Juli dennoch bei einem gefüllten Hauſe ſtattfand. Das Beſte aber iſt, daß die von Geoffroy in Frankreich eingeführte ſynthetiſche Behandlungsweiſe der Natur jetzt nicht mehr rückgängig zu machen iſt. Dieſe Angelegenheit iſt durch die freien Diskuſſionen in der Akademie, und zwar in Gegenwart eines großen Publikums, jetzt öffentlich geworden, ſie läßt ſich nicht mehr

80 Goethe's Entdeckung der beiden organiſchen Bildungstriebe.

an geheime Ausſchüſſe verweiſen und bei geſchloſſenen Thüren abthun und unterdrücken.“

Von den zahlreichen intereſſanten und bedeutenden Sätzen, in welchen ſich Goethe klar über ſeine Auffaſſung der organiſchen Na— tur und ihrer beſtändigen Entwickelung ausſpricht, habe ich in meiner generellen Morphologie der Organismen) eine Auswahl als Leit— worte an den Eingang der einzelnen Bücher und Kapitel geſetzt. Hier führe ich Ihnen zunächſt eine Stelle aus dem Gedichte an, welches die Ueberſchrift trägt: „die Metamorphoſe der Thiere“ (1819).

„Alle Glieder bilden ſich aus nach ew'gen Geſetzen,

„Und die ſeltenſte Form bewahrt im Geheimniß das Urbild.

„Alſo beſtimmt die Geſtalt die Lebensweiſe des Thieres,

„Und die Weiſe zu leben, ſie wirkt auf alle Geſtalten

„Mächtig zurück. So zeiget ſich feſt die geordnete Bildung,

„Welche zum Wechſel ſich neigt durch äußerlich wirkende Weſen.“

Schon hier iſt der Gegenſatz zwiſchen zwei verſchiede— nen organiſchen Bildungstrieben angedeutet, welche ſich ge— genüber ſtehen, und durch ihre Wechſelwirkung die Form des Organismus beſtimmen; einerſeits ein gemeinſames inneres, feſt ſich erhaltendes Urbild, welches den verſchiedenſten Geſtalten zu Grunde liegt; andrerſeits der äußerlich wirkende Einfluß der Umgebung und der Lebensweiſe, welcher umbildend auf das Urbild einwirkt. Noch beſtimmter tritt dieſer Gegenſatz in folgendem Ausſpruch hervor:

„Eine innere urſprüngliche Gemeinſchaft liegt aller Organiſation zu Grunde; die Verſchiedenheit der Geſtalten dagegen entſpringt aus den nothwendigen Beziehungsverhältniſſen zur Außenwelt, und man darf daher eine urſprüngliche, gleichzeitige Verſchiedenheit und eine unaufhaltſam fortſchreitende Umbildung mit Recht annehmen, um die ebenſo konſtanten als abweichenden Erſcheinungen begreifen zu können.“

Das „Urbild“ oder der „Typus“, welcher als „innere urſprüng⸗ liche Gemeinſchaft“ allen organiſchen Formen zu Grunde liegt, iſt der innere Bildungstrieb, welcher die urſprüngliche Bildungsrichtung erhält und durch Vererbung fortpflanzt. Die „unaufhaltſam fort—

Die Specifikation (Vererbung) und die Metamorphoſe (Anpaſſung). S1

ſchreitende Umbildung“ dagegen, welche „aus den nothwendigen Be— ziehungsverhältniſſen zur Außenwelt entſpringt“, bewirkt als äuße— rer Bildungstrieb, durch Anpaſſung an die umgebenden Lebensbedingungen, die unendliche „Verſchiedenheit der Geſtalten“. (Gen. Morph. I, 154; II, 224). Den inneren Bildungstrieb der Vererbung, welcher die Einheit des Urbildes erhält, nennt Goethe an einer anderen Stelle die Centripetalkraft des Organismus, feinen Specifikationstrieb; im Gegenſatz dazu nennt er den äußeren Bildungstrieb der Anpaſſung, welcher die Mannichfaltigkeit der organiſchen Geſtalten hervorbringt, die Centrifugalkraft des Organismus, ſeinen Variationstrieb. Die betreffende Stelle, in wel— cher er ganz klar das „Gegengewicht“ dieſer beiden äußerſt wichtigen organiſchen Bildungstriebe bezeichnet, lautet folgendermaßen: „Die Idee der Metamorphoſe iſt gleich der Vis centrifuga und würde ſich ins Unendliche verlieren, wäre ihr nicht ein Gegengewicht zuge— geben: ich meine den Specifikationstrieb, das zähe Beharr— lichkeitsvermögen deſſen, was einmal zur Wirklichkeit gekommen, eine Vis centripeta, welcher in ihrem tiefſten Grunde keine Aeußerlich— keit etwas anhaben kann.“

Unter Metamorphoſe verſteht Goethe nicht allein, wie es heutzutage gewöhnlich verſtanden wird, die Formveränderungen, welche das organiſche Individuum während ſeiner individuellen Ent— wickelung erleidet, ſondern in weiterem Sinne überhaupt die Um— bildung der organiſchen Formen. Die „Idee der Metamor—